Das andere "Klingeling" der Wiener Babyabgabestelle

8. Jänner 2002, 10:23
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Vor allem junge und vergewaltigte Frauen nutzten diese Möglichkeiten

Seit einem halben Jahr tragen "Babyklappe" und "anonyme Geburt" dazu bei, die Zahl der Kindesweglegungen zu senken: Vor allem junge und vergewaltigte Frauen nutzten diese Möglichkeiten, ihre Kinder zur Welt zu bringen.

Andrea Waldbrunner

Wien - Für Elisabeth Köpl vom Wiener Jugendamt sind sie die "Kinder ohne Geschichte". Jene Babys, die anonym zur Welt kommen. Von Müttern geboren, die ihren Namen nicht nennen können oder wollen.

Zwölf anonyme Geburten hat es bisher in Wiener Spitälern gegeben. Im Juli wurden nach einigen dramatischen Kindesweglegungen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Mütter, die sich in Notlage befinden, ihr Kind in sieben Wiener Spitälern dennoch sicher zur Welt bringen können. Gleichzeitig hielt es Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SP) für sinnvoll, anonyme Schwangerschaftsbetreuung zu ermöglichen - damit Mütter auch während der Schwangerschaft mit dem Mutter-Kind-Pass Untersuchungen und psychologische Betreuung in Anspruch nehmen können.

Elisabeth Köpl bekommt die Kinder in ihre Obhut, wenn sie das Spital verlassen müssen. Ab diesem Zeitpunkt ist das Jugendamt zuständig. Es werden Adoptiveltern gesucht. Was für viele Adoptivwillige ein Problem sei. "Nicht jedes Paar will sich darauf einlassen, ein Kind aufzunehmen, ohne etwas von seiner Vorgeschichte zu kennen, aus welchen Verhältnissen es stammt."

Zögern beobachtet Köpl aber auch auf anderer Seite: bei den Müttern selbst. Sie lassen nur ungern ihre Kinder zurück. Weil sie selber noch sehr jung sind. Sich ihr Kind nicht leisten können. Nach Vergewaltigungen schwanger wurden.

"Frauen machen das nicht aus Hetz, um Geld zu sparen", hat auch Uta Loner, Ärztin im Wilhelminenspital und Geburtshelferin "anonymer Kinder" Verständnis.

Heinrich Salzer, Gynäkologe im Wilhelminenspital, hält anonyme Geburt und Babynest im Wilhelminenspital für die "besten Innovationen der letzten Jahre". Für ihn ist jedes gerettete Babyleben genug Argument für diese Einrichtungen. Kollege Andreas Lischka, Neonatologe und Initiator des Babynestes im Wilhelminenspital, ergänzt aber: "Die Leute müssen über Empfängnisverhütung Bescheid wissen, damit es erst gar nicht zu dieser Notlösung kommen muss."

Salzer hat die Zahl anonymer Geburten "wirklich überrascht". Er habe nicht geglaubt, als die anonyme Geburt ermöglicht wurde, dass dieses Angebot "so viele Frauen in Anspruch nehmen". Er vermutet, dass die breite Information in den Medien zu dem Thema entsprechende Aufmerksamkeit bei den Betroffenen hervorgerufen hat.

Im Babynest beim Wilhelminenspital hat bereits fünfmal das Glöckchen am Bettchen angeschlagen, zum Zeichen, dass ein Kind abgegeben wurde. Erfreulicherweise, berichtet Andreas Lischka, wurden zwei Kinder davon wieder von ihren "noch sehr, sehr jungen" Müttern zurückgeholt.

(DER STANDARD, Print, 24.12.2001)

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