Müde Kriegerseelen

1. Jänner 2002, 22:24
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Van Morrison enttäuschte: Uninspiriert mit blechern tönender Bigband

von Christian Schachinger


Wien - Bevor man jetzt näher darauf eingeht, dass der grantelnde Mann beim ersten von zwei Konzerten nicht mehr zu geben bereit war, als uninspiriert zu einer blechern und holprig tönenden südwalisischen Bigband heruntergenudelte Eigenbau-Evergreens für die Touristenklasse etwas Grundsätzliches: Alles Leiden an dieser Welt wäre nicht so schlimm, wenn der Sänger heute auch nur einen einzigen wirklichen Zuhörer mehr außer sich selbst hätte.

Der größte Schmerz beim Singen liegt darin begründet, möglicherweise nie wieder jemanden zu haben, dem man davon erzählen könnte. Dies ist der Kern des Soul. Mag der Soul nun vom Gospel kommend religiös gedeutet werden oder in seiner weltlichen Ausformung auf die Tragödien des Zwischenmenschlichen verweisen - Soul ist Kampfmusik.

Der Kampf um den anderen bedingt das Ringen um sich selbst, um das eigene Seelenheil. In ihren besten Momenten besitzt Musik schließlich erlösende Kräfte. Wo aber kein Widerstand zu finden ist, da wird auch nicht gekämpft. Insofern scheint Van Morrison während der letzten Jahre aufgegeben zu haben. Van Morrison, der größte weiße Soulsänger aller Zeiten, hat all diese Kämpfe in Tausenden, im besten Fall kathartischen Liveshows stellvertretend für sein Publikum ausgetragen.

Mit Alben wie "Astral Weeks", "Moondance", "No Guru", "No Method", "No Teacher" oder "Hymns To The Silence" schuf er einen spirituellen Kanon, der von der Gefühlstiefe her kaum mit einem anderen Werk in der Popgeschichte vergleichbar ist. Van Morrison bediente sich dabei nicht nur bei Ray Charles oder John Lee Hooker, mit dem er noch Ende der 90er-Jahre das programmatische Duett "The Healing Game" einspielte. Ein Gospel-Song, in dem bei repetitiven Seufzern und Call- und Response-Gesängen weniger auf die Macht des Wortes als auf die Wahrheit des Gefühls vertraut wird. Die Mischung aus Rhythm 'n' Blues, Jazz und dem Folk seiner irischen Heimat, zusammengefasst unter dem Begriff "Celtic Soul", rettete den 56-jährigen Sänger auch lange über die mehr kreative als körperliche Durststrecke der letzten Jahre.

Immerhin musste man zuletzt vom noch immer mit übersäuerter Knödelstimme vortragenden Iren Allerweltsversionen von Jazz-Standards ertragen, eine "Skiffle Session" oder eine Sichtung alter Rock-'n'-Roll- und Country-Hadern ("You Win Again!). Neben eigenem, dank Candy Dulfer am Saxophon restlos misslungenen Best-of-Repertoire wie ">Have I Told You Lately That I Love You", "Moondance" oder "Cleaning Windows" hörte man schließlich einmal mehr die Tragödie so manches großen Alten im Pop.

Bevor der Spuk nach eineinhalb Stunden vorüber war, musste man Zeuge werden, wie sich hier jemand an seinen Wurzeln verging. Im aktuellen Fall neben Musikschul-Zwölftakt-Blues ("Drifting Blues") am Swing: Luis Prima fasste posthum mit "Jump, Jive And Wail" ebenso eine Watsche aus wie Dean Martin mit "When You're Smiling". Bei einem Eintrittspreis von 800 Schilling eine durchaus ernüchternde Erfahrung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12. 2001)

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