Ein vielseitiger Ermöglicher

21. Dezember 2001, 20:26
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Am 24. Dezember wäre Otto Basil 100 Jahre alt geworden

Eine Würdigung Von Wendelin Schmidt-Dengler

Ohne ihn würde die österreichische Literatur der letzten fünfzig Jahre anders aussehen, in jedem Falle hätte sie kaum das Renommee, mit dem nun sogar der Staat Staat machen zu können meint: Otto Basil aber hielt sich im Hintergrund, ein Regisseur, der selten vor den Vorhang trat, und bei dem doch, zumindest in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, so ziemlich alle Fäden zusammenliefen, aus denen späterhin das sehr strapazierfähige Gewebe der österreichischen Literatur hergestellt wurde.

Die von ihm herausgegebene Zeitschrift Der Plan nimmt in der österreichischen Zeitschriftenlandschaft eine singuläre Stellung ein, zunächst wegen ihrer historischen Position, vor allem aber wegen der Qualität der Beiträge. Schon vor 1938 hatte Basil zwei Nummern dieser Zeitschrift herausgebracht, eine dritte war fertig gestellt, konnte aber infolge der politischen Ereignisse nicht veröffentlicht werden. Entscheidend ist die zweite Folge des Plan, die von Oktober 1945 bis Anfang 1948 - insgesamt sind es 18 Hefte - erschien. Diese rund 1300 Seiten sind nicht nur eine Fundgrube für die Literatur- und Geistesgeschichte der Zweiten Republik, sondern sind als Exempel noch viel mehr, nämlich der Beweis dafür, wie dringend in dieser Notzeit der Bedarf an intellektuellen Debatten war und dass diese auf hohem Niveau geführt werden konnten.

Die Leistung Basils liegt darin, das er durch seine souveräne Sachkenntnis diese Polyphonie überhaupt möglich machte. Jene kamen zu Wort, denen es während der Nazizeit entzogen war: Bertolt Brecht und Franz Kafka, Roger Garaudy und Hermann Broch; Albert Camus und Jean-Paul Sartre, vor allem aber war es der Nachwuchs, dem diese Zeitschrift ein Forum verschafft hatte: Paul Celan, Erich Fried, Milo Dor, Herbert Eisenreich, Friederike Mayröcker, um nur einige zu nennen. Ilse Aichingers kurzer Text "Aufruf zum Mißtrauen" hatte eine Signalwirkung, die die Situation der Nachkriegsliteratur überhaupt zu charakterisieren schien: Aufforderung zum Mißtrauen hieß die Anthologie österreichischer Literatur für die Zeit nach 1945, die 1967 von Gerhard Fritsch und Otto Breicha herausgegeben wurde.

Der Plan machte mit seinem Programm und seinen Beiträgen die deprimierenden Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit vergessen, er öffnete den Blick auf die zeitgenössische Weltliteratur, brachte - damals keineswegs üblich - Texte österreichischer Exildichter. Die Debatte über das Verhalten österreichischer Intellektueller während der Nazizeit - man denke an Nadler und Weinheber - wurde mit einer Deutlichkeit geführt, die - und das ist ein Teil des österreichischen Verhängnisses - zusehends abhanden kam.

