Catriona LeMay-Doan

12. Dezember 2001, 11:00
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Catriona LeMay-Doan glaubt an Gold in Salt Lake City und an Jesus Christus. Am Ende ein Kurvenkratzer, der liebe Gott.

Die schnelle Frau hat, wie sie sagt, ihr Leben Gott übergeben, und das ist "eine schwierige Angelegenheit" gewesen. Catriona LeMay-Doan, die weltbeste Sprinterin auf gefrorenem Wasser, pflegt sich - wie Fußballer nach einem Tor - zu bekreuzigen, wenn sie einen Sieg gelandet oder einen Weltrekord erzielt hat. Die Kanadierin hat Übung, zuletzt bekreuzigte sie sich in Calgary, wo sie 500 Meter in 37,22 Sekunden hinter sich brachte. Seit 1997 hält LeMay-Doan die Bestmarke, achtmal schon hat sie sich selbst verbessert.

Es war freilich kein Sieg, sondern ein Sturz, der das Leben LeMay-Doans verändert hat. Bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer landete sie, als es um die Medaillen ging, in der Seitenbande. "Der Tiefpunkt meiner Karriere, Millionen Fans sahen zu. Es hat Monate gedauert, bis ich mich wieder aufs Eis traute." In diesen Monaten fragte sie sich ganz allgemein nach dem Sinn des Lebens und ganz speziell nach dem des Sports, heute sagt Catriona LeMay-Doan etwas kryptisch: "Ich lernte jemanden kennen, der mir erklärte, wer Jesus ist und dass er die Antwort auf meine Fragen weiß." Sie habe Jesus gebeten, "in meinem Leben die Hauptrolle zu spielen". So weit, so easy, doch dann wurde es kompliziert.

Catriona war nämlich "daran gewöhnt, immer mehr zu wollen", außerdem war sie "stur und uneinsichtig". Und musste also "erst lernen, dass es besser ist, sich Gottes Herrschaft zu unterstellen". 1998 aber hatte LeMay-Doan alles intus, in Nagano las sie noch die Bibel, einen Tag später holte sie Gold und also nach, was sie 1994 versäumt hatte.

Einen Tag vor Christus, aber 1970 Jahre nach ihm, kam Catriona in Saskatoon, Saskatchewan, auf die Welt. Sie besuchte die Saskatoon French School und die Holy Cross High School und nebenbei den Saskatoon Lions Speed Skating Club. Henrietta Goplen, damals für den Lions-Nachwuchs zuständig, erinnert sich an weinende Mädchen, die das Eisschnelllaufen aufgaben, weil sie von Catriona deklassiert wurden. So übte das Talent mit den nicht zu bändigenden Haaren bald mit den gleichaltrigen Burschen, und die mussten sich warm anziehen. 1988 übersiedelte LeMay-Doan nach Calgary und ins Nationalteam.

Auf dem Papier wird in Calgary Kunstwissenschaft studiert, tatsächlich ist LeMay-Doan ein Vollprofi mit hoch dotierten Werbeverträgen. In Kanada ist die 1,70 Meter große und 69 Kilogramm schwere Athletin jedem Kind ein Begriff, Wayne Gretzky durfte oft gemeinsam mit ihr für Fotografen posieren. Im Februar und in Salt Lake City, wo sie heuer auch schon einen Weltrekord lief, geht Catriona LeMay-Doan wieder auf Olympia-Gold los. Der liebe Gott wird wohl mit ihr die Kurve kratzen. "Er liebt mich sowieso, und alles wird am Ende zu meinem Besten sein." (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2001)

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