Melatonin macht Winterdepression

20. Dezember 2001, 22:51
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Der Trübsinn hat einen biologischen Rhythmus

Bethesda/Wien - Etwa jeder vierte Österreicher leidet an Winterdepressionen. Rechtzeitig zum kürzesten Tag des Jahres haben nun amerikanische Wissenschafter einen Zusammenhang zwischen diesem Trübsinn und natürlichen biologischen Rhythmen festgestellt. Die saisonabhängige Depression (seasonal affective disorder, SAD) unterliegt demnach ähnlichen Mechanismen wie das Verhalten mancher Säuger beim Wechsel der Jahreszeit.

Die typischen Symptome der Winterdepression sind Gewichtszunahme und gesteigertes Schlafbedürfnis sowie verringerte körperliche und sexuelle Aktivität. Vergleichbare Reaktionen zeigen Säugetiere, wenn im Winter die Tage kürzer und das Sonnenlicht spärlicher wird. Der Grund: Die nächtliche Produktion des Hormons Melatonin, das den Schlaf reguliert, verlängert sich. Die Forscher vom National Institute of Mental Health (NIMH) in Bethesda untersuchten nun, ob bei SAD-Patienten ähnliche Veränderungen in der Melatoninausschüttung vorliegen. Das Ergebnis: Bei SAD-Betroffenen dauert die Melatoninproduktion im Winter durchschnittlich um 38 Minuten länger als im Sommer. Vor allem in den frühen Morgenstunden ist eine signifikant höhere Hormonaktivität messbar. "Das könnte erklären, warum es SAD-Patienten so schwer fällt, in der Früh aufzustehen", erläutert Siegfried Kasper, Leiter der klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie und der Ambulanz für Herbst- und Winterdepression am AKH Wien.

Die neuen Ergebnisse des NIMH, an dem Kasper selbst bereits vor einigen Jahren geforscht hat, fügen sich gut mit jenen aus Wien zusammen. Hier haben die Wissenschafter bei SAD-Patienten eine Balancestörung des Seratoninspiegels im Gehirn festgestellt - und Melatonin wird aus Seratonin gebildet.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden bereits in Therapieansätze umgemünzt: Am AKH wird ein Melatoninblocker entwickelt, der bei Winterdepression helfen soll. Bereits seit längerem im Einsatz ist ein "Lichtwecker", der jeden Morgen den Raum allmählich erhellt, sozusagen die Dämmerung simuliert. Aber auch die "herkömmliche" Lichttherapie, bei der die Patienten täglich mindestens 30 Minuten vor der 10.000-Lux-Lampe sitzen sollten, kann Winterdepressionen entscheidend verbessern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 12. 2001)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Kirsten Commenda

Vgl. Archives of General Psychiatry Nr. 58, S. 1108
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