Ein Maximum an Schein

1. Jänner 2002, 22:15
posten

"Claude Monet und die Moderne" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München

von Doris Krumpl aus München

Obwohl seine Arbeiten mit ihm nicht zu vergleichen seien, fühlte er eine "verwandte geistige Haltung". Was der US-Maler Elsworth Kelly heuer retrospektiv über das in den 50er-Jahren wiederentdeckte und -geschätzte Spätwerk Claude Monets berichtet, steht gleichsam als Motto einer gesamten Schau. Monets Einfluss auf die Moderne, welche hier aus der antirationalistischen und heroisch männlichen Ecke stammt, ist derzeit die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München auf der Spur.

Sie führt in die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts, als sich vor allem US-amerikanische Kunststipendiaten in Paris, auch angeregt durch eine Galerieausstellung, für das Spätwerk des Impressionisten wieder interessierten. Die von Monet 1927 mit Seerosentapeten (Grande Décoration) ausgekleidete Pariser Orangerie mutierte, so die Fama, zur "Sixtinischen Kapelle des 20. Jahrhunderts". Was viele als angeblich durch grauen Star hervorgerufene anachronistische Salonmalerei verworfen hatten, enthielt für Kelly & Co, auch für den einflussreichen US-Kritiker Clement Greenberg, Stoff für die "Moderne".

Erleuchtung im Garten

Dieses zwischen Naturalismus und Abstraktion oszillierende, serielle Werk Monets nach 1900, vor allem festgemacht in den unzähligen Seerosenbildern, regte an. Elsworth Kelly malte angeblich nach dem Besuch des ehemaligen Wohnhauses und Gartens Monets in Giverny - inklusive Betrachtung von rund 15 Riesenformaten - sein erstes abstraktes Bild.

Was für den Kunstmerchandising-Geschädigten von heute zum Überdruss reproduziert scheint, war für den US-Maler damals, fast unvorstellbar, etwas anderes: "Ich hatte nie zuvor solche Bilder gesehen. All-over-Kompositionen mit pastosen Farbtexturen, die Seerosen darstellten, ohne Horizont." Quasi eine Sensation nach den Perspektiven und deren Verrückungen durch Kubisten und den - Abstraktion hin, Naturalismus her - Monet in den Schatten stellenden Paul Cézanne.

Monet als der Patriarch der Colourfield-Malerei, des Informel, des Tachismus, der Anreger des Pollockschen "all over"-Freejazz ohne Mitte, Horizont und Begrenzung? Monet als der große Wegbereiter der Abstraktion, wie es schon Kandinsky und Malewitsch formuliert hatten?

Die Münchener Ausstellung bejaht dies, in dem sie 30 Exponate von des Künstlers unzähligen Versionen von Seerosen oder Kathedrale-Fassaden rund 50 in Geste und selbstbewussten Formaten ebenbürtigen semi-abstrakten Bildern von Künstlern der Fifties bis heute gegenüberstellt - was diese Schau von der Wiener Belvedere-Ausstellung 1999 und jeder der derzeit grassierenden fünf Monet-Retrospektiven unterscheidet.

Farbordnungen

Mehr oder weniger geglückt: Nur weil Warhol Blümchen tapeziert hat, muss er nicht in Monets Garten geweidet haben. Auch Mark Rothkos Zeugnisse des so genannten Abstrakten Expressionismus widersprechen dem "Maximum an Schein", den Monet nach eigenen Angaben wiederzugeben versuchte. Schlüssiger erscheinen Beau- ford Delaneys vibrierende Farbfelder aus den 60er-Jahren, Gerhard Richters oder Bernhard Frizes Farbschlieren- und ordnungen. Mit teilweise pathetisch-heroischen Saaltexten gekoppelt, stellt sich mitunter ein Flashback in die wieder auferstandenen 80er-Jahre und ihren selbst ernannten Malergenies ein.

Wie man auch Monets Werk gegenüberstehen kann, eines ist sicher: Er bietet zumindest eine Folie, vor der die Malerei immer wieder anders gesehen werden kann. Eine Reihe von Parallelen, die sich vielfältig fortsetzen lässt, heißt es im Pressetext. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.12. 2001)

"Claude Monet und die Moderne"
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München
Bis 10. 3.

Vom 23. 3.-30. 7., ergänzt durch zeitgenössische Videoarbeiten, in der Fondation Beyeler, Basel

hypo- kunsthalle.de
Share if you care.