Von "Trinkgeldverlust" bis "Zivilisation"

2. Jänner 2002, 22:24
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2001: Des Jahresalphabets letzter Teil

Namen, Daten, Geschichte und Geschichten. Daneben und dazwischen erwies sich das zu Ende gehende Jahr als Brutstätte für Enzyklopädisten: Alte Begriffe erschienen plötzlich in neuem Licht; neue Wörter entsprachen


T - TRINKGELDVERLUST Die dienstleistende Servierkörperschaft fürchtet nichts so sehr, als dass ihr der Euro auf den Kopf fallen wird. Gerade jetzt, mit Beginn der heißen "dualen Phase", haben die Herren Ober und Damen Fräulein zusätzlich zu den Schlachtplatten ohnehin schon centschwere Doppelbrieftaschen mit sich herumzuschleppen. Und jetzt müssen sie sich auch noch um ihr bitter erlächeltes Trinkgeld Sorgen machen. Steht doch zu befürchten, dass der gemeine stille Trinker ebenso wie der Gelegenheitskonsument, der unwürdig leuchtfarbene Sonntagsradler wie auch die alle heiligen Zeiten im Kreis ihrer künftigen Erben sündigende Oma aus schierer Angst, zu viel zu geben, knausern werden. Und die Wirten tun mit ihren vorsichtshalber aufgerundeten Schnitzelpreisen ein Übriges dazu. Die Maß ist voll! Auch Kellner brauchen Geld zum Trinken. (mm)

U - UDO BRÖMME In einem politisch aufreibenden Jahr blieb es Doktor Udo Brömme aus der Harald-Schmidt-Show vorbehalten, uns den Glauben an unsere Volksvertreter unauslöschlich in das Herz zu verpflanzen. Sein schlaues Motto hält Deutschland verlässlich in Atem: "Zukunft für alle!" Er vertritt die CDU-Sektion "Düsseldorf-Land" und findet trotz vielfältiger Aktivitäten immer Zeit für Schnack. Jawohl, denn Schabernack muss sein! Er winkt dem Kanzler im Reichstag vertraulich zu ("He, Gerd . . ."), stiftet am gesamtdeutschen Protestantentag Verwirrung ("Hätten Sie ein Leberwurstbrot für mich?"), und immer ist die Kamera der Harald-Schmidt-Show dabei und hält auf ihn drauf, den Politikertyp einer neuen, ungezwungenen Generation, der sich seiner verletzlichen Seiten durchaus nicht schämt ("Hatte gerade eine Hämorrhoidenoperation. Muss jetzt andauernd tupfen!"). Doktor Udo Brömme? Wir sagen "Ja!" zu ihm: der bunte Tupfer im Einheitsgrau der Berliner Republik. (poh)

V - VERFASSUNG
Ist das wichtigste Buch in einer Demokratie. Wird, wie die meisten guten Bücher, aber nur von einer Minderheit gelesen. Ein Teil dieser Minderheit heißt "Verfassungsrichter" und wird von Minderheitenfeinden gerne diffamiert, um den Rechtsstaat zu untergraben.

Obwohl die Verfassung im "Stufenbau der Rechtsordnung" (Hans Kelsen) die oberste Stufe einnimmt, an der sich alle anderen Normen orientieren sollten, läuft es in der Praxis meist umgekehrt: Von der Gentechnik bis zur Ortstafel werden erst Tatsachen gesetzt oder Einzelnormen festgelegt, ohne Blick auf die oberste Stufe der Rechtsordnung. Behauptungen und Gesetzgebung vollziehen sich oft nach dem "try and error"-Prinzip - schluckt es der Verfassungsgerichtshof oder nicht? Zum Glück schluckt er es meistens nicht. (rire)

