Das schwarze Schaf

3. Jänner 2002, 18:16
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Dem Opa keine Schande machen und schön grüßen, allen ordentlich die Hand geben, sich beim Busslgeben nicht wegdrehen, ...

Flüchtig nimmt meine Mutter Notiz von der Traueranzeige und wirft sie in den Papierkorb. Achselzucken auf meinen fragenden Blick. „Kennst du nicht. Nur eine von Opas zahlreichen Schwestern. Ist auch egal.“

Hinter ihrem Rücken nehme ich das schwarz umrandete Papier an mich und lese: Gisela Laubenböck.... Autounfall... im zweiundfünfzigsten Lebensjahr. Ich flüchte in mein Zimmer, werfe mich aufs Bett, schließe die Augen. Eine längst vergessene Zeit steigt vor mir auf. Die Zeit bei den Großeltern in Wien. Wie lange habe ich sie verdrängt! Beinahe zehn Jahre sind seither vergangen.

Ein Mädchen taucht auf, Blaudruckschürze, Flügelärmel, Zopffrisur, Zahnlücke, schwarze Schuhe mit abgeschnittenen Spitzen, weil die Füße so schnell wachsen. Modergeruch im Stiegenhaus, herabgebröckeltes Mauerwerk knirscht unter den Schuhen. Ich zähle die Einschusslöcher in den Wänden. Ich kann schon bis hundert zählen aber das reicht nicht aus. Die Löcher haben die Russen geschossen, meint der Opa.

Ich laufe voraus, klettere im ersten Stock aufs Fensterbrett. Das Fenster steht offen und ich schreie in den Hof, wo sich ein paar Buben mit Holzlatten gegenseitig tot schießen: „Der Krieg ist vorbei, ihr braucht's nicht mehr schießen, hört ihr, der Krieg ist schon lang vorbei!“ Sie lachen und zielen auf mich. Ich strecke ihnen die Zunge heraus. Bäh! Bevor sie mich abknallen können, zerrt mich der Opa vom Fensterbrett und knallt mir eine auf den Hintern. Den Aufstieg bis in den fünften Stock muss ich an seiner Hand verbüßen, was eine harte Strafe ist, denn er hat Asthma und bleibt auf jedem Treppenabsatz stehen um Luft zu holen. Ich versöhne ihn wieder, weil ich die Namen seiner Geschwister auswendig aufzählen kann: Onkel Rudolf ist Hofrat, Tante Toni und Tante Emmi sind Kriegerwitwen, Tante Berta ist geschieden, Tante Paula ist schwanger und Tante Gisa ist ledig. Und gut merken: nicht lachen weil Tante Berta so dick ist.

Das oberste Stockwerk ist niedriger als die vorherigen und hat nur eine Wohnungstür, dafür aber drei Schilder. Bei „Berta Novotny 3x läuten“ darf ich ganz allein den Klingelgriff drehen, dreimal. Und ich muss dem Opa versprechen, ja recht artig zu sein. Dem Opa keine Schande machen und schön brav grüßen, allen ordentlich die Hand geben, sich beim Busslgeben nicht wegdrehen, sich die Wangen tätscheln und an den Zöpfen ziehen lassen, die Fragen der Erwachsenen laut und deutlich beantworten, auf die Frage, ob man schon ein großes Mäderl sei, lachen und sich strecken, bei der Frage, ob man auch wirklich ein braves Mäderl sei, verschämt zu Boden und dann auf den Opa schauen, der bereitwillig nickt. Ein Plätzchen neben der dicken Tante Berta, die das ganze Küchensofa ausfüllt, angeboten bekommen, mich zwischen ihren Fleischberg und der Armlehne hineinzwängen, die Luft anhalten und trotzdem für Kuchen und Himbeersaft schön bitte-danke sagen, ein braves Mädchen sein und dem Opa viel Freude machen.

Als es läutet, werde ich zur Tür geschickt, um der Tante Gisa aufzumachen, falls es überhaupt die Gisa ist, denn es glaubt eigentlich niemand, dass sie wirklich kommt, das Mistvieh, das Schaf, das schwarze, wie die Tante Berta sich ausdrückt, worauf der Opa ihr zuraunt: „Berta bitte! Nicht vor dem Kind!"

