Eine Frage des Rückgrats

11. Jänner 2002, 14:17
posten

Ein Kommentar von Gerfried Sperl

Mit dem Euro kommt auch Monika Lindner. Wird sie bloß eine neue Münze im österreichischen Medienwesen sein oder der Garant für eine starke Währung im ORF? Bei der vorläufig möglichen Annäherung an eine Antwort ist weniger wichtig, von wem sie gewählt wurde, sondern wie viel Rückgrat sie auf der Basis ihrer fachlichen Erfahrung von Anfang an beweist.

Ein Fortschritt ist sicher die Beendigung der Beziehungsära des Gerhard Weis. Der scheidende Mediendealer hat die Methode seines Vorgängers, den ORF in eine Kopieranstalt deutscher Privatsender zu verwandeln, perfektioniert. Er hat es zugelassen, dass die TV-Information in ein parteipolitisches Treibhaus mutieren konnte. Und er hat die öffentlich-rechtliche Anstalt kommerziell und propagandistisch mit Mediaprint und News-Gruppe verhabert.

Wenn es Lindner gelingt, das Unternehmen von dieser dreifachen Umklammerung zu befreien, dann hätte sich nicht nur das neue Rundfunkgesetz bewährt, dann wäre ihre Wahl auch ein großes politisches Ereignis gewesen. Das zu beurteilen steht in einigen Jahren an. So weit sind wir noch nicht, und man wird von ihr - angesichts der österreichischen Wirklichkeit - auch nichts Unmögliches verlangen können. Die ersten Interviews zeigen jedoch Ansätze eines Willens zur Veränderung.

Die als niederösterreichische Landesintendantin mäßig innovative Lindner hat angedeutet, dass sie nicht jeder ausländischen Mode sofort nachhüpfen möchte, sie scheint bereit zu sein, teure Effekte zugunsten besserer Inhalte abzudrehen, sie forciert wieder das Kantige, Jugendlichere, Unbotmäßige. Daraus sind ja (seinerzeit) so viele Innovationen entstanden. Das gibt immerhin Anlass zur Hoffnung.

Doch der ganz große Brocken ist jener der TV-Information. Auch dort geht es nicht um die Bestellung eines Nullgrupplers oder einer Frau, weil Frau. Der (die) künftige Chef(in) muss über innere Unabhängigkeit verfügen, über hohe Kenntnisse der nationalen und internationalen Zeitgeschichte sowie über robuste Nerven, um parteipolitische Interventionen abprallen zu lassen.

Aber nicht nur das. Die TV-Information muss strukturell und inhaltlich umgebaut werden, ihr Grundgerüst stammt aus der Ära Dalma. All das anzugehen, dazu braucht es zweierlei: weniger Zurufe von außen und mehr Querdenken von innen. Zu diesem Reformkomplex zählen auch die Diskussionssendungen, die meistens nur noch ein Abglanz kontroversieller Brisanz von früher sind.

Manchmal wird gefragt, warum sich eine liberale Zeitung weniger Parteipolitik im ORF wünscht. Weniger Qualität im Fernsehen fördere doch die Neigung zum Lesen. Stimmt. Aber das wäre trotzdem zu kurz gedacht. Denn von einer größeren Unabhängigkeit und Integrität des ORF profitiert die gesamte Medienlandschaft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26. Dezember 2001)

Share if you care.