Kabul und USA vor Angriff auf Omars Versteck

1. Jänner 2002, 20:16
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Taliban-Chef ist offenbar eingekreist

Kabul/Washington/Teheran - Die afghanische Übergangsregierung und die US-Streitkräfte konzentrieren sich auf die Jagd nach dem Chef des gestürzten Taliban-Regimes, Mullah Mohammed Omar. Der Sicherheitschef in der südafghanischen Stadt Kandahar, Hadji Gullalai, zog nach eigenen Angaben 2000 Kämpfer zusammen, die zu einem Angriff auf das vermutete Versteck des Taliban-Führers bereit sind.

Der paschtunische Sicherheitschef sagte am Dienstag, Dorfbewohner in der Nachbarprovinz Helmand seien aufgefordert worden, Omar auszuliefern, um einen Angriff abzuwenden. Es sei allerdings kein Ultimatum gestellt worden. Wo sich Omar aufhalten soll, sagte Gullalai nicht.


Hinweise von Agenten

Den USA liegen, wie aus Verteidigungskreisen verlautete, Hinweise der Geheimdienste vor, wonach sich der Taliban-Chef in der Nähe von Baghran im Süden Afghanistans versteckt halten könnte. Der Ort liegt rund 160 Kilometer von Kandahar entfernt. Der Nachrichtensender CNN berichtete, US-Marine- infanteristen mit voller Ausrüstung seien in Hubschraubern auf dem Weg in die Bergregion, um den Taliban-Anführer gefangen zu nehmen oder zu töten.

Der Sprecher des Zentralkommandos der US-Streitkräfte in Tampa in Florida wies die Meldung zurück. Mullah Omar gilt als verschwunden, seit die letzte Taliban-Hochburg Kandahar am 7. Dezember gefallen ist.

Der neuerliche Fall eines möglichen Fehlbombardements in Afghanistan, bei dem bis zu 107 Dorfbewohner getötet worden sein sollen, hat indessen den politischen Druck auf die USA wieder erhöht, ihre Luftangriffe gegen letzte Stellungen der Taliban und Al-Qa'ida-Kämpfer einzustellen.


Kabul bestätigt

Dies hatte der afghanische Verteidigungsminister Fahim in den vergangenen Tagen mehrfach verlangt, bis ihm von Außenminister Abdullah Abdullah widersprochen worden war. Die afghanische Regierung hat dabei den US-Luftangriff auf eine Ortschaft im Osten des Landes bestätigt. Der afghanische Minister Amanullah Sadran sagte am Dienstag in Kabul, die US-Luftwaffe habe die Ortschaft Niazi Qala unweit von Gardez, der Hauptstadt der Provinz Paktia, angreifen müssen, um dort ein Waffenlager zu zerstören. "Ich unterstütze den Angriff nicht, aber es gab keine andere Wahl", sagte Sadran.

Vom Boden aus wäre die Zerstörung des Waffenlagers sehr riskant gewesen, da es in der Region immer noch Widerstand gebe, meinte das Mitglied der Übergangsregierung. Es sei nicht die Absicht gewesen, unschuldige Menschen zu töten. Nach Angaben der privaten afghanischen Nachrichtenagentur AIP vom Montag hätten sich allerdings keine Kämpfer der Al-Qa'ida-Organisation des Islamistenführers Osama Bin Laden oder Taliban-Mitglieder in dem Dorf aufgehalten. Die US-Militärführung hatte am Wochenende mitgeteilt, zwei Bomber des Typs B-1B hätten Raketen auf einen Taliban-Gebäudekomplex in der Nähe von Gardez abgefeuert. Die Ortschaft Niazi Qala liegt etwa zwanzig Kilometer entfernt.
Die iranische Regierung hat unterdessen Vorwürfe der US-Presse zurückgewiesen, Iran habe in der Vergangenheit Verbindungen zu Al-Qa'ida-Mitgliedern gehabt. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte in den vergangenen Tagen ungeachtet der Dementi Teherans mehrfach in Interviews erklärt, ein Teil der Taliban- oder Al-Qa'ida-Kämpfer sei über die lange Landesgrenze nach Iran geflüchtet. (Reuters, AFP, red)

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2002)
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