Europa begrüßt Euro freudig, verwirrt und skeptisch

2. Jänner 2002, 11:55
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Bürger aller Euro-Länder stehen für neue Geldscheine Schlange - Ausgeben oft noch Nebensache

Rom/Frankfurt/Wien/Maastricht - "Ich bin glücklich, meine ersten Euros abheben zu können", jubelte der Österreicher Bernhard Zech in Rom. "Schaut Euch das Geld an!" rief ein Jugendlicher am Croissant- und Kaffeeshop im Frankfurter Bahnhof, wo die ersten Euros über die Theke wandern. "Ich will auch!" drängelte ein junges Mädchen. Das Ausgeben war dann später eher Nebensache.

"Ich weiß noch nicht, was ich damit mache", meinte Zech. Erst einmal studiert er die neuen Banknoten, die seit Mitternacht für mehr als 300 Millionen Bürger in Österreich, Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Irland, Finnland, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland gelten. Viele waren enttäuscht, wenn Geldautomaten nicht funktionierten - weil die Maschinen noch nicht umgestellt waren oder die Euro-Scheine schon ausgegangen waren.

"Gewöhnungsbedürftig"

Vor einer Bankfiliale in der Pariser Innenstadt murrten Kunden, als der Automat weiterhin nur Francs ausspuckte. In Maastricht, der Wiege der europäischen Einheitswährung, standen Dutzende Menschen Schlange vor den Automaten. "Erst drehten alle um, als um Mitternacht jemand erfolglos versuchte, Euros abzuheben", berichtete Cor van Even, eine der ersten stolzen Besitzerinnen der neuen Euro-Scheine. Sie sei zufällig vorbeigekommen und habe gesehen, dass die Maschine auf Euro umgesprungen sei. "Und jetzt habe ich sie", zeigt sie zwei Euro-Scheine vor. "Es wird aber einige Zeit dauern, bis man sich an dieses Geld gewöhnt hat."

Ausgegeben wurden die ersten Euro-Geldscheine fernab von Europa: auf La Reunion im französischen Überseegebiet. Bereits am Montag um 21.00 Uhr (MEZ) wurde die Gemeinschaftswährung auf der Insel im Indischen Ozean eingeführt. Der erste Kauf des Bürgermeisters von Saint Denis: ein Kilo Litschi für 76 Euro-Cents (10,46 S).

"Misstrauisch und verunsichert"

Viele der neuen Euro-Besitzer aber behielten ihre Münzen und Scheine noch für sich. "Es läuft wild durcheinander mit der Bezahlung, aber überwiegend sind es D-Mark", berichtete ein Taxler in Frankfurt. Er selbst habe nur wenig Euro-Bargeld dabei, allerdings habe er schon kurz nach Mitternacht eine Banknote von einem Kunden bekommen. So ganz schien er dem Schein aber nicht zu trauen: "So bunt wie der Schein aussieht, hoffe ich nicht, dass der Mann ihn auf seinem Farbkopierer zu Hause hergestellt hat."

"Die Leute sind misstrauisch und verunsichert", meinte kurz nach Mitternacht auch die Glücksschweinchen-Verkäuferin Marika in der Wiener Opernpassage zur APA: "Ich habe Euro von Japanern, Chinesen und Italienern bekommen, aber kaum von Österreichern." Dabei waren die neuen Euro-Geldscheine am Wiener Silvesterpfad bereits lange vor Mitternacht "heimliches" Zahlungsmittel gewesen, nachdem die ersten Bankomaten schon ab 19.30 Uhr die Banknoten ausgespuckt hatten.

Einrahmen

In Spaniens Hauptstadt Madrid rissen sich die Menschen kurz nach Mitternacht noch nicht ums neue Geld. Doch die algerische Stewardess Mina Ziani, auf Besuch in Madrid, war neugierig: "Ich wollte sehen, wie das neue Geld aussieht." Sie zog sich zwei Zehn-Euro-Münzen. "Einen rahme ich ein und für den anderen kaufe ich Champagner."

In Brüssel waren die Menschen in der Neujahrsnacht mehr an Feuerwerk und am lauten Hupen interessiert, als am Euro. Hier werden jedoch viele Geldautomaten ohnedies nach Mitternacht abgeschaltet. Selbst wer Euro wollte, hatte Schwierigkeiten, die neue Währung zu ergattern. Wer es dennoch schaffte, war beeindruckt: "Ich finde sie ganz schön", meinte etwa Kris Kushulck, ein Fotograf aus Antwerpen. Er sagte aber auch: "Der belgische Franc war Teil unserer Kultur."

Für Verwirrung sorgte die neue Währung bei einigen Cafe-Besuchern in Italien: "Wir hatten hunderte Besucher hier heute Nacht und nur drei wollten in Euro bezahlen", so der Manager des Cafe Castillino. "Sie wussten offensichtlich nicht, wie sie damit umgehen sollten, weil sie uns für einen Kaffee einen 50-Euro-Schein reichten."(APA/AP)

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