Terror ist Terror - von Markus Bernath

1. Jänner 2002, 20:04
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Nehmen wir einmal an, der amerikanische Präsident George W. Bush hätte in den vergangenen Tagen nicht so oft den Hörer in die Hand genommen und mit Indiens Regierungschef und Pakistans Präsidenten und Militärmachthaber telefoniert: Hätte der vierte Krieg zwischen den beiden Rivalen schon begonnen? Vielleicht nicht. Einiges spricht dafür, dass sich Atal Behari Vajpayee und Pervez Musharraf selbst ihrer Verantwortung als Führer zweier Atommächte in der mittlerweile größten Krisenregion der Welt bewusst geworden sind.

In den drei Wochen seit dem Terrorangriff mutmaßlich pakistanischer Extremisten auf das indische Parlament sind die beiden Staaten gefährlich nahe an den Rand einer kriegerischen Auseinandersetzung gerückt, haben den größten Truppenaufmarsch seit einem Jahrzehnt entlang der Kontrolllinie des geteilten Kaschmir veranlasst und dabei doch immer die Tür zu Gesprächen offen gelassen. So haben Neu-Delhi und Islamabad ungeachtet der derzeitigen Spannungen gerade ihren zehn Jahre alten Nichtangriffspakt auf atomare Anlagen erneuert.

Vieles weist aber ebenso darauf hin, dass nur der Druck aus Washington die feindlichen Brüder bändigen kann. Vajpayee und seine nationalistische Hindukoalition haben 1998 ohne Not - und unter ganz anderen internationalen Vorzeichen - fünf atomare Sprengsätze gezündet. Musharraf hingegen, der sich ein Jahr später in Pakistan an die Macht putschte, war der Kommandant der größten Militäroffensive der vergangenen Jahre in Kaschmir. Mit seiner einfachen Formel "Terror ist Terror" drängte Bush die Pakistani erfolgreich zur Festnahme muslimischer Extremisten und besänftigte zugleich die Inder: Ein Feldzug gegen Pakistan würde nur der internationalen Antiterrorkoalition und damit letztlich auch Indiens Interessen schaden.

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2002)
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