"Ein Bethaus für alle Völker"

11. Dezember 2001, 20:06
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Die Grazer Synagoge ist ein Jahr alt, die Kultusgemeinde lebt auf

Graz - In diesen Tagen feiern Juden in aller Welt Chanukka. Auch in der neuen Synagoge in Graz wurde Sonntagabend der Beginn von Chanukka gefeiert. Zum zweiten Mal seit deren Eröffnung. Gérard Sonnenschein, seit genau einem Jahr Nachfolger des Honorarkonsuls Kurt Brühl als Präsident der Kultusgemeinde für Steiermark, Kärnten und das Südburgenland, ist erfreut: "Über 60 Leute sind in die Synagoge gekommen, und wir haben gefeiert wie eine große Familie." Das über eine Woche andauernde Lichterfest ist vor allem für Kinder das Fest der Geschenke.

Im November 2000, mehr als 60 Jahre nachdem SA-Männer die alte Grazer Synagoge niedergebrannt hatten, übergab die Stadt der Kultusgemeinde das neue, vom Architektenpaar Ingrid und Jörg Mayr geplante Gebetshaus. Die Worte Jesajas über dem Eingang der Synagoge - "Denn mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker sein" - sind programmatisch. Denn vor einem Jahr steckte sich der in Casablanca geborene Gérard Sonnenschein gemeinsam mit den sechs weiteren Vorstandsmitgliedern zwei Ziele: "Wir wollten das jüdische Leben in der Gemeinde stärken und durch ein fixes Kulturprogramm die Synagoge auch nach außen öffnen."

Ein Jahr später ist man von der Entwicklung der Gemeinde "überwältigt". Sonnenschein: "Wir wachsen. Vor einem Jahr nahmen zwei Kinder an unserem Religionsunterricht teil, heute sind es bereits drei Schulklassen." Jüdische Familien, die teilweise schon immer hier gelebt haben, melden sich jetzt. Sonnenschein: "Wir haben sogar einen jüdischen Bauern, der in Leibnitz wohnt." Mittlerweile zählt die Kultusgemeinde stolze 130 eingetragene Mitglieder. Auch Übertritte werden immer häufiger. Dabei ist es nicht leicht, zum Judentum zu konvertieren, denn - so erklärt Gérard Sonnenschein schmunzelnd - "wir missionieren nicht, nur wer hartnäckig ist, wird vom Rabbiner ernst genommen".

Viele Besucher

Doch auch das Interesse der nicht jüdischen Bevölkerung reißt nicht ab und freut die Kultusgemeinde. Täglich gibt es Führungen durch die Synagoge, und bei den von der Kultusrätin Karen Engel organisierten monatlichen Kulturveranstaltungen stößt man bereits an räumliche Grenzen. Sonnenschein: "220 Besucher sind feuerpolizeilich erlaubt. Beim letzten Konzert mit sephardischer Musik wollten aber über 270 Leute rein."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2001)

 Von
 Colette M. Schmidt
 


  • Artikelbild
    grafik: architekten mayr&mayr
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