Er und ich

8. Jänner 2002, 17:12
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Ich fürchte mich. Die Angst klettert langsam an mir hoch. Ich fühle mich alleingelassen, bin schrecklich einsam.

Ich verachte mich. Doch meine Wut ist lau und schlaff. Ich kann mich nicht schützen, niemand hilft.

Als ich ihn kennenlerne, bin ich neugeboren. Er ist mein Vater, ich bin sein Kind. Er ist schön und stark.

Wenn ich an ihn denke, spüre ich Traurigkeit. Er hat mich so sehr geliebt. Und ich hatte oft solche Angst.

Als ich ein Kind bin, ist er mein Held. Ich will ihn zum Mann, nur mir soll er gehören. Ich habe ihn so sehr geliebt.

Er ist wütend. Sein Zorn kommt über mich. Ich kann gegen diese Brandung nicht ankämpfen.

Er ist jung. Seine Herkunft im Dunkel. Das macht ihn anders als die anderen.

Er ist überheblich, weil verletzt. Er gibt sich großspurig und fühlt sich kleinmütig. Er verdrängt seine Scham.

Ich zittere. Beim Gedanken, ihm zu begegnen, bricht mir Schweiß in meinen Händen aus. Darüber muss ich weinen.

Ich möchte ihn wiederhaben. Er war mein Vater, ich bin sein Kind. Ich werde es noch lange sein.

Wenn sie von ihm spricht, ist es kalt. Ich fröstle, weil die Leere in mir Platz greift. Ich erkenne ihn nicht.

Als ich ihn erwählte, ist er ein Star. Der Beste von allen. Ein großer Schauspieler, Schausteller.

Seine Augen sind blau. Er trägt eine grüne Uniform. Ihre Furcht trägt die Farbe grau.

Ich bin glücklich, wenn alles ruhig ist. Ich mag es, wenn alles gordnet ist. Ich bin froh, wenn ich alles erledigt habe.

Sie fürchtet ihn. Sie tut alles für ihn. Sie tut alles, damit sie sich nicht fürchten muss, doch das tut sie doch.

Ich will mich verbünden. Ich muss mich mit ihr solidarisieren, aber auch sie ist mein Feind. Denn er hat sie fest an seiner Seite.

Er schreit so laut. Es tut im meinen Ohren weh. Es schmerzt in meinem Inneren.

Er ist gross und ich bin klein. Er ist böse und ich weiß nicht worüber. Ich weine und er tobt.

Ich werde älter und bemühe mich. Ich lerne eifrig. Ich tue alles, damit ich mich nicht fürchten muss.

Sie spricht zu mir. Sie fleht um Unterstützung. Sie sagt, ich muss ganz brav sein und sehr fleissig.

Wenn ich sehr gut bin, dann kann mir nichts passieren. Dann bin ich sicher. Es ist en Irrtum.

Als ich älter werde, sehe ich die anderen. Mein Leben ist verschieden. Ich bin abhängig.

Er hat eine schwere Kindheit. Es ist Krieg. Er muss schnell wachsen.

Ich habe eine schwere Kindheit. Ich fühle mich im Krieg. Ich fühle mich unterlegen.

Ich esse und esse. Ich wachse an. Ich schmiede mich an meine Ketten.

Er ist zärtlich zu mir. Er bringt mir zu essen. Er lobt meinen gesunden Appetit.

Sie und ich - wir schauen uns ähnlich. Sie wird dick und ich werde dick. Wir gleichen uns an.

Er hat zwei Frauen. Sie tun alles für ihn. Sie tun alles, damit sie sich nicht fürchten müssen.

Er erreicht viel und kann stolz sein. Es ist nicht genug. Er ist nicht zufrieden.

Ich kann dem nicht genügen. Ich schaffe das nicht. Ich muss mehr essen.

Ich habe die Idee vom Aufbegehren. Ich lese es in meinen Büchern. Ich brauche Mut.

Ich bin ein Bücherwurm. Ich fresse mich durch Bücher. Das Lesen beruhigt, macht mich sanft.

Er verliert seine Mutter. Er weint wie ein Kind. Er war klein und sie war groß.

Wenn ich an ihn denke, tut es mir so leid. So vieles hat er nicht gesagt. So wenig habe ich ihm erzählt.

Ich bin gewachsen und gehe weg. Ich esse nichts mehr. Ich will nie mehr essen.

Sie gibt mir Lebensmittel in die Reisetasche. Sie will mich nicht verlieren. Ich werfe sie am Bahnhof weg.

Ich gehe einen Weg. Ich liebe einen anderen. Dieser ist anders.

Er ist wie von Sinnen. Er wütet und tobt. Er sagt sich von mir los.

Sie ist verzweifelt. Sie sieht ihr zweites Ich entschwinden. Sie lässt es los, um sich zu schützen.

Ich bin verwaist und doch zu dritt. Dann zu dritt. Dann zu viert. Zwei sind groß und zwei sind klein.

Ich kehre zurück. Zu dritt. Dann zu viert. Ich habe mir Verstärkung geholt. Ich stelle sie vor mich hin.

Er wird alt. Er liebt zu dritt und zu viert. Er liebt mich mit den Augen, er sagt kein Wort.

Sie ist erleichtert. Sie kann nun heimlich lieben. Er darf es nicht merken, denn er muss am wichtigsten geliebt werden.

Ich rede und er redet und wir reden, ich spreche nicht mit ihm und er spricht nicht mit mir. Ich leide und er leidet und die anderen leiden still.

Er erkrankt. Es ist ein langsames Sterben, Stück um Stück, Zug um Zug. Er ist schwach und schrumpft.

Er war einst stark. Er kämpft. Die Schmerzen nehmen seine Kraft. Er gibt auf.

Ich sehe ihn zum letzten Mal. Er kann nicht mehr sprechen. Seine Augen sind voller Liebe. Ich kann nichts sagen.

Ich kann ihm nicht widerstehen. Ich habe ihn zu sehr geliebt. Er war mein Vater und ich war sein Kind. Mein Erinnern ist groß und stark.

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