"Vielleicht hat Herr Gutenberg ja doch das letzte Wort"

1. Jänner 2002, 12:01
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E-Books: Gemischte Gefühle bei Lesern und Verlagen

Das Ende des herkömmlichen Buchdrucks hatten Experten schon kommen sehen. Das elektronische Buch (E-Book) sollte ein wundervolles Zeitalter der Literatur via Bildschirm einläuten. Alles in allem hatten Experten dem E-Book eine glänzende Zukunft prophezeit. Doch ganz so schnell wie erhofft klappt es wohl nicht mit der Revolution im Verlagsgeschäft. Zur Zeit sind in den USA, dem Mutterland des erhofften E-Book-Booms, zumindest die großen Verlage eher pessimistisch.

Das letzte Wort

"Vielleicht hat Herr Gutenberg ja doch das letzte Wort", seufzt Laurence Kirshbaum, der Chef des Buchvertriebs beim Medienriesen AOL-Time Warner. Das Unternehmen schloss jetzt seine separate E-Book- Abteilung und verkauft die Digitalware von nun an nur noch zusammen mit dem traditionellen Buchangebot.

AOL-Time Warner meldete enttäuschende Verkaufsergebnisse und Millionen-Verluste im E-Book-Markt, ohne allerdings genauere Zahlen zu nennen. Beim Konkurrenten Random House, der amerikanischen Tochter des Bertelsmann-Konzerns, gab es ebenfalls einen Rückschlag im digitalen Geschäft. Eingestellt wurde eine Reihe von Büchern, die man unter dem Titel AtRandom exklusiv in E-Book-Form publizierte. Allerdings zieht sich keiner der Verlage ganz zurück. Wie AOL-Time Warner will auch Random House weiterhin elektronische Versionen von Büchern aus dem regulären Verlagsprogramm anbieten.

Hohe Preise

Leser klagen über zu hohe Preise für spezielle E-Book-Lesegeräte, die weit über 500 Mark kosten und längst nicht jede Art von E-Book- Datei verstehen. Dazu kommen die ebenfalls stolzen Preise für Digitalbücher, die meist ähnlich teuer sind wie gedruckte Erstausgaben - für viele Kunden eine Enttäuschung, denn die Digitalausgabe ist immerhin eine Zweitverwertung des Werkes, ähnlich wie viele Taschenbuch-Ausgaben.

In einigen Nischen aber tummeln sich Kleinstfirmen, die mit einem Sonderprogramm Profit machen. Liebesromane, Western und Science- Fiction-Erzählungen von unbekannten Autoren, deren Werke bei Großverlagen abgelehnt wurden, sind beim Miniverlag Hard Shell Work Factory der große Renner. Nach eigenen Angaben verkauft der Verlag aus dem Bundesstaat Wisconsin monatlich über 6000 E-Books. Dazu kommen dann Online-Unternehmen wie ElectricStory.com und Fictionwise.com, wo Digitalausgaben zu Schleuderpreisen abgegeben werden; allerdings ist dort die Auswahl sehr begrenzt.

Schleuderpreise

Fictionwise.com hat immerhin einzelne Titel von renommierten Autoren wie Mark Twain oder Jack Kerouac im Angebot, und einige der Texte kosten umgerechnet nur eine Mark. Monatlich werden auf diesem Weg etwa 10 000 Billig-E-Books verkauft. Sinkende Preise senken die Hemmschwelle der Kunden, diese schlichte Geschäftsweisheit gilt auch für den Vertrieb der digitalen Ware. Besonders populär ist sie natürlich dann, wenn sie gar nichts kostet. Das weltweite Interesse an kostenlosen E-Books belastet die Server der University of Virginia an der amerikanischen Ostküste; dort stehen 1600 Titel zum Herunterladen bereit. (APA/dpa)

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