Europa bricht entzwei, Heidelberg wird zur Küstenstadt

29. Dezember 2001, 20:00
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Bruchlinie liegt zwischen Deutschland und Frankreich - allerdings wird sie erst in 50 Millionen Jahren relevant

Wir stehen am Rand von Heidelberg. Wellen brechen an der Küste eines weit glitzernden Meeres. Am Horizont segeln Schönwetterwölkchen, ansonsten im Westen nur Himmel und Wasser. Eine Schiffsreise zum anderen Ufer dauert etliche Stunden. Dort liegt Frankreich.

So könnte es aussehen in ferner Zukunft, wenn der Spaltungsprozess Europas entlang des Rheingrabens und seiner nördlichen Fortführung über den Meeresgrund der Nordsee bis nach Oslo und entlang seiner südlichen Fortsetzung vom Rhônetal bis ins Mittelmeer anhält. Beide Flanken des sich zwischen Frankfurt und Basel deutlich in die Landschaft einschneidenden Oberrheingrabens haben sich immerhin schon 30 bis 50 Kilometer voneinander entfernt - Schwarzwald und Vogesen waren einst vereint. Heidelberg und Freiburg könnten (sollte es sie noch geben) dereinst Hafenstädte sein; Frankfurt, Karlsruhe, Straßburg und Basel würden vom Meer verschluckt.

Europa wird voraussichtlich auf ähnliche Weise zerbrechen, wie Afrika es derzeit in einem fortgeschrittenerem Stadium erlebt: Dort weitet sich ein Riss in der Erdkruste, der vor zehn Millionen Jahren dem heutigen Rheingraben ähnelte, zu einem neuen Ozean, dessen Anfänge das Rote Meer darstellt. Bereits 35 Millionen Jahren lang senkte sich - mit Unterbrechungen - der afrikanische Graben, bis vor fünf Millionen Jahren vulkanische Schmelze (Magma) aus dem Erdmantel (befindet sich unter der Erdkruste) die Kontinentalplatte aufschweißte und Arabien vom Mutterkontinent Afrika trennte. Der sich öffnende Zwischenraum wird seitdem durch frisches Magma verheilt, das an der Erdoberfläche eine Anhöhe, den so genannten Ozeanischen Rücken, bildet. Dort erstarrt die Schmelze umgehend zu ozeanischer Erdkruste. Nachfließendes Magma drückt die Kruste von beiden Flanken des Rückens weg und schiebt Afrika und Arabien in gegengesetzter Richtung auseinander. Das Becken wurde zunächst vom Mittelmeer und später auch vom Indischen Ozean überflutet.

So weit ist die Entwicklung im Rheingraben noch nicht. Gleichwohl begann sein Absenkungs- und Spaltungsprozeß in etwa zeitgleich mit dem in Afrika im oberen Eozän - 40 Millionen Jahre ist das nun auch schon wieder her. Unter Ostafrika wurzelt aber eine gigantische Magmablase, ein so genannter Mantelplume, der die Erdkruste anhob und so stark dehnte, dass sie zerriss. Ein derartiger Plume fehlt unter Europa, deshalb schreitet die Spaltung hier deutlich langsamer voran. Während das Rote Meer im Jahr durchschnittlich um zwei Zentimeter breiter wird, rücken West-und Osteuropa derzeit um höchstens einen Millimeter jährlich auseinander.

Die Teilung Europas ist letztlich Afrika anzulasten. Durch die Kollision beider Kontinente türmen sich in der Knautschzone die Alpen. Das entstehende Gebirge verzehrt die "Aufprallenergie" aber nicht vollständig. Deshalb macht sich auch nördlich der Alpen ein kleiner Teil der Kollisionskräfte bemerkbar. Der Druck aus dem Süden setzt die Erdkruste unter Spannung, und sie versucht dem Druck nach Osten und Westen auszuweichen. Dabei bricht die Erdkruste an einer - selbst nach erdgeschichtlichen Maßstäben - sehr alten Schwächezone auf, dessen deutlichste Ausprägung heute der Oberrheingraben ist. Die Flanken des Risses rutschten in der Folge immer weiter ab. So liegt das alte Grundgebirge, das im Schwarzwald und in den Vogesen noch erwandert werden kann, heute im Rheingraben unter mehr als vier Kilometer dicken, jüngeren Ablagerungen begraben. Durch das Aufreißen der Erdkruste von einem Teil der aufliegenden Last befreit, dehnte sich der Erdmantel unter der Rheinebene aus, und heißes Magma stieg auf. Vulkane wie der Kaiserstuhl und der Vogelsberg erhoben sich und spien große Mengen Lava.

Heute geht von Vulkanen hier keine Gefahr mehr aus. Kaiserstuhl und Vogelsberg sind erloschen. Die Vulkane der Eifel gelten zwar als aktiv, in den nächsten Jahrzehnten ist mit Ausbrüchen aber nicht zu rechnen. Regelmäßige Erdbeben und Risse in Häuserwänden etwa in Heidelberg jedoch sind weiterhin unerbittliche Vorboten der Spaltung Europas. Dabei sacken Erdschollen zentimeterweise an den Grabenflanken ab. So auch beim großen Beben vom 12. April 1992, das mit einer Stärke von 5,8 auf der Richter-Skala am Niederrhein Schäden von über 300 Millionen Mark verursachte. Wissenschaftler untersuchen derzeit in vielen Forschungsprojekten die Region, um etwa das Erdbebenrisiko besser einschätzen zu können.

Der magmaheiße Erdmantel unter der Oberrheinebene wölbt sich nach wie vor deutlich auf. Während er normalerweise bis ungefähr 35 Kilometer unter die Erdoberfläche ragt, erreicht er unterm Rheintal mit 24 Kilometern seine größte Nähe zur Erdoberfläche in ganz Mitteleuropa. Die Erdkruste wird aller Voraussicht nach weiter ausdünnen, bis das Magma aus dem Mantel die Oberfläche erreicht und anfängt, als Ozeanischer Rücken ozeanische Kruste zu bilden. Spätestens dann wird das Rheintal als ausgedehntes Becken an die Weltmeere angeschlossen sein und voll Wasser laufen. Zu beiden Seiten des Rückens wird dann kontinuierlich neue ozeanische Kruste produziert, und die beiden Hälften Europas werden endgültig auf getrennte Reise geschickt. Bis es soweit ist, vergehen zwar noch mindestens 50 Millionen Jahre. Aber trotzdem: Adieu, Frankreich! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30. 12. 2001)

Von Axel Bojanowski

Der Autor ist Geologe und freier Journalist, u.a. für GEO, Süddeutsche, Welt und Standard.
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