In der Tür steht ein Mann mit einem schwarzen Hut. Verwirrt schrecke ich zurück und will die Tür zuschlagen, er aber ist stärker, drückt sie auf und kommt herein. „Du musst die Anni sein“, sagt er, „Ich bin die Tante Gisa.“ Ich glaube ihm nicht, weil er eine so tiefe Stimme hat, aber ich bin brav und gebe ich ihm trotzdem die Hand, ziehe sie sofort wieder zurück, als er sich zu mir herunterbeugt und fragt: „Na, krieg ich kein Bussl?“ „Naa!“ entfährt es mir und ich füge artig laut und deutlich hinzu: „Nein danke!“ Schallendes Gelächter im Hintergrund, entschuldigende Worte des herbeieilenden Opa. Der Mann, der Tante Gisa sein soll geht vor mir in die Knie, dass ich seine Augen sehen kann, ganz nah. Sie sind schwarz und glänzen. Er lacht. Ich habe keine Angst vor ihm. „Recht hast“, sagt er, „wieso sollst mir auch ein Bussl geben, wennst mich gar nicht kennst. Lass dir nur nichts gefallen, was du nicht willst.“ Er nimmt den Hut ab, schüttelt seine Pagenfrisur zurecht, befestigt eine herabgerutschte Spange im Haar. Also doch eine Frau, die Tante Gisa? Wir lachen einander an.

Hinter dem neuen Gast in die Küche stolzieren, nicht mehr auf das Sparplätzchen neben der Tante Berta zurückkehren wollen, den schwarzen Hut der Tante Gisa aufsetzen dürfen und damit durch die Küche hüpfen. Auf die Sessellehne der Tante Gisa klettern, sie vorsichtig von hinten um den Hals nehmen und die Nase in ihre Haare stecken, die so schön glänzen und gut riechen. Vom Opa ermahnt werden, schön brav folgen und sofort herunterklettern, spüren wie ihre Hand die meine umschließt, in den Sack ihrer Jacke greifen dürfen und eine kleine Tafel Schokolade heraus ziehen, vor Aufregung aufs schön Bitte-danke-sagen vergessen, vom Opa daran erinnert werden und die Schokolade trotzdem gleich aufessen dürfen und niemandem ein Stück davon geben müssen.

„Aha“, sagt die Tante Berta, „jetzt gibt’s bei die Russen a schon a amerikanische Schokolade? Interessant!“ Sie kichert und der Opa zischt hinüber, sie solle die Stichelei lassen. Zu spät, die Tante Gisa springt auf. „Es ist besser wenn ich wieder geh, war ein Fehler herzukommen, hat sich nichts verändert bei euch.“

„Du hast dich auch nicht gebessert! Schau dich an, wie du daherkommst!“ kreischt die Berta und lauft ganz rot an im Gesicht. Und der Onkel Rudolf sagt immer wieder: „Meine Damen, so geht das nicht! So geht das wirklich nicht.“

Ich bin traurig über den jähen Aufbruch der Tante Gisa, gebe ihr den Hut zurück und beobachte, wie sie kurz in die Runde grüßt und sich zur Tür dreht. Es holt sie niemand zurück.

Ich schiebe meine Hand in die ihre und begleite sie hinaus. „Die andern sind mir eh wurscht,“ sagt sie. „Bin nur wegen dir gekommen, Madl, weil ich wissen wollt, was aus dir geworden ist. Sie beugt sich zu mir herunter und streicht mir übers Haar. „Prächtig hast dich entwickelt, mach nur weiter so, und lass dir nichts gefallen, hörst du!"

Blitzschnell die Tante Gisa fest um den Hals nehmen, ihr ein dickes Bussl auf die Wange drücken, mich losreißen, in die Wohnung rennen und die Tür zuschlagen. Spüren wie erst das Herz stillsteht und dann bis zum Hals klopft. Die Tür wieder öffnen und nur mehr ihre Schritte im Stiegenhaus hören, auf das Treppengeländer klettern, die Füße im Gitter verankern, mich weit drüberhängen und dem schwarzen Hut nachschauen, wie er durchs halbdunkle Stiegenhaus schwebt, wie eine Riesenfeder von Stockwerk zu Stockwerk tiefer sinkt, sich mehr und mehr von mir entfernt und schließlich nach der letzten Windung des Geländers aus meinem Blickfeld verschwindet. Hören wie das Haustor geöffnet wird und warten bis es ins Schloss fällt. - In die Küche zurückkehren, den Platz der Tante Gisa einnehmen und spüren, dass er noch ein wenig warm ist.

