Amtslustiger EZB-Chef sorgt für Verstimmung in Paris

1. Jänner 2002, 20:27
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Noch kurz vor der Euroeinführung ist der Streit über die Dauer der Amtszeit von Wim Duisenberg neu entbrannt

Brüssel - EU-Kommissionspräsident Romano Prodi will ein Neuaufflammen des Streits über die Dauer der Amtszeit von Wim Duisenberg, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), im Keim ersticken. Prodi setzt sich für eine Einigung der EU-Staaten über einen Wechsel an der EZB-Spitze ein. Es gebe zwar noch einige Probleme, diese könnten aber sicher einvernehmlich gelöst werden, sagte der EU-Kommissionspräsident.

"Ich glaube nicht, dass es zu Spannungen innerhalb der EZB führen wird", sagte Prodi. Er bestätigte am Montag, dass es eine Vereinbarung gebe, derzufolge der amtierende EZB-Präsident Wim Duisenberg vor Ablauf seiner Amtszeit zurücktreten solle. Duisenberg selbst hatte nur gesagt, er werde aufgrund seines Alters (66) noch vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit 2006 zurücktreten. Die Entscheidung über den Zeitpunkt seines Ausscheidens sei aber allein seine Sache: "Ich habe mich noch nicht entschieden", fachte Duisenberg die Führungsdiskussion neu an.

Diener vieler Herren

Die Neuauflage der hinter den Kulissen köchelnden Führungsdiskussion an der Spitze der Euro-Notenbank hatte Duisenberg mit einer Bemerkung ausgelöst, er werde zumindestens bis Ende 2002 im Amt bleiben. Dies hat zu erheblicher Verstimmung in Frankreich geführt. Laut Angaben der Regierung in Paris soll Duisenberg auf dem EU-Gipfel in Brüssel im Mai 1998 auf Drängen Frankreichs, das ebenfalls den Präsidenten stellen wollte, zugesagt haben, nach der Hälfte der achtjährigen Amtszeit aufzuhören. Duisenberg hat dies niemals offiziell bestätigt. Nun erklärte er, auf jeden Fall bis Ende des Jahres im Chefsessel der EZB sitzen zu bleiben.

Résistance

Der Niederländer war 1998 gegen den Widerstand Frankreichs zum EZB-Präsidenten ernannt worden. Preis für den Kompromiss: Im Rahmen eines damals geschlossenen Gentleman's Agreement sollte Duisenberg Mitte 2002 für einen französischen Kandidaten Platz machen.

Als Favorit galt bisher der Gouverneur der Notenbank in Paris und EZB-Vize Jean-Claude Trichet. Gegen ihn wird allerdings im Zusammenhang mit dem Crash der französischen Großbank Crédit Lyonnais in den frühen 90er-Jahren ermittelt. Dabei geht es um den Verdacht der Bilanzfälschung. Trichet war von 1987 bis 1993 als Leiter des dem Finanzministerium unterstellten Schatzamtes für die Großbank verantwortlich.
Die Entscheidung des EZB-Präsidenten wird sich nach Einschätzung von Analysten positiv auf den Euro und die Glaubwürdigkeit der EZB auswirken. Sollte sie am Markt als Instrument der Politik wahrgenommen werden, wäre das eine Belastung für den Euro, warnen Analysten. (Reuters, Der Standard, Printausgabe, 02.01.02)

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