Argentinien: Führungslos und pleite - von Erhard Stackl

1. Jänner 2002, 20:04
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Argentinien erhält, wenn man die nur wenige Stunden amtierenden Interimspräsidenten mitzählt, soeben den fünften Staatschef in weniger als zwei Wochen. Damit ist das südamerikanische Land, das durch anhaltende Straßenproteste gegen scharfe Sparprogramme zur Begleichung der horrenden Auslandschulden aus dem Gleichgewicht gebracht worden ist, endgültig in die schwerste Krise seit dem Ende der Militärdiktatur 1983 gestürzt. Derzeit verhalten sich die Militärs - und das ist das einzig Positive in der gegenwärtigen Lage - noch still. Die Hauptrolle spielen die Peronisten, ohne die seit den 40er-Jahren in Argentinien - damals ein reiches Land - politisch nichts geht. Sie gelten als Schönwetterpartei: gut im Verteilen von Staatseinnahmen und von geborgtem Geld, aber eine Katastrophe, wenn es um die Sanierung der Finanzen geht.

Anhänger der Peronisten waren es, die Präsident Fernando de la Rúa (von der "Radikalen Bürgerunion") zum Rücktritt zwangen. Gemäß dem Gründungsgrundsatz, wonach der "Peronismus die Bewegung des Volkes" und "jede andere politische Bewegung gegen das Volk gerichtet" sei. Jetzt streiten aber peronistische Provinzkaiser darum, wer den verschwommen definierten "Volkswillen" gegenwärtig authentisch interpretiert.

Adolfo Rodríguez Saá, nun zurückgetretener Übergangspräsident, wollte im März zur Wahl antreten, um sich "vom Volk legitimieren" zu lassen. Carlos Ruckauf, der mächtige Parteichef von Buenos Aires, sagt, dass sich das Land in der Wirtschaftskrise keinen Wahlkampf leisten kann. Nach seiner Meinung soll eine "Regierung der nationalen Rettung" mit dem Peronisten Eduardo Duhalde an der Spitze bis zum regulären Wahltermin 2003 amtieren. Diese Position teilt auch der prominenteste Peronist, Carlos Menem - wohl mit Hintergedanken. Denn Menem, Präsident von 1989 bis '99, darf laut Verfassung erst 2003, vier Jahre nach seiner letzten Amtszeit, neuerlich kandidieren.

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2002)
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