Der Herr der Ringe - Die Gefährten

Die Schauwerte der Wiedererkennbarkeit. Peter Jacksons Kinoepos vertraut auf technisch avancierte Adaption bekannter Tolkien-Illustrationen

Eine fantastische Welt zu kreieren heißt noch lange nicht, sie neu zu denken: "Die Gefährten", der erste Teil von Peter Jacksons Kinoepos "Der Herr der Ringe", vertraut auf technisch avancierte Adaption bekannter Tolkien-Illustrationen: ein sympathisches Spektakel.


Wien - Wenn dieser Tage wieder einmal die recht fruchtlose Diskussion geführt wird, ob Jesus tatsächlich Mittelscheitel und Vollbart trug oder ob er nicht doch wie ein Waldschrat aussah, dann kann man von diesem vorweihnachtlichen Disput getrost überleiten zum Herrn der Ringe:

Rund um J. R. R. Tolkiens fantastisches Romanepos hat sich nämlich eine ähnlich starre, von den Fans beharrlich verteidigte Ikonographie ausgeprägt, um die scheinbar keine Lesart des Buches herumkommt. Erst recht nicht, wenn sie Hunderte Millionen Dollar verschlingt, also ein beträchtliches finanzielles Risiko eingeht: So wie jetzt eben Peter Jacksons Kinodreiteiler, dessen Auftakt Die Gefährten eine durchaus respektable Einstimmung zu dem liefert, was das werte Millionenpublikum bis Weihnachten 2003 und dem Ring-Finale Die Rückkehr des Königs erwartet.

Als da wären: Mächtige, computeranimierte Schlach-tentableaus, die sich ein wenig am Auftakt von Francis Ford Coppolas Dracula und dem dort zitierten Sergej Eisenstein orientieren. Weiters: brachiale Kampfszenen zwischen Excalibur und The Matrix. Und: Ein durchwegs exzellentes Darstellerensemble, das mit sichtbarer Freude Märchenfiguren zum Leben erweckt. Viggo Mortensen hat als mysteriöser, zu Höherem berufener Waldläufer Aragorn gute Chancen - ähnlich wie einst Harrison Ford in Star Wars - auf eine Karriere als Superstar. Ian McKellen wiederum lässt als exzentrischer, energischer, vagabundierender Magier Gandalf jeden langbärtigen Zauberer - von Merlin bis Albus Dumbledore - alt aussehen.

Aber: Der Bart muss dranbleiben. Hobbits wie der von Gandalf in Schutz genommene Ringträger Frodo (Elijah Wood) müssen in all ihrer Zwergenhaftigkeit große, behaarte Füße haben. Die Höhlen, in denen sie hausen, müssen unter sattem Grasgrün runde Türchen haben. So wurden sie nämlich seit jeher bebildert. Und damit auch ja nichts schief geht und damit kein Zuseher in seinen hoch gesteckten Erwartungen enttäuscht wird, wurde für das Filmdesign der Konzeptkünstler John Howe verpflichtet: Er gestaltet seit Jahrzehnten Tolkien-Bucheinbände, -Kalender und -Poster.

Nur nichts ändern!

Willkommen also auf einem relativ prekären Terrain, vergleichbar dem undankbaren, aber höchst beliebten Genre der Bibelverfilmungen und Passionsspiele. Karl-May-Festivals haben übrigens ein ähnliches "Problem" mit unabänderlichen Unverwechselbarkeiten (Winnetou ist Winnetou ist Winnetou), wovon heuer übrigens in parodistischer Form Der Schuh des Manitu profitierte.

Und eben dies sowie der Erfolg von Harry Potter (oberstes Gebot: runde Nickelbrille!) führt uns zur Frage: Wo liegt der Reiz jener Erzählungen, bei denen eigentlich jeder schon wissen kann und darf und soll, was ihn erwartet? Wie kommt es, dass sie derzeit wieder dermaßen massiv auftreten? Man könnte jetzt auch Titanic herbeizitieren: Jeder wusste, wie das Schiff und wie der Untergang aussehen sollte, aber . . . Es will scheinen, als ob sich selbst das versierte Erfolgskino dieser Tage meilenweit vom Anspruch entfernt hat, Dinge zu zeigen, die vorher keiner sah - auch mit dem geistigen Auge nicht.