Die laute Debatte der Erwachsenen bricht jäh ab und Tante Berta fragt in die Stille hinein: "Na, hast unseren Gast schön brav hinausbegleitet?“

Ich überhöre die Frage und nehme das Schokoladenpapier aus meiner Schürzentasche, glätte die Papierschleife sorgfältig und gib sie dem Opa zum Aufbewahren. Aus dem Stanniolpapier forme ich eine Kugel und während ich sie auf meinem Schoß auf und abrollen lasse, denke ich über die Tante Gisa nach: Ist sie ein schwarzes Schaf, weil sie eine Männerstimme hat? Warum sollen die Russen keine amerikanische Schokolade mögen? Und warum wollt sie unbedingt wissen, wie es mir geht? Ich würde den Opa befragen, aber erst später auf dem Nachhauseweg, wenn ich mit ihm allein war, und er sich wieder wie ein ganz normaler lieber Opa benehmen würde. Aber dazu kam es nicht, weil er auf dem Heimweg mit dem Asthma voll beschäftigt war und dabei keine Fragen beantworten konnte. Daheim bot sich auch keine Möglichkeit mehr. Meine Mutter war überraschend aufgetaucht, um mich mit in die Schweiz zu nehmen. Ich kannte sie nur von Fotos, denn sie hatte mich, als ich drei Jahre alt war, bei meinen Großeltern zurückgelassen, um ihr Glück in der Schweiz zu versuchen. Sie wollte mich später nachkommen lassen. Bald, wie sie in jedem Brief schrieb, bald. Jetzt nach drei Jahren war es plötzlich soweit. Alles stürzte zugleich auf mich ein: Abschiedsschmerz, die Reise ins Unbekannte, ein anderes Land, eine andere Stadt, eine andere Sprache, ein neuer Vater, ein neuer Bruder und schreckliches Heimweh nach den Großeltern.

"Ich habe die Gisela Laubenböck gekannt!" sage ich laut und halte ihr die Traueranzeige vors Gesicht. "Was weißt denn du, wen ich gekannt habe, bevor du mich hierher abkommandiert hast? Hat es dich je interessiert wie ich gelebt habe, was in mir vorgegangen ist?" Ich werde immer lauter.

Erstaunt schaut sie von ihrer Handarbeit auf, blickt an mir vorbei, lächelt gequält, greift sich an den Kopf, zieht die Stirne kraus und stöhnt: "Anni, dein Ton, wie redest du mit mir, ich möchte schon bitten. Mein Kopf..."

Ich lasse mich nicht ablenken. "Du hörst nur immer auf meinen Ton," platze ich hervor, "einmal rede ich zu laut, dann zu ordinär, dann zu leise, dann passt dir meine Aussprache nicht, dann meine Wortwahl. Hör einmal hin, was ich dir sagen will." "Anni, du bist erregt, das ist nicht gut. Geh jetzt, wir reden später darüber." Du kommst mir nicht davon, heute nicht, denke ich.

"Wann später?" Ich genieße meinen aggressiven Ton. "Bald." "Bald? - Wann bald? - gleich bald - später bald - morgen bald - oder in drei Jahren bald?" Den letzten Satz brülle ich. Mit Genuss. Danach fühle ich mich besser. Ich setze mich zu ihr. Sie sieht aus wie zu Stein erstarrt. Meine Mutter ist ein Stein. Ein Stein, ein Stein, ein Stein. Ich versuche es trotzdem. Ruhig und mit leiser Stimme beginne ich zu erzählen, von der Zeit davor. Von der Zeit mit dem Armeleutegeruch, wie sie es nannte, als sie mich damals in den soliden Schweizer Wohlstand herüber holte. Und ich schildere ihr die Begegnung mit Tante Gisa.

