Trinken an der Harmlosigkeitsgrenze

23. Dezember 2001, 23:32
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Punsch im Advent, Rotwein zur Weihnachtsgans, Sekt zu Sylvester - Österreich im Feiertagsrausch. Gesundheitspsychologe und Suchtforscher Dr. Alfred Uhl erklärt im Interview mit mymed.cc, wo beim Trinken die Grenze zwischen Harmlosigkeit und Gefährdung verläuft.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Dr. Uhl, Sie leiten die Alkohol Koordinations- und Informationsstelle am Anton Proksch Institut in Kalksburg. Wie viele Österreicher haben gesundheitliche Probleme durch Alkoholmissbrauch?

Uhl: die jüngsten Untersuchungen haben gezeigt, dass derzeit etwa 5 Prozent der Österreicher tatsächlich alkoholabhängig sind, und dass weitere 13 Prozent Alkohol regelmäßig in gesundheitsgefährdenden Mengen konsumieren. 25 Prozent der Österreicher trinken überhaupt keinen Alkohol, und die übrigen können irgendwie damit umgehen. Dazu gehören auch die Feiertags- und Urlaubstrinker, die ja nur zeitlich befristet über die Stränge schlagen.

Mymed: Warum scheinen manche Menschen Alkohol einfach besser zu vertragen als andere?

Uhl: Da gibt es einerseits physiologische Voraussetzungen. So vertragen Asiaten zum Beispiel den Alkohol grundsätzlich schlechter als Europäer. Andererseits spielt natürlich der Gewöhnungseffekt eine Rolle. Wer regelmäßig trinkt, baut den Alkohol wesentlich schneller ab als ein Gelegenheitstrinker. Wie bei jedem Suchtmittel muss die Dosis ständig erhöht werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Irgendwann kommt ist dann aber der Punkt erreicht, ab dem man plötzlich wieder weniger verträgt. Das ist der sogenannte Toleranzbruch, der bereits auf massive gesundheitliche Schäden hinweist.

Mymed: Welche Mengen an Alkohol gelten nun als gesundheitsgefährdend?

Uhl: Derzeit hat man sich international auf folgende Grenzwerte geeinigt: Die Harmlosigkeitsgrenze, unter der auf Dauer keine ernsten gesundheitlichen Schäden zu erwarten sind, liegt für Frauen bei 16 Gramm, für Männer bei 24 Gramm Alkohol pro Tag. Mit einem Vierterl Wein, einem Krügerl Bier oder drei kleinen Schnäpsen täglich befindet man sich daher auf der sicheren Seite, vorausgesetzt, man ist körperlich gesund und war zuvor niemals alkoholkrank. Die Gefährdungsgrenze liegt für Frauen bei 40 Gramm und für Männer bei 60 Gramm Alkohol täglich. Eine täglich Bouteille Wein gilt also durchaus bereits als gesundheitsgefährdend.

Mymed: Welche Alarmzeichen deuten auf eine Gesundheitsgefährdung durch Alkohol hin?

Uhl: Wenn man täglich mehr als eine Bouteille Wein oder drei Krügerl Bier konsumiert, ist die Gefährdungsgrenze bereits überschritten. Ebenso wenn man das Gefühl hat, bestimmte Belastungssituationen ohne Alkohol nicht mehr bewältigen zu können. Alkohol ist übrigens eines der schlechtesten Psychopharmaka, die es gibt.

Mymed: Gibt es nach neuesten Erkenntnissen eine erbliche Veranlagung zur Alkoholsucht?

Uhl: Bisher konnte man kein einzelnes Gen oder einen Genkomplex mit Alkoholabhängigkeit in Zusammenhang bringen. Eine schlechtere Verträglichkeit von Alkohol kann aber durchaus genetisch bedingt sein. Ebenso die Veranlagung zu Ängstlichkeit und Angespanntheit, die unter anderen eine psychische Komponente der Alkoholsucht sein kann.

Mymed: Es heißt, dass regelmäßig konsumierte geringe Mengen an Alkohol gesundheitsfördernd wirken. Konnte das bereits durch eine wissenschaftliche Studie bestätigt werden?

Uhl: Diese doch sehr verbreitete Ansicht basiert meiner Meinung nach auf einem großen statistischen Irrtum. Epidemiologische Untersuchungen haben immer wieder gezeigt, dass es den vorsichtigen Gelegenheitstrinkern gesundheitlich am besten geht. Das liegt aber nur daran, dass all jene, die auf einmal mehr trinken, aus dieser Gruppe herausfallen und in die Stark-Trinker-Gruppe wechseln, wo gesundheitliche Probleme natürlich häufiger sind. Tatsache ist, dass regelmäßiger Alkoholmissbrauch die Lebenserwartung im Schnitt um 15 bis 20 Jahre verkürzt. Im Gegenzug gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis für eine gesundheitsfördernde Wirkung des Alkohols. Es gibt da einige Mythen, zum Beispiel, dass mäßiges Trinken die Leute gescheiter macht und das Leben verlängert, aber meiner Ansicht nach ist das ein kompletter Blödsinn.

Mymed: Herr Doktor Uhl, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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