Blumen für die Gattinnen: Prodi und Schüssel kauften ein

1. Jänner 2002, 20:14
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Wien - Mosaik von Flugentenbrust und Entenleber mit Holunder-Apfel-Gelee, danach eine Creme von Petersilwurzeln mit Beluga-Linsen, Kalbslungenbraten mit grünem Spargel und schließlich, zum Abschluss, ein Bailey's-Schokolade-Mousse. Dieses viergängiges Silvestermenü hat das Hotel Sacher laut Protokoll seinen Ehrengästen am Montagabend kredenzt.

Romano Prodi, Präsident der Europäischen Kommission, feierte in Wien die Euroeinführung mit einem Blumenkauf für seine Ehefrau Flavia Franzoni-Prodi - medienwirksam um Mitternacht inszeniert: Der italienische Fernsehsender RAI übertrug das Ereignis live. An Prodis Seite: Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und seine Ehefrau Krista sowie EU-Agrarkommissar Franz Fischler mit Gattin Adelheid.

Die Damen erhielten, wie vorsorglich bestellt, einen Strauß rot-weiß-roter Rosen um exakt 32 EURO (440 Schilling). Adelheid Fischler bekam spontan von ihrem Ehemann eine rote Rose geschenkt. Das Zahlungsmittel: druckfrische Eurobanknoten.

Ein "historischer Tag für Europa" sei dieser Silvester, befanden Schüssel und Prodi übereinstimmend. Er habe zumindest für "eine Minute" der Lira nachgetrauert, beteuerte Prodi. Doch sei die gemeinsame europäische Währung ein wesentlicher Bestandteil, um ein gemeinsames großes Europa zu errichten. "Es ist etwas Großes, und es hat heute begonnen", sagte Prodi und sah gleich von Wien aus folgende Botschaft in die ganze Welt hinausgetragen: "Europa besteht in dieser Nacht nicht aus einzelnen Nationen, in dieser Nacht sind wir alle Europäer."

Schüssel gab sich weit weniger sentimental und stärker auf formale Aspekte fixiert: Für ihn sind die neuen Banknoten noch "sehr ungewohnt, sie haben keine Falten und keinen Riss". Fragen, wie viel Euro denn ein Liter Milch koste, wich der Kanzler elegant aus, indem er auf die mathematischen Fähigkeiten seiner Landsleute verwies: Die "Umrechnungsgschichterln" würden die Bevölkerung vor keine größeren Probleme stellen, man werde sich ebenso wie im Urlaub rasch an den neuen Wechselkurs gewöhnen.

Und dann stellte sich, wie in jeder guten Silvesternacht, doch noch ein rührseliger Moment ein. Kanzler Schüssel nahm Abschied vom Schilling: "Ich bedanke mich herzlich beim Schilling, aber jetzt ist es Zeit, sich an eine größere gesamteuropäische Währung zu gewöhnen." Seine erste Bewährungsprobe habe die neue Gemeinschaftswährung schon hinter sich, meint der Kanzler: "Der 11. September hätte ohne Euro noch wesentlich gravierendere Auswirkungen auf die europäischen Staaten gehabt."

Der Blumenkauf in der Kärntnerstraße sorgte aber nicht nur für einen großen Journalistenandrang. Wer schon einmal den Wiener Silvesterpfad auf der Kärntnerstraße besucht hat, weiß es: Der Weg vom und zum Blumengeschäft musste für Prodi praktisch zum Heimspiel geraten. Dutzende italienische Touristen skandierten "Ciao Romano" oder versuchten, ihn zu berühren. Prodi nahm's gelassen. Jene, die es schafften, sich bis zu ihm durchzukämpfen, wurden mit einem Händedruck und Prosit-Neujahr-Wünschen belohnt. Brav stellte er sich auch für Erinnerungsfotos zur Verfügung oder stieß mit einem Glas Sekt an. Nicht weniger begeistert nahm Kanzler Schüssel das Bad in der Menge. Gut gelaunt hielt er sich an die vergleichsweise geringe Zahl österreichischer Fans. Die prominente Euro-Tour endete schließlich dort, wo sie begonnen hatte: im Sacher.

Mit dem Besuch des Neujahrskonzerts am Dienstag schloss der Kommissionspräsident sein Wien-Gastspiel ab. (Peter Mayr, Der Standard, Printausgabe, 02.01.02)

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