Allmählich verändert sich ihre Haltung, sie neigt sich mir entgegen, ihre Augen glänzen, ihr Mund ist halb offen, Staunen, Freude, Trauer, Mitgefühl. Sie sieht aus wie ein kleines Mädchen, wie das Mädchen von dem ich erzähle. Und: sie hört mir zu! Meine Mutter hört mir zu! Ich habe sie aus der Versteinerung erlöst.

"Du musst die Gisela Laubenböck gekannt haben, schließe ich, "sie war doch deine Tante, Opas jüngste Schwester, mindestens zehn Jahre jünger als er". Sie schweigt. Ich lasse ihr Zeit. Plötzlich lacht sie auf: "Ja, und sie hat auf mich als Kind den gleichen Eindruck gemacht wie zwanzig Jahre später auf dich. Ich mochte es so gerne, wenn sie den Kopf ruckartig wandte und ihre glatte Pagenfrisur mitschwang. Aber wir sahen sie nur selten. Dein Großvater war nicht gut auf sie zu sprechen. Auch fürchtete er, dass sie uns Kinder zu sehr beeinflussen könne. Er hat sich nie geäußert, auf welche Weise. Ich kann dir von Tante Gisa auch nur erzählen, was ich so von meinen Eltern aufschnappen konnte oder was die Tanten getratscht haben." "Warum war der Opa so schlecht auf sie zu sprechen?"

"Nicht nur er, alle Geschwister waren eifersüchtig, glaube ich. Die Mutter hat die Gisa, die Jüngste, verwöhnt, ihr den spät erarbeiteten Wohlstand aufgedrängt, ihr alles ermöglichen wollen, was sie bei den anderen versäumt und sich selber immer gewünscht hat. Ballettschule, Geigenunterricht, höhere Schule. Du musst wissen, dass der Vater, bevor er an der Trunksucht zugrunde gegangen war, seine Familie in die Armut getrieben hat. Seine gut gehende Drechslerei hat er versoffen und verspielt, auch das Erbteil seiner Frau, ein ganzes Zinshaus, dazu. Die Mutter hat die Kinder mit ihrer Weißnäherei und dem Milchgeschäft vor dem Schlimmsten bewahrt. Und die Kinder haben fleißig mitgearbeitet, in der Nähwerkstatt Hilfsdienste geleistet und jeden Morgen vor der Schule Milch austragen müssen. Nach dem Tod des Vaters hat sich die Familie schnell erholt und ist wegen ihrer Tüchtigkeit in der Bürgergesellschaft wieder akzeptiert worden. - Und was macht die Gisa? - Sie geht anstatt in den Ballettunterricht zu den Kommunisten! Heimlich."

Meine Mutter springt auf, stützt die Hände in die Hüften. Ich muss lachen. Sie lacht mit mir, die Tränen rinnen uns über die Wangen.

"Es war aber nicht zum Lachen", sagt sie ernst. "Die Gisa hat um das Geld für die Ballettstunden mit armen Kindern Ausflüge in den Prater gemacht. Es gab einen furchtbaren Familienkrach, wo die großen Geschwister, alle schon erwachsen, die Mutter unterstützten. Ihre Schwester eine Kommunistin! Das sprach sich bald herum und der gute Ruf der Familie war wieder am Sinken.

"Aber sie hat doch Gutes getan", wende ich ein, "und was war denn so schlimm an den Kommunisten?" Sie lacht: "Entweder gut bürgerlich sein oder kommunistisch. Beides ging damals nicht zusammen." Ich ergreife Gisas Partei: "Also, ich hätte mir da von meinen Geschwistern nichts dreinreden lassen."

"Hat sie auch nicht," fährt meine Mutter fort, " Sie ist im Streit von zuhause fort und von einem kommunistischen Parteifunktionär und seiner Frau aufgenommen worden. Damals war sie vierzehn. Sie hat die höhere Töchterschule geschmissen und den Beruf einer Krankenschwester gelernt. Daneben entwickelte sie sich zu einer eifrigen Genossin und hat fest in der Partei mitgearbeitet. Zu ihrer Ehre muss gesagt werden, dass sie eine überzeugte Kommunistin geblieben ist, auch in der Hitlerzeit. Sie hat keinen Hehl daraus gemacht und ist oft in Schwierigkeiten geraten, war auch eingesperrt und zwei Jahre vor Kriegsende plötzlich verschwunden. Man hat gemunkelt, dass sie im Widerstand mitarbeite und zu den Russen übergelaufen sei. Nach dem Krieg tauchte sie plötzlich wieder auf als Krankenschwester im russischen Militärspital in Wien. Sie hat bis Ende der Besatzungszeit dort gearbeitet, also auch damals, als du ihr begegnet bist."

