Brotgeber des Kalten Krieges

28. Dezember 2001, 20:19
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Diverse Neuerscheinungen setzten sich im letzten Jahr mit der gewandelten und steigenden Bedeutung von Geheimdiensten auseinander

Eine Analyse. Von G. S. Lou


Waren Sie bislang ein Aficionado von Berühmtheiten wie John Le Carré und Ian Fleming im Dienste des Secret Service, so ist es nachgerade ein Gebot der Stunde, Ihr Repertoire durch die Lektüre von Stephen Dorrils Band MI6. Fifty years of special operations zu bereichern.

Der britische Auslandsgeheimdienst MI6 ist weltweit eine der geeichtesten Organisationen auf dem Gebiet der Sammlung von "Intelligence", mit der fiktiven Ikone James Bond in seinem Sold. Bei aller vermeintlichen Publicity figuriert MI6 dennoch bis heute als der Star unter den Geheimdiensten, der sich beharrlich jeglichem Zugriff zu entziehen vermochte. Die Spitze des Unternehmens ist der Presse per Konterfei verborgen; gleichermaßen verhielt es sich bis zum Jahre 1994 mit dem Budget der Organisation. Wie ausgeklügelt auch immer die Nachforschungen sein mögen, es kann keinerlei Rechtsanspruch darauf erhoben werden, zu erfahren, welche Unternehmungen im Namen britischer Sicherheit im Ausland getätigt werden.

Erstmals gelang es nun dem akribischen Beobachter und Chronisten der Geheimdienstszene, Stephen Dorril, das Arkanum mit einem geradezu enzyklopädischen Werk zu lüften. Über 50 Jahre, von 1949 bis 1999, spannt der Autor den Bogen seiner Recherchen, um uns an profunden Details des erlauchten "Secret Intelligence Service"(SIS) teilhaben zu lassen. Anhand verlässlicher Quellen, aber auch obskurer Artikel rollt Dorril die Chronologie des MI6 auf, erklärt dessen Operationen und die ihnen zugrundeliegenden Motive ebenso, wie er den Leser mit den erlaucht-illustren Charakteren des MI6 in dem Maße schockiert wie amüsiert.

Die Geschichte des MI6 nahm im frühen 20. Jahrhundert ihren Anfang, mit dem Auftrag, das "Rote Russland" zu beobachten und in zeitlicher Abfolge darauf "Nazideutschland" zu beschatten. Aus dem Zweiten Weltkrieg schließlich ging MI6 mit einer eigenen Weltanschauung hervor: sie war zutiefst antikommunistisch und mit einer unleugbaren Dosis an Nostalgie für das "British Empire" versehen. Zu Beginn des Kalten Krieges nahm sich Großbritannien noch in der einflussreichen Rolle wahr, an der Aufteilung der Welt mitverantwortlich zu zeichnen; doch die Nachkriegsoperationen des MI6 verharrten in einer Haltung, die an Vorkriegszustände erinnerte und waren festgefahren an Praktiken, die sich zu Hause eher am Ambiente exklusiver Clubs orientierten denn an Überlegungen, wie sie dem Rückzug einer postimperialen Macht angemessen waren.

Das Management des Kalten Krieges oblag einem mixtum compositum aus frustrierten, ehemaligen Mitgliedern der SOE (Special Operations Executive) aus dem Zweiten Weltkrieg, die nach militärischem Engagement lechzten, aus begierigen Reaktionären, und einigen glühenden Verfechtern des Sozialismus, die im Kommunismus ihre Zukunft und in der Spionage ihre Traumkarriere sahen.Der Geheimdienst war beides: vom Kalten Krieg ebenso geschürt wie aus ihm genährt.

Mit ihrem Service am "Great Game" trugen die britischen Agenten aber auch zum Split innerhalb des MI6 bei und beschworen in dem Moment eine Verschlechterung der Beziehungen zu den USA herauf, in dem sich die CIA anschickte, auf dem Gebiet der "intelligence" die Führung zu übernehmen. Die divergierende Meinung entspann sich zwischen den beiden indes über der Frage der Intervention in Südostasien. Die USA applizierten in dieser Region im Rahmen der amerikanischen "Containment" Strategie ihre "Dominotheorie", der der MI6 mit Skepsis begegnete. Sie schlug sich in den 1960ern deutlich im Dégagement, der Distanzierung Großbritanniens vom Bündnispartner USA nieder.

Ein nicht unbedeutender Grund dafür, dass Großbritannien sich weigerte in den Vietnamkrieg einzutreten, lag in der Überredungskunst des in Washington stationierten MI6 Verbindungsmannes Maurice Oldfield, der den britischen Premier Harold Wilson vor der Entsendung britischer Truppen warnte.

Wie sein amerikanischer Counterpart, die CIA , war auch der MI6 davon beseelt, ausgeklügelte Pläne auszuhecken, und alles daran zu setzen, nationale Führer in der Dritten Welt zu bekämpfen, sie zu stürzen und ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Doch bei all der spitzfindigen Planung entgingen dem MI6 gelegentlich Entwicklungen, die sich vor seinen eigenen Augen anbahnten: sei es der Bruch zwischen Moskau und Belgrad in den späten 40er Jahren; die Revolution in Ungarn 1956, deren Ereignisabfolge den MI6 völlig überraschte. Auch die Invasion der Tschechoslowakei durch sowjetische Truppen 1968 wurde vom MI6 ebensowenig vorhergesehen, wie die Invasion der Falklandinseln durch Argentinien im Jahre 1982.