Otto Basil nahm eine dezidiert antinationalsozialistische Haltung ein und entlarvte mit sicherem Instinkt völkisches Gehabe, selbst wenn es sich neu eingekleidet hatte. Er ging dem Gespräch mit seinen deklarierten Gegnern auch nicht aus dem Weg, so es Erkenntnisse förderte und ließ so seine Vorstellung von Literatur gleichsam durch mehrere, sich oft im Dissens befindliche Stimmen Textgestalt annehmen. Allein die Leistung Otto Basils darf nicht auf seine Herausgebertätigkeit für den Plan reduziert werden; diese gründete auf den soliden Kenntnissen, die er sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erworben hatte. Wir wissen über seine Anfänge wenig. Zwar werden einige Buchtitel kolportiert, aber erhalten sind nur ein paar literarische-Texte. Die Lyrik verrät den Einfluss Georg Trakls, dem Basil später auch ein ganzes Buch widmete. Ein einschlägiges Studium hatte er nicht absolviert - er brauchte es nicht. Der Autodidakt Basil beschämt die Fachleute: Er verfügte nicht nur über ausgezeichnete Kenntnisse der deutschen Literatur, er erprobte sich auch als Übersetzer französischer Lyrik. Entscheidend war die Faszination durch Karl Kraus. Schon 1924 bekannte er: "Im Zwielicht unserer Tage scheint die Feststellung wertvoll, dass alle wahrhaft Großen dieser Zeit Karl Kraus als das Gewissen dieser Zeit ansprechen und in ihm den größten Satiriker der deutschen Sprache erkennen." Und 1961 bekannte Hugo Huppert zu Basils 60. Geburtstag: "Wir sind Mitschüler im säkularen Sinne. Wir haben dieselbe Schulbank gedrückt in der triftigen Meisterklasse Karl Kraus." Im Geiste von Karl Kraus sollte auch Der Plan konzipiert werden, und manche Glossen verraten, dass er dessen "Meisterklasse" mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert hatte.

Dass Basil einen Brotberuf hatte, ist kaum bekannt: Von 1927 bis 1946 war er bei der Firma Gebrüder Böhler (Stahlindustrie) tätig, und zwar als Fremdsprachenkorrespondent, und ab Juli 1945 war er - unter anderem - auch noch beim Volkstheater Dramaturg und Pressereferent. Schließlich wurde er 1948 Redakteur des Kulturressorts und Feuilletonteils der Tageszeitung Neues Österreich und blieb es bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1966. Eine schwere Erkrankung hinderte Basil an der Arbeit, und mit zunehmenden Jahren wurde seine Beurteilung Österreichs immer kritischer. Ihn beunruhigte die Persistenz dessen, was die Nazizeit gebracht und was er bekämpft hatte. In seinem satirischen Roman Wenn das der Führer wüsste (1966) hat er Österreich den Spiegel vorgehalten. "Ihre Stimme müsste in diesem Land viel häufiger zu vernehmen sein", das schrieb 1964 einer an Otto Basil, dessen Stimme damals auch selten vernommen wurde: Ernst Fischer. Als Basil am 19. 12. 1983 starb, war jene Literatur, die ihm so Wesentliches verdankte, bereits Gegenstand der Forschung geworden, und sein Name wurde mit Respekt genannt, doch das Spezifische seiner Leistung in ihrer Einmaligkeit und Komplexität kaum gewürdigt. Es wäre angemessen, seinen Roman neu herauszubringen und sich des Lyrikers Basil zu erinnern, der auch avantgardistische Experimente riskierte, und seine "Meisterklasse" in der Literatur- und Theaterkritik sollte man auf jeden Fall besuchen. Sein von Phrasen und Emphasen gesäuberter kritischer Patriotismus ist ein brauchbares Ferment jeder Auseinandersetzung mit der Literatur und ihrem politischen Kontext. Basil ist fast genau hundert Jahre nach Johann Nestroy geboren; diesem hat er auch eine schöne Biografie gewidmet, ein Zeichen der Verbundenheit im Sinne einer österreichischen Aufklärung, die es immer noch schwer hat und an die nicht nur zu den entsprechenden Jahrestagen erinnert werden sollte.

(DER STANDARD, Album, Sa./So., 22.12.2001)

Otto Basil, Lob und Tadel. Theaterkritiken 1947-1966. öS 198,-/EURO 14,39/ 380 Seiten. Amalthea, Wien 1981. Otto Basil, Wenn das der Führer wüsste. öS 498,-/EURO 36,19/416 Seiten. Eichbauer Verlag, Wien 1999. Volker Kaukoreit, Wendelin Schmidt-Dengler, Otto Basil und die Literatur nach 1945. öS 146,-/EURO 10,61/143 Seiten. Zsolnay, Wien 1998.(Profile, Band 2)
Bei Rowohlt sind Basils Monographien zu Georg Trakl und Johann Nestroy (ca. öS 100,-) erhältlich.
  • Artikelbild
    derstandard.at
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