Gesundheit als Gutschein für Lebensfreude

14. März 2002, 14:50
posten

FEM: Unterstützung für Migrantinnen bei seelischen und körperlichen Problemen

Das Frauen- gesundheitszentrum FEM Süd bietet Migrantinnen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien Unterstützung bei seelischen und körperlichen Problemen.

Es ist Ramadan, muslimischer Fastenmonat. Deshalb sind weniger türkische Frauen als sonst am Nachmittag zur muttersprachlichen Beratung in das Frauengesundheitszentrum FEM Süd im Kaiser Franz Josef-Spital gekommen. Die meisten von ihnen sind um diese Zeit daheim und kochen für die Familie, weil zu Ramadan erst ab etwa 16 Uhr gegessen werden darf.

Drei Frauen sind dennoch da. Für sie, wie für viele andere türkisch und serbisch, kroatisch oder bosnisch sprechende Frauen ist das 1999 eröffnete FEM Süd eine wichtige Anlaufstelle bei körperlichen und psychischen Problemen: Die Einrichtung soll Österreicherinnen und Migrantinnen zugute kommen, wurde 1999 als Projekt der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten für Frauen, Eltern und Mädchen eröffnet - nach Vorbild des Zentrums FEM in der Semmelweis-Frauenklinik - und wird vom Wiener Integrationsfonds unterstützt.

Von den 11.004 Kontakten mit Klientinnen im Jahr 2000 waren allein 3693 aus der Türkei oder den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Neben Einzelberatungen werden auch Vorträge zu Gesundheitsthemen sowie Psychotherapie in der jeweiligen Muttersprache angeboten.

Das Zentrum ist auch mit vielen ÄrztInnen und Institutionen in Kontakt, die Patientinnen wegen sprachlicher oder kultureller Probleme in die Beratungen schicken. Bisher einzigartig in Österreich ist laut FEM Süd das Modell der ärztlichen Beratung für türkische Frauen: "Wir erklären ihnen hier ihre Befunde oder wie sie Medikamente einnehmen müssen und räumen Missverständnisse aus", sagt der Arzt Burak Erdogmus. "Es ist sehr wichtig, dass sie verstehen, denn nur dann fühlen sie sich auch verstanden und befolgen die Anweisungen des Arztes."

Um so viele Migrantinnen wie möglich zu erreichen, hält das FEM Süd-Team auch in Moscheen und Vereinen Vorträge. "Erst müssen wir ihr Vertrauen gewinnen, dann kommen sie von selbst zu uns und geben ihr Wissen untereinander weiter", sagt Serpil Özsoy, verantwortlich für das türkischsprachige Angebot. "So erreichen wir auch die zweite Generation."

Depressionen und gynäkologische Schwierigkeiten

Türkische Migrantinnen hätten vor allem mit Depressionen und gynäkologischen Beschwerden zu kämpfen, weil sie zu wenig über ihren Körper und gesundheitliche Risiken Bescheid wissen, sagt Özsoy: "Sie werden zuhause unterdrückt, kommen nicht viel hinaus und haben deshalb häufig auch einen geringeren Bildungsstand als die Männer."

Viele türkische EinwanderInnen kämen außerdem vom Land, wo das Gesundheitswesen eine ganz andere Rolle spielt, weiß auch Burak Erdogmus. Vorsorgeuntersuchungen etwa seien nicht üblich, über Frauenkrankheiten zu sprechen, meist tabu und Psychotherapie "nur etwas für Verrückte" - weshalb sich viele Frauen schämen, zum Arzt zu gehen. Manche kommen aus Angst vor ihren Männern auch heimlich ins FEM Süd, andere zunächst in deren Begleitung, bis das Misstrauen abgebaut ist. "Auch die Männer beraten wir dann manchmal bei gesundheitlichen Problemen", sagt Erdogmus.

Sekundäre Kriegstraumen

Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien leiden vor allem an psychischen und psychosomatischen Problemen - oft sekundäre Kriegstraumen, weiß die Psychologin Bedrija Cero. Obwohl die Integration gut funktioniere und die meisten Frauen auch arbeiten und eigenständig seien, kämen viele mit ihrer neuen Lebenssituation noch schwer zurecht: "Sie sind oft hypersensibel und brauchen viel Motivation von außen." Generationskonflikte seien ebenfalls ein häufiges Thema in Beratung und Therapie.

Mit der körperlichen und seelischen Unterstützung der Migrantinnen decke FEM Süd eine große Lücke ab, sagt Beraterin Özsoy: "Wir zeigen den Frauen Wege, wie sie sich trotz kultureller Unterschiede persönlich entwickeln können - und ihre Gesundheit ist ein Gutschein dafür".
Isabella Lechner

FEM Süd
Kaiser Franz Josef-Spital
Kundratstraße 3
1100 Wien
Tel.: 01/60 191-5201
www.fem.at
Share if you care.