Völlerei ohne Reue?

17. Dezember 2001, 12:52
posten

Wie man die kulinarischen Höhenflüge zu Weihnachten genießen kann, ohne einen Kalorien-Overkill zu erleiden, verrät Ernährungsexpertin Doz. Ingrid Kiefer vom Wiener Institut für Sozialmedizin im Interview mit mymed.cc.

Das Interview führte Doris Simhofer

Mymed: Ist es sinnvoll, sich auf die kalorienreiche Weihnachtszeit zum Beispiel durch eine Fastenwoche vorzubereiten?

Kiefer: Das fällt sicher nicht leicht, denn bereits der Advent animiert zu vermehrter Energieaufnahme, wenn wir an Kekse oder Punsch denken. Es wäre aber sicher sinnvoll, sich dabei ein bisschen einzubremsen und statt Keksen verstärkt Obst und Gemüse zu essen.

Mymed: Kann ein allzu üppiger Festtagsschmaus eine Gefahr für den Körper darstellen?

Kiefer: Die größte Gefahr ist sicher der Fettgehalt der traditionellen Festmenüs. Man kann dem entgegen wirken, indem man nicht noch zusätzlich Fett, wie etwa durch Mayonnaise, fette Beilagen oder eine Panier dazugibt. Eine Möglichkeit wäre es, bei der traditionellen Weihnachtsgans die Haut zu entfernen, dadurch spart man auch Fett. Menschen mit einem erhöhten Harnsäurespiegel gehen außerdem das Risiko ein, dass die Kombination eines fleischreichen Menüs und Alkohol bei ihnen einen Gichtanfall auslösen kann.

Mymed: Welches der traditionellen Gerichte ist am "gesündesten"?

Kiefer: Fisch natur ist am gesündesten. Ein magerer Kabeljau statt fettem Karpfen, Pute oder Hühnerfilets statt Gänsebraten wären Alternativen. Meist findet solch eine festlichen "Light-Variante" jedoch keinen großen Anklang. Mein Tipp daher: die Kalorien des üppigen Festmahls durch mehr Bewegung kompensieren.

Mymed: Was bewirkt Alkohol als Getränk zum reichhaltigen Essen?

Kiefer: Mit zusätzlichem Alkoholkonsum führt man noch mehr Energie zu. Gegen ein Glas Wein zum Essen ist grundsätzlich nichts zu sagen, doch sollte es wirklich bei einem Glas bleiben. Alkohol wirkt ja auch appetitanregend und wird schnell vom Körper verwertet. Die Energie, die durch das Essen aufgenommen wird, wird durch Alkohol begünstigt rasch in den Depots gespeichert.

Mymed: Hilft ein Digestif tatsächlich beim Verdauen?

Kiefer: Wenn man das Gefühl hat, einen Digestif zu brauchen, ist es schon zu spät, dann hat man schon zu viel gegessen. Schnaps ist in diesem Fall keine sinnvolle Schadensbegrenzung. Leider hilft da nur vorbeugen, also rechtzeitig beim Essen zu bremsen, um kein Völlegefühl entstehen zu lassen.

Mymed: Bei welchen kulinarischen Schmankerln lassen sich Kalorien einsparen?

Kiefer: Am leichtesten wohl bei den süßen Nachspeisen. Auf die lässt sich nach einem üppigen Hauptgang leicht verzichten. Bei der Weihnachtsbäckerei kann man auswählen. Statt zu einem gehaltvollen Schoko-Nuss-Keks sollte man beispielsweise eher zu Lebkuchen greifen.

Mymed: Verbraucht der Körper bei klirrender Kälte mehr Energie?

Kiefer: Da der Körper seine Temperatur konstant aufrecht erhalten muss, haben wir das Gefühl, dass uns bei Kälte deftigere Speisen besser bekommen als zum Beispiel ein Salat. Das hat mit der speziell dynamischen Wirkung der Nahrung zu tun. Wird viel Fleisch oder Wurst gegessen, wird bei der Eiweiß-Verwertung mehr Wärme produziert. Das hat aber auf die Energiebilanz kaum Einfluss.

Mymed: Gibt es tatsächlich Menschen, die nur "vom Hinsehen" zunehmen?

Kiefer: Es gibt Menschen, die diesbezüglich benachteiligt sind. Die oft zitierten "guten Futterverwerter" können - im Vergleich zu anderen Menschen - bis zu 400 Kcal mehr aus der Nahrung aufnehmen. Menschen, die Diäten hinter sich haben und Ältere nehmen leichter zu. Es gibt nur wenige Menschen, die essen können, soviel sie wollen. Schlanke essen meist wie Kinder: einen Tag mehr, einen Tag weniger. Genauso, wie es der Körper verlangt.

Mymed: Gibt es eine Grundregel, wie man gesund über die kalorienreichen Feiertage kommt?

Kiefer: Das Ernährungs-Problem liegt nicht in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern in den Tagen zwischen Neujahr und Weihnachten. In dieser Zeit müsste man sich für eine bewusstere Ernährung entscheiden, um ein einmaliges üppiges Weihnachts- und Silvesteressen ohne Reue genießen zu können.

Mymed: Frau Doktor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed
Share if you care.