Die Jungfrau Maria als iranischer TV-Serienhit

29. Dezember 2001, 10:00
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Katholische Ikone als gewünschtes Vorbild für die islamische Frau ...

Das Gesicht ist wunderschön, und die Augen strahlen. Ihre Hände haben dieselbe Haltung, die man auf Kirchengemälden sieht. Die Heilige Maria, dargestellt von einer iranischen Schauspielerin, wird seit mehreren Wochen jeden Sonntag von Millionen Iranern - und vor allem älteren Iranerinnen - in einer Fernsehserie bewundert. Das Fernsehen strahlt zur Geburt Christi eine Serie über Maria aus, wie sie im Koran dargestellt wird. Die iranischen Christen, mehrheitlich armenisch-orthodox, feiern Weihnachten am 6. Jänner, bis dahin läuft die Serie.

In Iran leben 200.000 Armenier. Sie wurden im 16. Jahrhundert als Handwerker von Schah Abbas dem Großen, der Isfahan zu seiner prachtvollen Hauptstadt ausbauen wollte, aus Armenien nach Isfahan geholt. Djulfa, wie schon ihre Heimatstadt in Armenien hieß, ist nur ein Stadtteil von Isfahan, aber hat trotzdem seinen christlichen Charakter bewahrt. Zwölf Kirchen, die sich in ihrem safawidischen Stil kaum von den prachtvollen Moscheen in Isfahan unterscheiden, zeugen vom friedlichen Zusammenleben der Christen und Muslime in dieser Stadt.

In Teheran und vielen größeren Städten im Iran wird die Geburt Christi und das christliche Neujahr mit zahlreichen klingenden Kirchenglocken gefeiert. Tannenbäume werden an verschiedenen Plätzen zum Verkauf angeboten. Und die Nachfrage ist so groß, dass die iranischen Umweltorganisationen vor dem Kahlschlag der Tannenwälder warnen. Nach einer alten Tradition sendet der iranische Präsident zur Geburt Christi eine Grußbotschaft an die iranischen Christen. Und der armenische Präsident kommt zum Jahresende nach Iran und nimmt an einer Messe der armenischen Kirche teil.

Fatima und Marjam

Die Verehrung Mariens hat in Iran eine lange Tradition. Tausende Iranerinnen werden nach Marjam, der iranischen Form von Maria, benannt. Sie symbolisiert die Reinheit und Keuschheit der Frauen - ganz wie sie im Islam erwünscht ist. Maria und Fatima, Letztere Tochter des Propheten, sind zwei Frauen, die nach Vorstellung der Religiösen das wahre Gesicht der Frauen darstellen und als Vorbild der Musliminnen gelten.

Gerade jetzt, wo die iranische Jugend sich mehr und mehr nach westlichen Idealen orientiert und klare Vorstellungen hat von dem, was sie will, halten die Konservativen am Vorbild Marias fest, obwohl die Realität eine andere Sprache spricht. So verlangten Studenten und Studentinnen bei einer Veranstaltung auf der Universität von Präsident Mohammed Khatami ganz unmissverständlich mehr Freiheit. Vor allem die iranischen Frauen sind dabei, die iranischen Bildungsstätten, vor allem die Universitäten, zu erobern, mehr als 65 Prozent der Neuzugänge an Hochschulen sind weiblich.

Eine Besinnung auf die alten orientalischen Sitten, wie sie von den Konservativen immer wieder propagiert wird, kommt für sie nicht infrage. Die Verehrung Marias begeistert zwar die ältere Generation, wird aber von Jüngeren kaum wahrgenommen. "Nieder mit den Taliban in Kabul und in Teheran" ist der neueste Slogan der iranischen Jugend.

All das tut dem Kurs der Konservativen keinen Abbruch. Zum ersten Mal wurde ein Parlamentsabgeordneter wegen seiner Kritik an der Justiz verhaftet. Hossein Loghmanian sitzt trotz massiver Kritik des Parlaments seit ein paar Tagen im Gefängnis, obwohl nach iranischem Recht die Abgeordneten Immunität besitzen. In seiner Heimatstadt Hamadan gingen die Jugendlichen für ihn auf die Straße. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 29./30. Dezember 2001)

STANDARD-Korrespondent Amir Loghmany aus Teheran
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