Motivationstrainer vor dem Out

2. Jänner 2002, 10:32
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Es ist ruhig geworden um die ehemals lautstarken Galionsfiguren

Feuerläufe und Adler-Metaphern sind Schnee von gestern: Der neue Trainingshit im Programm des Motivationspapstes Jürgen Höller heißt "Die Kraft des Tigers". Wer furchtlos mit den Tigern im Safaripark Gänserndorf auf Tuchfühlung geht, wird im Leben alles erreichen. Vorausgesetzt, er konzentriert sich auf seine Ziele. Denn allein das Bestaunen dieser - eigentlich bedauernswerten - Kreaturen soll die Teilnehmer zu Schlauheit, Stärke und Geschmeidigkeit führen. Vorsprung durch Raubkatzen statt mühseliger Introspektion, lautet die Devise.


Laufhysterie

Mit ebenso einfachen Rezepten wartet Fitnessguru Ulrich Strunz auf, der in den vergangenen Jahren eine wahre Laufhysterie auslöste. Der einstige Gourmetkritiker und spätere Extremsportler verspricht, dass regelmäßiges Laufen, richtige Ernährung und die Durchführung mentaler Techniken Kreativität und Höchstleistung garantieren.

Papst hin, Guru her - die Erklärung, wieso deren gläubige Fangemeinschaft letztendlich nicht den gewünschten Erfolg erzielt, ist um einiges komplexer als die simplen Formeln der Trainer.

"Motivationstrainer reduzieren das zarte Geflecht des Willens und der Kreativität auf selbstredundante Formeln", stellt Trendforscher Matthias Horx in seinem jüngsten Buch "Smart Capitalism" fest. Das Problem sei, dass rhythmisches Stampfen, Singen oder die Willenskraft nicht genügen, um Erfolg zu haben. "Zu sich selbst finden, sich selbst aus den vielen Möglichkeiten des Lebens herauszumeißeln ist eine schwere, heroische Aufgabe, die im Grunde keine lauten Töne verträgt", betont Horx.

Auch Karrierecoach Ingrid Kösten hält Motivationstrainings zur tief greifenden Neuorientierung für wenig sinnvoll. "Lebensgewohnheiten haben sehr oft mit persönlicher Kultur zu tun. Kultur zu entwickeln ist ein lang andauernder Prozess - ihre Veränderung erfordert noch mehr Zeit."

Brancheninsiderin Christine Wirl argumentiert ähnlich, die Herausgeberin des Magazins Training bezweifelt, dass einstudiertes positives Denken auf die Psyche aufgesetzt werden könne wie ein Softwareprogramm auf ein Betriebssystem. Wichtig sei es hingegen, das eigene "Betriebssystem" zu ergründen und ständig weiterzuentwickeln.

Den einfachen Formeln der Motivationstrainer liegen relativ undifferenzierte Definitionen vom Begriff Erfolg zugrunde. Erfolg wird mit dem Ausschöpfen des eigenen Potenzials und dem daraus folgenden Wohlstand und Glück gleichgesetzt.

Karrierecoach Kösten hält Erfolg dagegen für "keine Ware, die von der Stange gekauft werden kann, sondern immer noch für das Ergebnis begeisternden Arbeitens, in dem Scheitern inbegriffen ist".

Für Trendforscher Horx setzt sich Erfolg aus einem komplexen Geflecht von großteils emotionalen Fähigkeiten zusammen, das sehr viel mit Selbstanalyse, Balancearbeit und Persönlichkeitsintegration zu tun hat. Die dazu notwendige Arbeit am Selbst könne durch euphorische Motivationsbrüller nicht ersetzt werden.

Und tatsächlich ist es ruhig geworden um die ehemals lautstarken Motivationstrainer. Nur Gerüchte um finanzielle und gesundheitliche Probleme wollen nicht verstummen. Damit scheint der ursprünglich mit Brian Tracy und Anthony Robbins in den Vereinigten Staaten entstandene Trend nun langsam sein Ende zu finden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Karin Schmollgruber)

Zu Silvester haben die guten Vorsätze Hochkonjunktur. Was zumindest ein Jahrzehnt lang die Konten der Motivationsgurus aufgefettet hat. Jetzt zeigen sich Kratzer am Lack einstiger Galionsfiguren.
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