"Sicherheitstechnik ist Frage der Akzeptanz"

14. Dezember 2001, 18:14
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Innenminister Ernst Strasser im STANDARD-Interview

Wien - Ernst Strasser ist ein vorbildlicher PC- Benutzer. Das wäre für einen Mann in seinem Alter (45) nicht so ungewöhnlich, bei Menschen in hohen Ämtern ist es eine Rarität. Der virtuelle Schreibtisch am Schirm seines zierlichen Toshiba-Notebooks auf einem gläsernen Beistelltischerl hat den wuchtigen, aktenbeladenen Schreibtisch im Innenministerium ersetzt. Das Notebook mit Notizen, Terminen und E-Mail ist immer mit dabei, wenn Strasser unterwegs ist, selbst bei den wöchentlichen Ministerratssitzungen, wo ihn wahrscheinlich manche Kollegen ein bisschen für einen Freak halten.

Der Innenminister ist auch ein vorbildlicher PC-Benutzer in puncto Sicherheit. Sein PC ist passwortgeschützt, sagt Strasser, und er wechselt das Passwort in regelmäßigen Abständen. Weitere Kennungen schützen einzelne Programme und den Zugang zum internen Netz, ein Virusprogramm schützt vor Attacken, ein anderes prüft, ob Eindringlinge heimlich Mail abzusaugen versuchen. Interne Unterlagen sind auf dem PC aus Sicherheitsgründen nicht gelagert. Pannen, wie sie FBI und diversen Geheimdiensten mit vergessenen Computern wiederholt passierten, sind damit ausgeschlossen.

Passwort statt Fingerabdruckleser

Einen Fingerabdruckleser, wie er bereits als Ausweis für Notebooks angeboten wird, würde er jedoch nicht verwenden, sagt Strasser, "das mit den Passwörtern funktioniert ganz gut". Wie er auch nichts von den seit dem 11. September aufgetauchten Forderungen nach Fingerprints auf Personaldokumenten hält. "Das ist eine Methode aus dem vorigen Jahrhundert, die nicht besonders intelligent, aufwendig und nicht zukunftsorientiert ist", begründet er seine Absage an diese Technologie. Allerdings könnten Fingerabdrücke als "Schlüssel" zu Türen, Kassen oder Computer durchaus sinnvoll sein, räumt er ein. "Da entscheidet der Bürger selbst, das ist ein großer Unterschied zur Ausübung hoheitlicher Machtbefugnisse."

Aber "grundsätzlich bin ich für jede Technologie, die Sicherheit unterstützt", bekennt sich Strasser auch als Politiker zur Nutzung neuer technischer Möglichkeiten. Nur eine Bedingung knüpfe er an den Einsatz: "Sie müssen so beschaffen sein, dass sie unbescholtene Bürger nicht tangieren, dafür aber kriminelle Personen identifizieren können."

"Interessantere" Technologien als elektronische Fingerprintkontrollen seien darum "Gesichtsfeldentdeckung und Stimmidentifizierung. Die schränken den Bürger nicht ein, wenn sie ordentlich entwickelt sind". Gesichtserkennung wird derzeit von einigen britischen Polizeibehörden und Flughäfen (Reykjavik, Boston) versuchsweise eingesetzt: Bei Check-in-Stellen erfasst eine Kamera das Gesicht, ein Computer errechnet daraus spezifische Merkmale und vergleicht sie mit einer Datenbank. Zur "Erkennung" braucht es aber, bei dieser wie jeder anderen Technologie, "einen Stock an Kriminellen und Tatverdächtigen, der erst aufgebaut werden muss".

Eindeutig spricht sich der Innenminister dagegen aus, "diese Daten von Anfang an systematisch von allen Bürger aufzubauen", was bei der Ausstellung von Dokumenten geschehen könnte, oder bei den genetischen "Fingerprints" DNA - "geradezu eine Revolution bei der Aufklärung von Straftaten" - bereits bei Kleinkinduntersuchungen möglich wäre.

Jede neue Technologie "muss mit der gesellschaftlichen Akzeptanz zusammenpassen", versucht Strasser Befürchtungen vor einem Überwachungsstaat zu dämpfen. "Nach dem 11. September ist geradezu hysterisch reagiert worden, da müssen wir einen kühlen Kopf bewahren." Aber andererseits gehe das Pendel wieder zurück, "die Bilder sind nicht mehr in Erinnerung und die Gefahr besteht, dass wohl überlegte Konzepte wieder in die Rundablage gesteckt werden".

Entschieden sei die Diskussion um Lauschangriff und Rasterfahndung, "das ist als polizeiliches Mittel der Aufklärung so wichtig wie die Spurensicherung". Dabei soll der Zugriff auf alle Arten von Daten möglich sein, nicht nur auf staatliche Daten; also auch Bewegungsprofile aus der Handynutzung oder elektronischer Maut oder kommerzielle Informationen wie etwa von Energieversorgern oder Kreditkartenunternehmen. Die richterliche Kontrolle, nicht die Untersagung einer bestimmten Technologie, würde Missbrauch verhindern. Bisher gab es in Österreich noch keine einzige Rasterfahndung.

Auf pragmatische Weise will Strasser Bürgern die Sorge nehmen, dass der Staat immer und überall mithöre und mitlese, wie dies angeblich FBI und US-Geheimdienste zur Verbrechensverhütung tun: "Wir sind dazu weder technisch noch organisatorisch in der Lage. Wir können das nur tun, um einen konkreten Tatverdacht zu erhärten oder zu falsifizieren, und dann müssen wir zum Richter um Einverständnis gehen."
(DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2001)

Fingerprints seien "eine Methode des vorigen Jahrhunderts", aber sonst ist Innenminister Ernst Strasser jede Technik recht, die mehr Sicherheit bringt und "den Bürger nicht einschränkt".

von Helmut Spudich
  • Der Kaminsims in Minister Ernst Strassers Büro
    foto: standard/cremer

    Der Kaminsims in Minister Ernst Strassers Büro

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