Orientalische Parodien

24. Mai 2005, 15:28
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Der Souk, die Bilder des Königs, der Platz Djemaa el Fna und die Filmstudios: In Marrakesch spielt sich das echte Leben in Kulissen ab. Ernst Strouhal war im Publikum

Vom Dach des Café Argana am Djemaa el Fna in Marrakesch kann man bei klarem Wetter die Nordhänge des Hohen Atlas erkennen. Nach Oukaimeden sind es mit dem Taxi etwa drei Stunden. Eine Serpentinenstraße führt durch das dichtbewaldete Ourikatal entlang von kaskadenartigen Wasserfällen hinauf in das Toubkal-Massiv. Auf fast 2500 Metern Höhe, weit oberhalb der Baumgrenze erreicht man ein Hochplateau mit einem kleinen Stausee. Es ist ungewohnt kalt und nebelig.

Dann ein fast surreales Déjà Vu unweit der Sahara: Am Hang neben der Straße ragt eine Reihe von Stahlträgern aus dem Boden, Piloten einer Skiliftanlage, die bis zum Gipfel des Djebel Oukaimeden führt. Den Rand der Piste säumen einige verfallene Berberhütten, daneben eine Winde mit einem alten Stahlseil und eine Handvoll aussortierter Doppelsitze der Seilbahn. Die Skisaison hat noch nicht begonnen, kein Mensch ist zu sehen, noch liegt kein Schnee. Der Ort Oukaimeden ist ein Straßendorf, dessen Bild von einem pyramidenförmigen Appartementhaus geprägt ist. Hier kann man, verkündet ein handgemaltes Schild, Ausrüstungen leihen und Liftkarten kaufen. Es hat zwar nicht den Anschein, als ob der nächste Weltmeister aus dem Süden Marokkos kommen wird, aber an Wochenenden zeichnet hier die erlebnishungrige Jeunesse dorée aus Guéliz, der Neustadt von Marrakesch, ihre Schwünge in den Schnee.

Marrakesch, die alte Stadt der Händler und der Könige, hat sich verändert. Nach wie vor gehören die Paläste und die Gärten der Stadt zu den prachtvollsten der Welt. Den eleganten Zaubergeometrien im Palais de la Bahia, dem Spiel von Farbe und Licht im Jardin Majorelle kann sich selbst derjenige, der hier lebt oder der regelmäßig die Stadt besucht, nur schwer entziehen. Aber immer deutlicher werden dort, wo man glatte Oberflächen vermutet hätte, Falten und Unebenheiten sichtbar. Kleine Risse, Widersprüche und Bruchlinien der Tradition gehen durch das Koordinatensystem der Stadt, quer durch die Familien und quer durch einzelne Menschen hindurch. Was aus der Ferne ein kulturell einheitliches Bild zu repräsentieren scheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Mosaik aus sehr verschiedenen Teilen.

Mulay, den ich im Café Argana treffe, lädt mich in den Laden seines Vaters ein. Mulay ist jung, er hat vor zwei Monaten geheiratet. Das Geschäft ist kaum zehn Minuten entfernt, nördlich vom Djemaa el Fna. Mulay verkauft Keramik und Hausrat, den er von Verwandten aus Berberdörfern im Draâtal organisiert haben will. "Antique, très authentique", sagt er, und zwar so ernsthaft, dass man meint, er glaube zumindest in diesem Moment tatsächlich daran. Der einst so bewunderte, unerbittliche Charme der Händler am Markt von Marrakesch ist allerdings einer Art Parodie des Handelns gewichen. Wer am Souk preisgünstig kaufen will, ist schlecht beraten, aber das Einkaufen macht den Besuchern solchen Spaß, dass sie bereit sind, mehr für die Ware zu zahlen als sogar in den Souvenirshops am Flughafen. Die Konkurrenz unter den Händlern ist erdrückend.

Verschmitzt zeigt Mulay seine Geheimwaffe im Kampf um die Aufmerksamkeit der Kunden: ein Chamäleon in einem Holzkäfig. Er schleudert das Tier, das sich mit seinen Saugnäpfen an die Vorbeigehenden klammert, von seinem Laden aus auf die Touristen. Bei der Abnahme des kleinen Drachens und dem obligaten Foto kommt man rasch ins Gespräch. Kaum einer, dem das Tier wirklich unangenehm wäre, und nicht alle verlassen am Ende das Geschäft, ohne eine Kleinigkeit gekauft zu haben. Mulay will jedoch fort von hier. Ein Shop in Guéliz mit fixen Preisen und ohne Chamäleon wäre sein Traum, sagt er. Sein größter Wunsch aber ist es, versichert er, und ich glaube ihm, auf einer Pilgerfahrt in der Nähe des Grabes des Propheten in Mekka zu sterben. Dann überreicht er seine Visitkarte mit Handynummer und E-Mail-Adresse.

