Der Untergang ist abgesagt

14. Dezember 2001, 20:04
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Amin Maaloufs Irrfahrt durchs Morgen- und Abendland

Das "Jahr des Tieres" steht bevor. In der Offenbarung des Johannes meinen viele herauszulesen, dass 1666 die Welt untergehen wird. Selbsternannte Propheten der Apokalypse treiben ihr Unwesen. Alles wird zum unheilsschwangeren Vorzeichen umgedeutet. Einer, der sich der allgemeinen Hysterie nicht anschließen mag ist der Antiquitätenhändler Baldassare. Seine Vorfahren stammen aus Genua, die Familie hat es nach dem Libanon verschlagen, wo der junge Baldassare die Geschäfte des Vaters weiterführt. Von Natur und Erziehung ein Skeptiker, bleibt Baldassare zwar nicht unbeeindruckt von der allgemeinen Stimmung, aber als nüchterner Kaufmann findet er immer wieder auf den Weg der Vernunft zurück. Das fällt allerdings schwer, als er durch einen unwahrscheinlichen Zufall in Besitz eines wundersamen Buches gerät. "Der Hundertste Name" des Abu-Maher-al-Mazandarani soll die geheimste Bezeichnung des höchsten Namens Gottes enthalten und so den Wissenden vor dem Untergang erretten können. Kaum hat er es besessen, verliert Baldassare dieses Buch auch schon wieder. Der französische Gesandte kauft dem Überrumpelten das Buch ab, ohne dass Baldassare sich für den hochrangigen Kunden in der Eile eine Ausrede ausdenken kann. Also entschließt sich Baldassare, dem Buch und seinem Käufer hinterherzureisen.

Dies gibt nun dem Autor Anlass, seine Figur auf eine lange Abenteuerfahrt durch das Morgen- und das Abendland zu schicken. Baldassare reist nach Tripolis, Smyrna, Konstantinopel, Lissabon und London und landet schließlich wieder in der Stadt seiner Ahnen, Genua. Maalouf beschwört in seiner farbenprächtigen Erzählung eine kosmopolitsche Welt, in der sich die Gelehrten - und auch die Händler - gleich welcher Religion über alle Ideologieschranken hinweg verständigen können. Und wenn man nicht gerade die Sprache des anderen spricht, gibt es immer noch das Universalidiom Latein. Toleranz und Eiferertum, Heimat und Unbehaustheit in einer instabil werdenden Welt: die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich. Maalouf lässt auch keine Gelegenheit aus, das zu betonen. Der weitgereiste Händler wird das schauerliche Jahr 1666 überleben, auch wenn er in London in den verheerenden Großbrand hineingerät, seine Aufzeichnungen verliert, aber das Buch findet.

Was steht nun in dem Buch? Dem entzieht sich Maalouf mit einer eleganten Finte. Es ist ja auch nicht mehr wichtig, weil der angekündigte Untergang nicht stattgefunden hat. Baldassare hingegen hat über Umwege so etwas wie ein Zuhause gefunden und das ist im Wirrwarr der Kriege und der Ideologien beinahe ein Mirakel.

(Von Ingeborg Sperl - DER STANDARD, Album, Sa./So., 15.12.2001)

Amin Maalouf, Die Reisen des Herrn Baldassare. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. öS 364,-/ EURO 26,45/483 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2001.
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