Belcanto-Jazz: Mike del Ferro

1. Jänner 2002, 21:04
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Alte Hits swingend dekonstruiert: Am Samstag im Porgy & Bess

Opernarien anstelle der sattsam bekannten Tin-Pan-Alley-Schlager als jazzige Improvisationsvorlagen stellen nicht nur diesseits des Großen Teichs, wo man mangels Baumwollplantagen und Gospelkirchen gerne auf eigene Wurzeln rekurriert, keine Novität dar. Enrico Ravas brillantes "Carmen"-Album sei in Erinnerung gerufen, vor zwei Jahren interessierte sich sogar Bill Laswell für den Melodienschatz des Belcanto, vollführte jedoch eine Bauchlandung.

Mike del Ferros Familie stammt zwar aus den USA, er selbst wurde aber in Amsterdam geboren. Als Sohn jenes 1992 verstorbenen Leonardo del Ferro, der anno 1959 immerhin als Partner von Maria Callas auftrat. Logisch, dass del Ferro junior, ausgebildeter Jazzpianist und Kompositionsschüler Bob Brookmeyers, dieses Thema irgendwann nicht mehr vom Tisch wischen konnte. Und die alten Hits für sein Trio einrichtete.

Das daraus entstandene Album "Mike del Ferro plays Belcanto" (EmArcy/Universal) gestaltet sich als Gratwanderung zwischen glatter Cocktail-Bar-Beschallung und einer kulinarischen Reise in die Welt harmonischen und rhythmischen Raffinements. Del Ferros Deutungen der historischen Vorlagen bieten bei aller Zugänglichkeit doch auch für den Connaisseur extravagante Nuancen. Wie der 36-Jährige Bizets "Carmen"-Habanera in ihrer akkordischen Substanz dissonant und trotzdem swingend dekonstruiert, sollte man gehört haben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 1. 2002)

Von
Andreas Felber

Porgy & Bess,
Wien 1.,
Riemergasse 11;
512 88 11.
5. 1., 21.00
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