Nach Einbruch der Dunkelheit versammeln sich am Djemaa el Fna Tänzer, Artisten, Wunderheiler und Garküchen-Betreiber. Der Platz ist berühmt, er ist der größte und lebendigste des Maghreb. Seit der Club Med vor einigen Jahren direkt dahinter einen Standort eröffnet hat, funktioniert die mittelalterliche Welt der Gaukler nicht mehr so wie früher. Der Platz hat an Glanz verloren, gerade indem er von Jahr zu Jahr weniger schäbig geworden ist, sagen die einheimischen Besucher des Argana, die der alten Zeit im Café Matich nachtrauern und die auf verblüffende Weise dem grantigen Kaffeehaus-Publikum in Wien ähneln. Jahrzehntelang hätte der Platz die täglichen Busladungen der Touristen zu absorbieren vermocht und sogar den halb bewusstlos herumhängenden Kiffern widerstehen können. Dies gelänge nun nicht mehr.

Die Stimmen von Marrakesch sind freilich trotz aller Unkenrufe nicht verstummt. Im Gegenteil, sie sind deutlicher zu hören denn je. Der einzige Unterschied liegt darin, dass die exotische Kulisse, die Marrakesch immer für die Europäer war, nun als Kulisse sichtbar und erlebbar ist. Ob die Karawanen dabei aus Tanger oder Timbuktu kommen oder wie heute aus Paris oder Stockholm, ist in Wahrheit egal.

Die nächste Generation der Wasserverkäufer, die ihrer pittoresken Kostüme wegen für ein paar Dirham fotografiert werden, wird sich nicht mehr die Mühe machen, in den Schläuchen auch tatsächlich Wasser mit sich herumzutragen. Wozu auch? Die Wasserversorgung von Marrakesch ist, nicht zuletzt dank der Gelder aus dem Fremdenverkehr, verglichen mit anderen afrikanischen Städten tadellos. Und mit der Konsequenz der Aufseher von Disneyland wachen Polizisten über die Sicherheit der Fremden. Am Djemaa el Fna ist nichts zu befürchten, sagt Mulay, wer sich nach echten Abenteuern sehnt, solle nach Lagos fahren.

Mulay ist stolz auf das neue Marokko, auch wenn sich sein Vertrauen in die Ankündigungen des jungen Königs, Mohammed VI., Drogen, Korruption und Analphabetismus im Land zu beseitigen, in Grenzen hält. Mehr als drei Millionen Marokkaner leben vom Drogengeschäft, mehr als die Hälfte der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben. Im Übrigen: Seit einigen Tagen säumen hunderte rotgrüne Fahnen und Bilder des Königs die Boulevards, der Monarch hält sich in der Stadt auf. Wo immer er ist, werden kurz vorher die dreckigen Straßen geputzt und rasch Fahnen und Bilder montiert. Der König weiß natürlich, dass es sich dabei um Potemkinsche Dörfer handelt, in Momenten des Zweifels jedoch, die sich in jedem Monarchenleben früher oder später einstellen, kann er sich so an den Gedanken klammern, dass man ihn tatsächlich liebt. Aber vielleicht werden ja aus Sparsamkeit die Fahnen und Bilder jeweils der Route des Königs entsprechend rasch von Fés nach Casablanca, von Marrakesch nach Agadir gebracht, sodass der junge König von seinem Wagen aus immer nur dieselben wenigen Fahnen und Bilder sieht.

Beim Abschied, meint Mulay, dass man, bevor man Marokko verlasse, unbedingt die Atlas-Filmstudios besichtigt haben müsse. Die Studios liegen vor der Ortseinfahrt von Ouarzazate im Draâtal südlich von Marrakesch. Unter anderem wurden hier "Die Jagd nach dem grünen Diamanten", "Kleopatra" und einige Szenen von "Gladiator" gedreht, erzählt der Mitarbeiter, der durch die Studios führt. Er erzählt auch, dass er seit zwei Monaten keinen Lohn mehr erhalten hat, dass das Studio derzeit mit Führungen durch die alten Kulissen mehr Geld verdiene als mit neuen Filmen. Die Perfektion der Täuschung, welche die Szenaristen im Studio mit ihren Styropor-Gebäuden erzeugen, verändert ein paar Stunden lang den eigenen Blick: Plötzlich erscheinen auch die Kasbah am anderen Ende von Ouarzazate und sogar die alte geheimnisvolle Bibliothek von Tamegroute nur als Kulissen - und in gewissem Sinn sind sie es ja auch.

Der Busfahrer, der am Abend nach Marrakesch zurückfährt, ist jedenfalls real wie der Hunger der verwilderten Hunde oben am Pass des Atlas-Gebirges. Zwei Dutzend Hunde warten bereits in höchster Ungeduld, als der Fahrer auf halber Strecke nach Marrakesch anhält und mitten in der tennisplatzroten Marslandschaft eine Ladung mit alten Brotresten aus dem Fenster wirft. Die Hunde kämpfen wie wild um die Brotstücke. Der Fahrer beobachtet sie eine ganze Weile, bevor er die Bremsen löst und weiterfährt.

Der Standard/rondo/14/12/2001

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