Frauen für Radio Afghanistan

24. Jänner 2002, 15:18
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"Ein unabhängiger Rundfunk ist für eine Demokratie lebenswichtig"

Kabul/Berlin - Giral Faryder Hiller betritt das Gelände der Rundfunkanstalt Afghanistans in schwarzen Stöckelschuhen, aber mit Burka. An ihrem Schreibtisch streift die 42-jährige Journalistin den blauen Umhang ab und nimmt nur ein weißes Tuch. Hiller bereitet die halbstündige Nachrichtensendung in der Sprache Paschtu vor. "Ich bin so froh, dass ich wieder arbeiten darf. Es sprechen mich Leute an, dass sie meine Stimme vermisst haben", sagt die studierte Ingenieurin.

Um die 50 Frauen zu Radio Afghanistan zurückgekehrt

Drei Monate nach dem Machtantritt der Taliban bekam die in Afghanistan landesweit bekannte Moderatorin noch ihr Gehalt bezahlt, musste aber zu Hause bleiben - fast sechs Jahre. Während der Taliban-Herrschaft wurde nur einige Stunden täglich ein religiöses Radioprogramm ausgestrahlt, Fernsehen war ganz verboten. Seit dem Sturz der Taliban Mitte November sind fast fünfzig Frauen wieder zu Radio Afghanistan zurückgekehrt - bei 300 Beschäftigten insgesamt. Vor zwölf Jahren hatte die Anstalt noch 1800 Angestellte, fast die Hälfte davon Frauen.

Wenn Hiller und Komoderator Toorkahan Shirzad um 17 Uhr mit ihrem Programm beginnen, dann leuchtet über der Studiotür das Schild "Ruhe - Sendung" auf. Auch die Geräte in dem kleinen Studio tragen deutsche Bezeichnungen. Vor vierzig Jahren wurde die Technik aus Deutschland geliefert. "Jetzt haben wir Probleme, weil vieles nicht mehr funktioniert", klagt Generaldirektor Enaytyllah Ramz im Gespräch mit dem STANDARD. In weiten Teilen Afghanistans ist das Programm gar nicht zu hören, weil die Sendeanlagen zerstört wurden. Auf dem Gelände der Rundfunkanstalt steht wie ein Monument eine riesige zerschossene Satellitenschüssel für TV-Übertragungen. Sie wurde 1995 von einer Rakete getroffen und bisher nicht repariert.

Radio Afghanistan sendet zwei Stunden Programm am Morgen und dreieinhalb Stunden am Abend mit Nachrichten in den Landessprachen Dari und Paschtu. "Mehr schaffen die Maschinen einfach nicht", so Generaldirektor Ramz. Aber es gibt Hoffnung: Die beiden deutschen TV-Anstalten ZDF und WDR wollen technische Ausrüstung schicken. "Wir brauchen Hilfe aus dem Ausland. Denn ein unabhängiger Rundfunk ist für eine Demokratie lebenswichtig", so der Generaldirektor. DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 2.1.2002

STANDARD- Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid
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