Der Taubenverhafter

1. Jänner 2002, 00:10
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Die wöchentliche Kolumne im Panorama - Diesmal über einen Ombudsmann ohne Diplom ...

Heuer wird Herr Hofer üben. Sich vorbereiten. Weil nächstes Jahr wird es ernst: Wenn er zur Bundespräsidentenwahl antreten will, muss er spätestens 2003 anfangen, die Massen zu gewinnen. Nicht nur eine Handvoll Journalisten. Die wissen aber eh, was es geschlagen haben wird, wenn Hofer anruft. Paul Hofer ist nämlich ein Ombudsmann ohne Diplom. Einer, dessen eigene Kindheit so scheiße war, dass er keinem Kind eine Spur dieses Schicksals wünscht. Einer, der von den Instanzen und Behörden auch als Erwachsener oft genug ausgetrickst worden ist - und deshalb auf eigene Faust tut wovon er glaubt, dass es wichtig und richtig ist. Ein Don Quixote. ZeitungsglutamatLeute wie Hofer sind das Glutamat im Journaillen-Alltag. In kleinen Dosen ein komischer Kick. Eine gute Geschichte. Schräg. Aber wehe, wenn es zuviel wird. Blöderweise sieht Paul Hofer das anders: Er ist auf einer Mission - und die endet nicht nach ein paar Zeilen. Im Gegenteil: Da geht es erst los. Das führt - systembedingt - zu weiteren Frustrationen. Ich habe Paul Hofer vor vielen Jahren kennen gelernt. Er hat Tauben verhaftet. Kein Scherz (Leute wie Paul Hofer scherzen nicht. Auch nicht, wenn die Anderen schon am Boden liegen.): Hofers Balkon wird von Tauben zugeschissen. Hofer kehrt den Dreck in den Hof. Die Verwaltung will, das nicht. Hofer: Wäre der Wohnbau anders geplant, wäre da ein Netz (oder sonst was) könnten Viecher nicht auf seinen Balkon kacken, er daher keinen Dreck in den Hof kehren und so weiter ... Als "Beweis" brachte Hofer eine auf seinem Balkon gefangen gesetzte Taube zum Gericht. Tauben waren der Anfang. Aber Hofer kämpft eben auch für Kinder (http://members.chello.at/ kids-on-stage/). Und weil er hauptberuflich Baggerfahrer ist, weiß er, dass Kinder Bagger toll finden. Darum organisiert er einen Baggerkurs. Vor Jahren, am Donauinselfest, zum ersten Mal. Und weil kein anderer Politiker greifbar war, ließ er Karin Landauer (FPÖ) "anbaggern". Die SPÖ tobte: Ein F-Tante auf dem Inselfest ... Ab da gab es 1001 Grund, warum Hofers Baggerkurse nicht mehr stattfinden konnten. Erst im Sommer 2001 brachte der Kinderbaggerfahrer wieder ein paar Bagger auf öffentlichem Grund in Stellung. Der falsche Hase Hofers dritter Kampf ist noch aussichtsloser: Er kämpft gegen den Osterhasen. Zu Weihnachten. 2000 hatte er Erfolg: Er quälte, bis ich eine Geschichte über schokoladene "Weihnachtshasen" schrieb. Hofers Tenor: "Man darf Kindern nicht die naive Freude am Fest stehlen." Billa & Co. zuckten mit keinem Ohrwaschel - aber die Kronen Zeitung nahm sich der Schrull-Story an. Drei Tage später waren die Weihnachtshasen (Osterhasen mit aufgepickten Nikolomützen) aus den Regalen verschwunden. Eine Entschuldigung gab es auch. Hofer war selig ­- und dachte das erste Mal laut nach, Bundespräsident werden zu wollen. Heuer hat dann Robert Hartlauer zu Weihnachten den Osterhasen in der Werbung antanzen lassen. Drei Tage nach der Erstausstrahlung rief Hofer an: Er werde die mächtige Faust der Medien auf Hartlauer niedersausen lassen. "Ich mache eine Demo." Bei uns wurde gegähnt. "Mal sehen, ob wir Platz haben", sagten wir Hofer. Übersetzt hieß das: "Hast nix Neueres?" Jeder andere hätte abgesagt. Hofer demonstrierte. Und irgendwie hatten wir alle fast ein schlechtes Gewissen. Weil der Mann nervt, aber halt auch recht hat. Obwohl er ein Quäler ist. Drum werde ich, wenn sich Paul Hofer wirklich entschließt, zur Bundespräsidentenwahl anzutreten, ihn nicht als bloßen Juxkandidaten abtun: Die Paul Hofers dieser Welt haben es verdient ernst genommen zu werden. Auch - und weil - sie keine Chance haben. Nicht nur im Rennen um die Hofburg. NACHLESE
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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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