Viel eher gilt es jetzt, bekannte Dinge so zu zeigen, wie man sie bisher nicht zeigen konnte. Und diese in der Filmgeschichte periodisch auftauchende Konstante führt uns tatsächlich bis zu den frühesten Bibeladaptionen der Stummfilmzeit zurück. Jedesmal, wenn das Kino seine Technologien aufrüstet, geht es daran, die neuen Errungenschaften auszustellen. Tonfilm, Farbfilm, Cinemascope und jetzt digitale Szenarien und Kreaturen: Man wusste und weiß diese Innovationen vor allem zu schätzen, wenn man sie im Bekannten einschätzen kann.

Dieser Logik folgt denn auch Peter Jackson, wenn er seit Jahren betont: Erst jetzt sei die Technik den Bildwelten Tolkiens gewachsen. Erst jetzt könne das Kino jede der magischen Einzigartigkeiten im Sinne des Erfinders oder zumindest der traditionellen Illustratoren wiedergeben. Und das auch in der gebotenen Ökonomie. Noch vor wenigen Jahren wäre das Unterfangen, alle drei Bände des Herrn der Ringe binnen 300 Tagen abzudrehen, undenkbar gewesen: Jackson konnte, per Satellit verlinkt mit mehreren Kamerateams, Zeit und Geld sparen. Die Arbeit der einstigen Statistenheere besorgte der Computer. Riesen und Zwerge konnten gleichermaßen von Menschen dargestellt werden: Jedes Bild, jede Darstellergröße, jede Maskerade ist heute im Nachhinein manipulierbar.

Magisches Fotoalbum

Derartige Errungenschaften wollen ausgiebig betrachtet werden. Dementsprechend gestalten sich die drei Stunden von Der Herr der Ringe - Die Gefährten über weite Strecken wie ein opulentes Fotoalbum. Jede Location, jeder Palast, jedes Landschaftspanorama wird zuerst breit zelebriert, erst dann kommt die jeweilige Episode rund um die insgesamt neun Helden aus Mittelerde, die den gefährlichen, süchtig machenden Ring einer bösen Macht zerstören sollen, in Gang.

Auch diesen gravitätischen Erzählduktus teilt der Film mit vergleichbaren "biblischen" Vorbildern. Es spricht aber für Peter Jacksons Sensibilität, dass er, ähnlich wie James Cameron in Titanic, die vermeintliche Schwäche als inszenatorische Chance nutzt: Selten sah man in den letzten Jahren Actionkino, das so sehr auf Darsteller baute, die aus den Schablonen von Genrefiguren Charaktere entstehen lassen. Dies kommt auch der Exposition entgegen, die der erste Teil nun als Ouvertüre und erster Akt leisten muss, bevor seine beiden Nachfolger bestehen können, in denen sich die Handlung komplexer verschachteln wird.

Gleichzeitig bewahrt sich Jackson, der einst mit Werken wie Meet the Feebles oder Braindead als intelligenter Trashfilmer reüssierte, selbst mit teuerstem Equipment eine liebenswürdige Bodenständigkeit. Viele der Kreaturen, die er da auferstehen lässt, erinnern an die Stop-Motion-Tricks eines Ray Harryhausen. Und wenn etwa Christopher Lee als Gandalfs Gegenspieler Saruman glänzt, knüpft Der Herr der Ringe ebenfalls an herrlichste B-Picture-Traditionen (Hammer-Horror!) an.

Eines kann man jedenfalls schon vorhersagen: Wer jetzt auch nur irgendwie von Die Gefährten angetan ist (beim elbenhaften Singsang von Popstar Enya im Nachspann: einfach weghören!), dürfte nächstes Jahr bei Die zwei Türme und 2003 bei Die Rückkehr des Königs endgültig dem Serienfieber erliegen. Nicht wenige werden Tolkiens Roman aus purer Neugier schon vorher fertig lesen und nachher auf der Leinwand wieder die Bestätigung für ihre Tagträume suchen: Denn dies ist wunderbares, liebevoll gemachtes Kino zum Wiedersehen. Immer wieder.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 12. 2001)

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