W - WIN-WIN-SITUATION Die Post will österreichweit 700 Postämter schließen. Schlecht? Nein! Laut dem NLP-Begriff und in dem Fall in den Worten des Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Leitl handelt es sich hierbei um eine typische Win-Win-Situation. Sie besagt, dass bei einem Konflikt jeder als Sieger hervorgeht: Gib dem anderen die Chance, ebenfalls zu gewinnen! In unserem Falle sind das die Post und die armen kleinen Lebensmittelhändler, die mit diesem Zusatzverdienst überleben könnten. Wenn man die entlassenen Postler nun als Greißler anstellt, wäre das eine Win-Win-Win-Situation? (dok)

WOMAN Dass man die bis dato unvereinbar scheinenden Pole Feminismus und vor-Wut-trotzdem-jeden-Tag-für-den-dicken-Kurti-daheim-kochen zu einer gelungenen Form von publizistischer Selbst- wie auch Systemerhaltung zusammenführen kann, über die sich potenzielle Inserenten von Designerfetzen und Lipgloss trotzdem nicht ärgern müssen, hat uns heuer einmal mehr die Mutter aller Rankings bewiesen, das Haus Formil. Topjournalistin Uschi Fellner, die Power-Gattin der Verleger-Kult-Ikone Wolfgang Fellner (Klon), startete im Herbst mit Woman eine Zeitschrift, in der sich nicht nur Weihnachts-Backrezepte elegant an Reportagen über das Leid der afghanischen Frauen reihen. Von wegen: Bei der Burka muss es nicht immer Kornblumenblau sein! Hier wird dank den beiden allwöchentlich drastisch zugeschminkten Sonjas (Klima und Kirchberger) endlich auch Fengshui zum innenarchitektonischen Quoten-Power-Sport. Geil? Mega-Giga-Geil! (schach)

X - XENOPHILIE Ein Oberösterreicher in Kärnten erklärt den zugereisten Jugos das Problem der Assimilation einmal mehr anhand der Ortstafel. Ariel wäscht weißer als weiß. Xenophilie, dieser Begriff ist in diesem Land auch bis auf weiteres unterschätzt. Persönliche Meinung: Cevapcici sind Fleischlaberln mit Pfiff. Puno uspeha! (schach)

XERXES, persischer König (red)

Y - YPPENPLATZ, 16. Bezirk (red)

Z - ZÄHLORGAN Eines Tages war es so weit. Mitten in der Mittagspause, also gegen sieben Uhr abends, stand es vor der Tür; eine Rotzbremse, wie sie nur in "God's not so lucky countries" wächst, inklusive einem Radio-Burgenland-Mittelscheitel mit einer auf nachtaktive Tätigkeiten schließenden Mundbeflaggung und schließlich auch einem bei Häuptling Rotes Auge entlehnten Silberblick. Das "Zählorgan". Dieses wollte wissen, wer in der Wohnung nun eigentlich der "Haushaltsvorstand" sei. Wir mussten darüber einige Tage nachdenken. Er kam nie wieder. Die nicht abgeholten Fragebögen werden eingerahmt. Der Jugend zur Mahnung. Die Demokratie kennt auch ihre Schattenseiten. (schach)

ZIVILISATION Unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September sprach George W. Bush von einem Angriff auf die Zivilisation. Mit diesem Begriff gab er instinktiv das Muster vor für die Legitimation des amerikanischen Krieges gegen den Terrorismus. Die USA verstehen sich in dieser Rhetorik als Avantgarde einer globalen Zivilisation, in der kulturelle Differenzen nachrangig werden, ökonomische Interessen in den Vordergrund rücken, es aber letztlich um eine Verfassung geht, in der die Gewalten getrennt sind.

Die Attentäter (aber auch viele Amerikakritiker, die sich in alte Aufrechnungen flüchteten) waren kulturell motiviert und setzten dies absolut. Berlusconi hingegen traf einen wahren Kern in einem falschen Vergleich, als er von der Überlegenheit der westlichen Zivilisation über den Islam sprach. Er formulierte "kulturell" im Modus des Ressentiments - aus Gründen, die immanent im Zivilisationsprozess begründet liegen, hätte es ihm angestanden zu schweigen. (reb)
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12. 2001)

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