Andere Wurzeln der Moderne

17. Dezember 2001, 20:54
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Späte Würdigung des Geschichtstheoretikers Jan Patocka

Wien/Prag -Eines der zentralen Anliegen des Wiener Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) ist die Aufarbeitung des Werkes von Jan Patocka (1907-1977). Der tschechische Phänomenologe sowie Geschichts- und Ästhetiktheoretiker hat in zahlreichen Schriften die europäische Geistesgeschichte zu ihren Wurzeln zurückverfolgt und alternative Deutungen insbesondere des mitteleuropäischen Denkens vorgeschlagen.

Eine Projektgruppe am IWM arbeitet nun in Kooperation mit dem Prager Zentrum für phänomenologische Forschung einen zentralen Strang in Patockas Denken auf: seinen Vergleich zweier Protagonisten der frühen Moderne, Descartes und Comenius, in Hinblick auf ihre Relevanz für die nachfolgenden gesellschaftlichen Formationen. Zu diesem Zweck werden die Schriften Patockas in einem vom Wissenschaftsfonds geförderten, auf drei Jahre anberaumten Projekt erfasst, übersetzt und nach Themen gesichtet.

Frankreich-Vergleich

"Descartes und Comenius", sagt der Slawist und Philosoph Ludger Hagedorn, "unterscheiden sich durch ihre Ansätze - der erstere mathematisch orientiert, Comenius eher universalistisch. Ein Vergleich der Entwicklungen in Frankreich und in Mitteleuropa zeigt, wie relevant dieser Unterschied geblieben ist; siehe etwa den deutschen Idealismus, Schelling, Herder, Hegel - dieser Geist blieb in Mitteleuropa lebendig, ganz anders als in Frankreich."

Man kenne den Mähren Comenius/Komenský bei uns hauptsächlich als den "Vater der Pädagogik", sagt der Phänomenologe und Verantwortliche des IWM-Patocka-Archivs, Klaus Nellen, und dieses Bild soll durch die Brille Patockas korrigiert werden - wie im Übrigen auch die Definition "Philosoph" Jan Patocka nur zum Teil gerecht werde. Er war darüber hinaus ein engagierter Intellektueller, der ab 1950 in der CSSR nicht mehr universitär arbeiten durfte (später aber immerhin zur Mitarbeit an der tschechischen Comenius-Ausgabe zugelassen wurde) und der in seinem letzten Lebensjahr noch die berühmte Charta 77 mitunterzeichnete.

Viele seiner Manuskripte, auch zum Thema Comenius, hatte Patocka in der Staatsbibliothek versteckt, sie wurden viel später entdeckt, sodass die Sichtung erst vor kurzem beginnen konnte.

Geschichte nicht linear

Für Ergebnisse ist es noch zu früh, aber, so Hagedorn, zunächst ist man sich in der Projektgruppe einig, dass sich der Blick auf die geistigen Traditionen Mitteleuropas lohnt. "Wir vergewissern uns hier einer gemeinsamen Identität und entfernen uns von einem linearen Geschichtsmodell. Es geht darum, miteinander auszukommen, ohne eine Tradition über die andere zu stülpen."

Eine Konferenz zum Thema Patocka gab es bereits im Frühjahr, weitere werden folgen. Und seit vielen Jahren zeigt das IWM seine Verbundenheit mit dem tschechischen Philosophen und Husserl- und Heidegger-Schüler: in Form der jährlichen Patocka-Gedächtnisvorlesungen und der gleichnamigen Junior Visiting Fellowships für junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 12. 2001)

Von Michael Freund
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