Mit frischer Kohle im Kohlenpott

2. Jänner 2002, 12:13
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Auch in Nordrhein-Westfalen wird Gerard Mortier zum kulturellen Zentralgestirn

Düsseldorf - Die Meldung versprach gegen Ende des abgelaufenen Jahres Hochkultur: "Gerard Mortier wird nächster Chef der Ruhrfestspiele." Hierauf konzentrierte sich das öffentliche Interesse aber schon wieder auf Mortiers Pariser Vertragsabschluss.

In nordrhein-westfälischen Kulturbelangen zeichnen sich indessen neue Konturen ab: Die Ruhrfestspiele und die neu hochgezogene Ruhr-Triennale werden ab 2004 einen gemeinsamen Intendanten haben. 2003 läuft der Vertrag Hansgünther Heymes aus, danach wird Triennale-Leiter Mortier das Zepter auch auf dem grünen Hügel im Stadtpark von Recklinghausen übernehmen - für die Dauer eines Jahres, dann endet auch schon wieder sein Vertrag.

In der Folge soll eine Findungskommission jeweils im Herbst des zweiten Jahres einen neuen gemeinsamen Chef für die beiden nunmehr in Dreijahreszyklen kuratierten Festivals bestimmen. Noch-Intendant Heyme schweigt sich wohlweislich zu den Plänen aus, während sein Stellvertreter Karbe vage von einem "richtigen Schritt in die Zukunft" spricht. In welche? Auch wenn künftig ein Leiter aus einem "Topf" produziert, werde das Profil der Ruhrfestspiele nicht verwischt, äußerte NRW-Kulturminister Michael Vesper. Mortier selbst ließ verlauten, dass es besser sei, "wenn es jemand macht, der nur das Profil der Ruhrfestspiele im Auge hat".

Zwar hat Heyme das einst flügellahme "Kultur für Kohle"-Festival seit 1991 in ein windschnittiges "Europäisches Festival" umgebaut. Was aber interessieren die Konzepte von gestern? Die alte Dame Ruhrfestspiele hat einen neuen Freier und lässt sich liften. Die aktuelle Lösung dürfte endgültig sein. "Hier wird eine moderne Ehe zwischen selbstständigen Partnern geschlossen", sagt DGB-Vertreterin Ingrid Sehrbrock. Die "Ehe" ist zwar auf den Weg gebracht, aber eine Ehe in Personalunion?

Michael Vesper äußerte sich verständlicher: "Ich habe von Anfang an gesagt: Die Triennale ist kein Angriff auf die Ruhrfestspiele." Schon 2003 soll es Koproduktionen geben zwischen den beiden Festivals. Dann vereinen sich die vorgesehenen 20 Triennale-mit den rund vier Euro-Millionen der Ruhrfestspiele.

Das neue Festival bekommt im Recklinghäuser Festspielhaus eine Heimstatt, und die Ruhrfestspiele laufen im Foyerprogramm. Nur Schade, dass Mortier ein so viel gefragter Bräutigam ist. Fanden doch die Gerüchte, dass er schon 2003 dem Ruf an die Pariser Opéra Bastille folgen könnte, ihre nur allzu rasche Bestätigung. Aber einem guten Tänzer gelingt auch dieser Spagat.

Auf 2003 hat Vesper auch die notwendige Modernisierung der Bühnentechnik im Ruhrfestspielhaus verschoben, "aus logistischen Gründen". Oder doch als Mitgift für Mortiers Nachfolger, der die Brotpause des Impresarios zwischen Salzburg und Paris fertig frühstückt?
(hem, poh/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 1. 2002)

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