Unbürokratische Hilfe für Verkehrsunfallopfer

1. Jänner 2002, 22:48
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"Rotes Dreieck" bietet "Case Management" an

Wien - Montag, 29. Mai 1989, in Telfs: Waltraud Kanetscheider fährt mit ihrem Opel von der Arbeit nach Hause. An einer Kreuzung bremst sie vorschriftsmäßig, ein nachkommendes Auto kracht in ihren Wagen, verändert ihr Leben: Halswirbelbruch, verschobene Lendenwirbel, Lähmungen, schlampige Ärzte, Berufsunfähigkeit, dutzende Gutachten und Prozesse über Prozesse. Heute, mehr als zwölf Jahre danach, sagt die Tirolerin: "Die Ärzte, die Versicherungen, der Staat - man hat mich im Stich gelassen."

Die Frau wird vom "Roten Dreieck" betreut. Die Organisation kümmert sich, erklärt deren Leiter Rudolf Grünzweig, "um Menschen, die nach einem Verkehrsunfall in ein großes Loch fallen".

Jeden Tag sterben drei Menschen auf Österreichs Straßen. Eine Million sind direkt oder indirekt von Unfallfolgen betroffen. Die Statistik zählt aber nur die - stagnierende - Zahl der Todesopfer, die steigende Zahl der Schwerverletzten wird nicht erfasst: Von geschätzten 4000 Schwerverletzten pro Jahr bleiben etwa 20 Prozent dauerhaft versehrt.

Zweimal Opfer

"Viele davon", erklärt Grünzweig, "werden von ihrer Familie aufgefangen." Einige aber verhedderten sich allein gelassen und hilflos im ausufernden bürokratischen Procedere nach einem Unfall: "Sie werden zwischen Gerichten, Gutachtern, Krankenkassen und Versicherungen ein zweites Mal zum Opfer."

Dagegen versucht das "Rote Dreieck" mit individuellem "Case Management" vorzugehen: Es werden Schuldenregulierungsverfahren eingeleitet, Scheidungen abgewickelt, behindertengerechte Wohnungen gesucht. Heilbehelfe, Arzneien und Therapien werden organisiert - oft gegen Widerstand der Krankenkassen.

"Unser Staat", ärgert sich Grünzweig, "stellt Geld für Raucher, Alkoholiker und Übergewichtige zur Verfügung, die sich ihre Leiden selber zufügen. Für schuldlose Unfallopfer gibt es aber sehr oft keine Hilfe."

Waltraud Kanetscheider muss von 6000 Schilling (436 EURO) Berunfsunfähigkeitspension leben. Von der Versicherung ihres Unfallgegners hat sie nach zwölf Jahren und Prozessen bis zum Oberlandesgericht noch immer keinen Schilling gesehen. "Wäre ich nicht verheiratet, wäre ich ein Sozialfall geworden", sagt sie. (chr)
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2002)

Infos: 0800/22 00 30


LINK:
www.rotesdreieck.at
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