Warnungen, wie sie der MI6 am Vorabend des Einmarsches irakischer Truppen in Kuweit 1990 ausgab, schlug die "intelligence" Bürokratie des britischen Kabinetts in den Wind. In den 1950ern wurde George YOUNG, MI6 Direktor der Nahostoperationen berühmt mit seiner Feststellung, es sei der Spion gewesen, den man zu Hilfe rief, um Situationen auszubaden, die durch "inkompetente Minister, Diplomaten, Generäle und Priester" heraufbeschworen worden waren.

Angesichts des Ausmaßes an Entgleisungen, Fehlschlägen und Skandalen ist es bemerkenswert, mit welcher Unverwüstlichkeit es der Organisation gelang zu überleben. Sie tat dies dank ihrer Stellung, die sie in der britischen Regierung uneingeschränkt innehat, was ihr ermöglichte, einschneidenden Reformen all die Jahre hindurch ungeschoren zu entgehen. Als erleichternd im Anforderungsprofil des Agenten galt dabei wohl seit jeher, dass er uneingeschränkte Mobilität genießt; sie entbindet ihn allerdings nicht davon, Ministern und einem unabhängigen Tribunal Rechenschaft abzulegen.

Seit den jüngst verübten Terrorakten auf US-Territorium, die unseren Planeten abrupt in die Ära eines brandheißen Krieges katapultierten, sieht sich der MI6 neuerlich herausgefordert. Die für den Kalten Krieg signifikanten Parameter einer polit-ideologischen Bipolarität zwischen Kapitalismus und Kommunismus werden ersetzt durch den Kampf von "McGlobe" versus "Terrorismus". Es ist die blutige Auseinandersetzung zwischen den auf Freiheits-und Demokratieverständnis basierenden Pinzipien des Westens und denjenigen fundamentalistisch verschworener Muslime, die gegen dieses westliche Selbstverständnis per "Jihad" zu Felde ziehen, - kamikazehaft, unter Indienstnahme von Bio,-Chemo,-und Cyberterror.

Weder die Länge des Krieges, noch die Mittel der Kriegs-führung sind mit Gewissheit prognostizierbar. Die Vergeltung wird militärisch auf fremder Scholle geübt. Der Kampf zielt auf ein Netzwerk terroristisch Gleichgesinnter ab, deren Kopf per "Secret Service, in covert action" global gejagt wird. Am Beginn des 3. Jahrtausends sind somit Reminiszensen an Palmerstons Diktum en vogue, wonach Nationen nur immer währende Interessen, aber keine solchen Freunde haben.

Schlagartig gelten Allianzen und Bündnisse aus der Zeit des Kalten Krieges als überholt. Nahtlos mutieren Nationen vom Aggregatzustand eines non grata Schurkenstaates in den des gratifizierten Verbündeten; verworfene koloniale Liaisons stehen in der Gunst der Stunde. Analog dazu leitet sich für die Geheimdienste dieser Welt die Parole ab, den Feind im Fadenkreuz von gestern als Verbündeten mit Handschlagqualität von morgen zu akzeptieren.

Dorril beklagt die Tatsache, dass MI6 auch in der Interimsphase nach dem Ende des Kalten Krieges sein Nahverhältnis zu den USA und damit zum CIA wesentlich wichtiger bewertete, als einschlägige Bemühungen, das Vertrauen seiner deutschen und französischen Pendants zu gewinnen, um diese von der Sinnhaftigkeit eines gemeinsamen europäischen Geheimdienstes zu überzeugen.

Die jäh eingeläutete Ära des multiplen Terrors fordert Geheimdienste zu einschneidenden Veränderungen heraus; sie postulieren dezidiert ein andersartiges "Intelligence" Profil. Die traditionell "liierten" Geheimdienste dies- und jenseits des Atlantiks sind aufgerufen, sich über eine gemeinsame europäische Kooperation hinaus zu globaler Zusammenarbeit mit ihren Pendants zu verpflichten.

Eine massive Aufstockung ihres Budgets, sowie die Anreicherung mit weitreichenden legistischen Vollmachten sollen den "secret service" des "Westens" dazu motivieren, petrifizierte Strukturen aufzubrechen und obsolete Taktiken abzulegen, bréf, sich einer radikalen Transformation zu unterwerfen. MI6 trägt diesem Auftrag dahingehend Rechnung, indem er plant, sein Kontingent in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln und sich anschickt, erfahrene "old hands" aus dem Ruhestand ins aktive Agentenleben rückzurekrutieren.

Das angebrochene Zeitalter bedarf eines Typus von "intelligence" der von "common sense" getragen ist und vorauseilenden Spürsinn dafür entwickelt, wann und wo jenes globale, fein gesponnene, heterogene Feindesnetz zu unterminieren ist. Das "Wie" dazu könnte sich der Spion des Cyberage aus Anleitungen jener instruktiven Literatur holen, die im heißesten Kalten Krieg zum mentalen und physischen Repertoire eines wahrlich intelligenten Spions zählte, exemplarisch aus John Le Carrés Der Spion der aus der Kälte kam.

(DER STANDARD, Album, 29.12.2001)

Stephen Dorril, MI6. Fifty years of special operations. öS 355,-/EURO 25,80/922 Seiten. London, Free Press 2001.
Richard Tomlinson, Das Zerwürnis. Ein ehemaliger MI6 Agent packt aus. ö 299,-/EURO21,75/447 Seiten. Heyne, München 2001.
James Bamford, NSA. Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt. öS 496,-/EURO 36/678 Seiten. Bertelsmann, München 2001. (Wurde im ALBUM vom 19. Mai rezensiert.) Frances S. Stonor, Wer die Zeche zahlt. öS 364,-/EURO 26,45/ 477 Seiten. Siedler, Berlin 2001.
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