Durchwegs skeptisch

11. Jänner 2002, 14:20
posten
Mit einiger Skepsis haben die Vertreter der Printmedien auf die Bestellung von Monika Lindner zur Generaldirektorin des ORF reagiert. In den entsprechenden Kommentaren der heutigen Tageszeitungen ging es dabei weniger um die Person Lindner denn um das Prozedere der Bestellung und mögliche weitere Personalrochaden. Einig sind sich die Kommentatoren darin, dass der neuen Generaldirektorin kein einfaches Leben im ORF bevorsteht.

DER STANDARD

Für Harald Fidler (DER STANDARD) ist das Wahlergebnis "ein mehr als deutliches" Indiz für den Politik-Einfluss bei der Generaldirektoren-Wahl. Interessiert blickt er auf weitere Postenbesetzungen: "Lindner selbst brachte die Formel für den Umgang mit Polit-Forderungen: Wünschen könne man sich alles, es gehe nur um den Umgang damit. Spätestens ab 1. Jänner wird man Lindner an ihren Taten messen können: Was bisher an 'Gerüchten' über ihr Team durchdrang, klingt, vorsichtig formuliert, nicht durchgehend nach sachlichen Kriterien." (siehe dazu: Lindners kolportiertes Führungsteam schimmert tief blau - Seledec, Lorenz, Draxler, Prantner)

Kurier

Im "Kurier" meint Guido Tartarotti: "Die Kür des neuen ORF-Chefs passte zum stil- und würdelosen Polit-Geschacher im Vorfeld. Noch einmal wurde interessierten Bürgern ungeniert gezeigt, wie sehr sie mit dem Slogan vom 'entpolitisierten' ORF verspottet wurden." Mit der Generaldirektorin selbst hat er dagegen kein Problem: "Verblüffend eigentlich, angesichts dieser Rahmenbedingungen, dass mit Monika Lindner eine fähige Persönlichkeit an die ORF-Spitze kam...Sollten allerdings die kolportierten Namen für Lindners Führungsteam - Walter Seledec als Info-Intendant, Gerhard Draxler als Hörfunkchef, stimmen, dann wurde das wichtigste Gut des ORF, seine relative journalistische Seriosität, zum Kilopreis an die FPÖ verkauft."

Kleine Zeitung

Frido Hütter sieht in der "Kleinen Zeitung" die FPÖ als einen Sieger der GD-Wahl: "Die FPÖ im Allgemeinen, weil sie von der neuen Direktorin nichts Arges befürchten muss und weil zudem die bisher kolportierten Subdirektoren allesamt FP-Wünschen entsprechen. Und weil Gerhard Draxlers Avancement nach Wien auch Jörg Haider zufrieden stellt...Verloren hat, wenn man so will, Wolfgang Schüssel. Er hatte von seinem Kandidaten Wolfgang Vyslozil Abschied nehmen müssen. Obwohl dieser durchaus auch eine erste Wahl für den Job gewesen wäre."

Die Presse

In der "Presse" schreibt Andreas Unterberger unter dem Titel "Hoffnung namens Lindner": "Die Hoffnung ist klein, dass der ORF sich dem Zugriff von Betriebsräten, Landeshauptleuten, Medienmoguln und Parteien künftig ganz entziehen kann. Die altneuen Strukturen sind nicht danach. Schafft es Lindner jedoch, dann hat sie auch schon die halbe Markt-Schlacht, also die eigentliche Herausforderung, gewonnen. Dann wäre sie die Großheldin der Nation." Für das Koalitionsklima ortet Unterberger Erfreuliches: "Freuen kann sich jedenfalls die Koalition: Sie hat ein schwieriges Minenfeld durchschritten."

Salzburger Nachrichten

In den "Salzburger Nachrichten" erwartet Andreas Koller schwere Zeiten für die neue ORF-Generaldirektorin Monika Lindner und ihr Team:

"Monika Lindner und ihre Mannschaft werden sich aussuchen können, ob sie wegen zu niedrigen Qualitätsstandards oder lieber wegen zu niedriger Quoten zur Rechenschaft gezogen werden - oder, wahrscheinlichste Variante, wegen beidem". Als größte Herausforderung Lindners erachtet Koller, "sich die Politik, die immer ungenierter ins Rundfunkgeschehen funkt, vom Leibe zu halten. Bisher ist Frau Lindner nicht durch politischen Widerspruchsgeist aufgefallen. Wem es gelingt, gleichermaßen das Vertrauen der Herren Pröll, Schüssel, Haider und Westenthaler zu erringen - und ohne dieses Vertrauen wäre Frau Lindner nicht in ihr Amt gewählt worden - der muss politische Konzessionen machen."

Oberösterreichische Nachrichten

Skepsis auch in den "Oberösterreichischen Nachrichten": Dort meint Lucian Mayringer unter dem Titel "ORF-Basar": "Der gestrige Tag der Entscheidung am Küniglberg war nicht nur für den ORF ein schwarzer. Sondern auch für all jene, die den gebetsmühlenartig vorgetragenen Beteuerungen der Regierungsparteien, die Entpolitisierung des staatlichen Medienriesen umzusetzen, auch nur einen Augenblick Glauben geschenkt haben. Tatsächlich ging es in den 'Freundeskreisen' der Stiftungsräte zu wie auf einem Basar."

WirtschaftsBlatt

Klar Stellung bezieht das "WirtschaftsBlatt". Unter dem Titel "Die ORF-Reform ist gescheitert" meint Engelbert Washietl: "Der Regierung und den Parteien gelang es, ein passables ORF-Gesetz am Freitag innerhalb weniger Stunden zu pervertieren. Kein Aufbruch, keine Entpolitisierung, sondern parteipolitisches Management übelster Art, und somit eine Provokation aller, die gesetzlich festgelegte Rundfunk- und Fernsehgebühren zahlen. Die zwischen ÖVP und FPÖ ausgeschnapste Wahl der niederösterreichischen Landesintendantin Monika Lindner ist logischerweise eine Vorentscheidung über weitere Spitzenposten; denn wenn die ÖVP Lindner durchsetzen konnte, muss die FPÖ mit Posten bedient worden sein, die noch zu verteilen sind." (APA)

Share if you care.