Der Boulevard als Gotteswunder

4. Jänner 2002, 15:36
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28. Dezember 2001

Ich halte des für a Verhängnis, dass die Erfahrung der Alten weggeschmissen wird. Die Indianer waren viel besser als unsere heutigen Medien. Dass Sätze wie diese nur Greisen entfahren können, deren Erfahrung wegzuschmeißen keinen Verlust für die Menschheit bedeutet, liegt auf der Hand. Und wenn die armen Indianer, denen fromme Menschen schon genug angetan haben, ohne jegliches Eigenverschulden auch noch für einen Vergleich mit unseren heutigen Medien herhalten müssen, ahnt man schon, dieses hochintellektuelle Aha-Erlebnis ist keinem anderen als dem eben 80 Jahre alt gewordenen Günther Nenning zu verdanken, der es der "Wiener Zeitung" in einem Interview preisgegeben hat.

Die Summe seiner jüngsten Erfahrungen hat er dort in einer Kombination von Rechtfertigung eigenen Treibens und Heiligsprechung der "Kronen Zeitung" gezogen. Das passt mir natürlich auch bei der "Krone". Dass sie das ganz Einmalige hat: Dass sie eine Boulevardzeitung ist und fromm ist. Das ist ja unglaublich. Sie ist die weltgrößte Zeitung: papsttreu und fromm, für 'n lieben Gott und Jesus Christus. Das ist doch großartig! Für so eine Zeitung muss ma' doch schreiben.

Was ihn natürlich nicht hindert, gleichzeitig für ein Heidenblatt wie "Die Presse" zu schreiben. Das hat freilich damit zu tun, dass i ja nicht blöd bin. Ich weiß schon, wo ich was schreiben kann. Für die "Krone" oder die "Presse"? I schreib für jede Zeitung anders. Das ist eben die Erfahrung der Alten, die hier von einem journalistischen Kräuterpfarrer nicht weggeschmissen, sondern gut aufgehoben wird, weil damit die Blattlinie eines Herausgebers Nachdruck erhält, der das Jenseits schon im Blick hat, ohne darüber das Diesseits auch nur eine Minute aus den Augen zu lassen: In der Karwoche und im Advent müssen die Damen auf Seite 7 in die Unterwäsche schlüpfen.

Im "profil", dem der biegsame Achtziger auch ein Interview wert war, verstieg er sich sogar zu klerikaler Amtsanmaßung, indem er das Blatt zu einem Wunder erklärte. Die "Krone" . . . ist ungeheuer fromm. Zeigt mir so ein frommes Blatt wie die "Kronen Zeitung". Die weltgrößte Zeitung wird geführt von frommen Leuten, das ist ein Gotteswunder. Gemessen am Erfolg dieser Gehirnwäsche durch den Herausgeber war das Pfingstwunder ein bescheidenes Event, und es kann nicht mehr lange dauern, bis Nenning zu Sprungprozessionen ins "Krone"-Haus aufruft. Die Basis für eine Heiligsprechung des Oberfrömmlers ist jedenfalls gelegt. Christianus wäre für diesen Job zwar besser berufen gewesen, aber dass Hans Dichand in seiner Liebe zur Kreatur Franz von Assisi fast schon wie einen Tierquäler erscheinen lässt, wird dem spirituellen Unterfangen gewiss nicht schaden.

An eigenem Zutun lässt er es jedenfalls nicht fehlen. Bei der Weihnachtsfeier der "Krone"-Redaktion, bei der ihm Kardinal Christoph Schönborn und Exbürgermeister Helmut Zilk ministrierten, bot er journalistischen Jüngern und redaktionellem Gefolge ein Evangelium nach Cato, das von kniefälliger Verehrung für die eigene Person nur so triefte, und kanonisierte es auch gleich durch ganzseitigen Abdruck in der Nummer vom 24. Dezember unter dem Titel Die Kraft des Wünschens.

Der Advent ist eine Zeit des Wartens und Erwartens. Für mich ist er auch eine Zeit des Suchens, und die beginnt meist schon im frühen November . . . Die Beschäftigung mit diesen besinnlichen Themen lässt mich ein wenig vom Alltag abheben und versetzt mich in einen Zustand erhöhter Empfindsamkeit, was man Aufmachern wie Mord-Opfer im Dienstauto des Ministeriums oder Tschechen werden Temelín nicht los oder gar - wieder zum Temelín-Handel - Zu wenig, Herr Bundeskanzler! auch deutlich anmerkt.

Man möge es sentimental finden, ahnt er dunkel den Kitschgehalt seiner Predigt, aber Advent und Weihnachten finden bei mir nicht nur mit dem Kopf statt, ich brauche auch etwas Herz dazu - aber woher nehmen? Na, am besten vom Dichter -, so im Sinne von Saint-Exupéry, der meinte, dass man "nur mit dem Herzen gut sieht". Das kann Folgen haben. Und manchmal macht man sich dann eben aus dieser besonderen Stimmung und Gemütsverfassung heraus seine eigene Weihnachtsgeschichte.

Und vollgedröhnt mit christlicher Demut und Nächstenliebe vom Feinsten erzählt der Boss dann der andächtig lauschenden Gefolgschaft, wie er die Nachfolge Christi antrat und einer völlig verschuldeten, von Zwangsversteigerung ihres Hauses bedrohten Frau half. Daraufhin erwarb ich das angrenzende Grundstück, das ebenfalls der Frau gehörte, und machte das kleine Häuschen schuldenfrei. Und der guten Frau bleibt ihr Heim er- halten.

Spätestens an dieser Stelle hätte, wenn schon nicht der bekannt bescheidene Exbürgermeister von Wien, so doch wenigstens der professionell berufene Kardinal von dortselbst Hans Dichand an Matthäus 6, 1-2 gemahnen müssen, wo geschrieben steht: "Habt Acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr bei eurem Vater im Himmel keinen Lohn. Wenn du also Almosen gibst, so posaune es nicht aus, wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Straßen tun, damit sie von den Leuten gepriesen werden; wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin."

Da hilft es gar nichts, sich einen Nenning zu halten, der gegen Bares Heuchelei zum Gotteswunder verklärt. Denn der Vater, der ins Verborgene sieht, wird es nadelöhrmäßig vergelten. (Günter Traxler/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 28. Dezember 2001)

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