Mit Vorschusslorbeeren ins neue Jahr

2. Jänner 2002, 18:14
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Nach der grimmigen Rutschpartie 2001 sind die Aktien schon wieder teuer geworden

Wien - Zarte Morgenluft oder nachhaltiger Aufschwung? An der Antwort hängt die Entwicklung der Aktienmärkte im neuen Jahr. Denn dass sich die Weltkonjunktur zur Jahresmitte erholt, ist Konsens unter Analytikern - sehr umstritten sind jedoch Ausmaß und Dynamik.

Die Börsen jedenfalls haben die Rückkehr auf den Wachstumspfad bereits im letzten Quartal vorweggenommen. Die Indizes haben die Tiefstände vom September weit hinter sich gelassen, in den Kursen sind erneut steigende Unternehmensgewinne überwiegend enthalten und widerspiegeln schon wieder zweistellig wachsende Profite. Genau diese Vorschusslorbeeren aber machen die meisten Prognosen für das Gesamtjahr 2002 sehr verhalten. Denn ein nur langsam anspringender Konjunkturmotor bei einem Tiefststand der Zinsen wäre Gift für die Börsen.

Angetrieben von den niedrigen Renditen bei festverzinslichen Papieren wird zunächst wohl weiter Geld in Aktien fließen. Nach elf Zinssenkungen in Amerika bleibt den großen Fonds kaum eine andere Wahl als Aktieninvestments. Das zeigen auch die Musterportfolios der großen Investmenthäuser. Zur Jahresmitte steht dann aber die Nagelprobe bevor: Hält die Gewinndynamik der Firmen, was die Prognostiker versprochen und die Investoren bereits bezahlt haben? "Möglich, dass dann noch ein ziemlicher Absturz kommt", sagt etwa Peter Brezinschek, Chefanalytiker der Raiffeisen Zentralbank.

Er erwartet für das Gesamtjahr ein Kursplus von durchschnittlich acht bis zehn Prozent. Damit liegt er im Mittelwert der Analytikerzunft. Auch eine Studie der Banker von HSBC geben etwa dem deutschen DAX 2002 ein Potenzial von zehn Prozent, gemessen am historischen Mittel der Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV). Aktien sind nämlich schon wieder sehr teuer geworden, auch wenn die meisten Indizes die Rutschpartie 2001 noch im negativen Terrain beendet haben: Die Bewertung von Indizes ist hoch, der S&P 500 etwa liegt mit einem KGV von 22 weit über dem langjährigen Durchschnitt, der DAX notiert gegenwärtig mit einem KGV von 28 ebenfalls weit über den durchschnittlich 15 bis 18. Und dies nach einem Jahr der Gewinnwarnungen und teilweise stark schrumpfenden Erträge.


Wien: Ewiges Hoffen

Mit einem Jahresplus von über sechs Prozent steht der Wiener ATX 2001 gut da. Das Bild ist gemischt: Mit Libro, RHI oder Head wurde viel Geld vernichtet, die Telekom Austria etwa ist unter den Verkaufsgerüchten so beeindruckend gediehen wie die Austria Tabak vor ihrem Verkauf, Erste Bank und EVN haben ihren Aktionären Freude bereitet. Aber das Hoffen und Bangen in Wien ist das immer gleiche: Die Börse braucht internationales Geld, braucht mehr Umsatz.

Die Prognosen der heimischen Banken sind konservativ und reichen von 1240 bis 1280 Punkten zum Ende 2002. Offenbar sind auch die Wiener Analytiker vorsichtig geworden, denn in puncto Indexstände und Unternehmensgewinne haben sie ebenso zu hoch gegriffen wie die internationalen Kollegen. Aber: Optimismus ist ja das Handwerkszeug der Banker und Fondsexperten - immerhin müssen sie ja ihre Produkte verkaufen. Und dass der geistige Abschied vom Boom der 90er noch nicht vollzogen ist, zeigen die gegenwärtigen Bewertungen.(Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 31.12.2001)

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