Wir schweigen eine Weile. Die Reise in die Vergangenheit ist anstrengend. Wir sind erschöpft aber glücklich. Wie schön du bist, denke ich und betrachte das erhitzte Gesicht meiner Mutter. Sie hat die Augen geschlossen und lächelt.

Plötzlich fährt sie hoch. "Jetzt fällt es mir wieder ein!" ruft sie. Gespannt horche ich auf. Die Reise geht weiter: "Die Tante Gisa war es, die euch das Leben gerettet hat, dir und deiner Cousine. Ihr wart damals zwei und drei Jahre alt. Wir wohnten auf dem Land, in St. Nikola an der Donau, dort konnte man eher Essen beschaffen als in der Stadt. Das Gebiet war von den Russen besetzt. Plötzlich brach eine Epidemie aus, die Russenkrankheit, wie man sie im Volksmund nannte, ähnlich wie die Ruhr. Wir Erwachsenen konnten uns irgendwie drüber hinweg retten, aber für euch Kinder war es der sichere Tod. Die Traueranzeigen auf der Anschlagtafel vor der Kirche hingen schon übereinander, so viele waren es. Der Arzt konnte nicht helfen, denn er hatte das nötige Medikament nicht und der russische Kommandant wollte keines hergeben, weil er es für die eigenen Leute brauchte.

„Ich wüsste schon einen Ausweg," sagte dein Großvater. Aber mir gibt sie’s sicher nicht. Ich bin mit ihr zerstritten." Er erzählte von seiner Schwester im russischen Militärspital in Wien.

Deine Tante machte sich sofort auf den Weg nach Wien, was in der Besatzungszeit ein schwieriges Unterfangen war und mindestens einen Tag lang dauerte, weil der Zug oft angehalten und durchsucht wurde. Es gelang ihr tatsächlich Tante Gisa ausfindig zu machen. Erst winkte diese ab, doch dann bestellte sie Elfriede für den nächsten Morgen zu einem geheimen Treffpunkt.

"Ich hab’s stehlen müssen. Wenn sie mir draufkommen, erschießen sie mich“, sagte sie und händigte deiner Tante eine Spitalspackung mit zwei Dutzend Beuteln aus. „Und wenn sie mich erschießen, dann soll es sich wenigstens ausgezahlt haben. Komm gut heim und mach die Kinder gesund. Ich denk an euch." Es geschah alles ganz schnell und Tante Gisa war verschwunden, bevor ihr meine Schwester noch danken konnte. Sie steckte sich die Pulverbeutel in die Unterwäsche und schmuggelte so das rettende Medikament über die Besatzungszonen bis zu euch. Beinahe drei Tage war sie unterwegs gewesen und ihr konntet im letzten Moment gerettet werden. Und nicht nur ihr, sondern dank Gisas bravouröser Meisterleistung auch die Kinder von ganz Nikola und Umgebung dazu."

Wir sitzen uns gegenüber mit glühenden Wangen. "Schön, mit dir darüber zu reden. Erst jetzt wird mir klar, was für eine großartige und starke Persönlichkeit Tante Gisa war", sinniert meine Mutter.

„Und wer ist Melanie Kosdorf? Sie steht als einzige Trauernde auf der Traueranzeige", forsche ich weiter. "Das muss ihre Freundin sein, mit der sie zusammengewohnt hat." "So richtig zusammengelebt, lesbisch?" frage ich. Ich merke, dass es meiner Mutter unbehaglich wird. Sie schweigt. Ich verstehe auch so. Ich will sie nicht an einem Tag zu sehr überfordern.

"Weißt du noch, Mama, als wir klein waren, bist du mit uns oft zu dem Schafbauern hinauf gefahren. Wir haben die Tier beobachtet und immer nach dem schwarzen Schaf Ausschau gehalten, denn es war für uns etwas Besonderes.

Sie lächelt: Ist es auch. Und ich glaube dem Schaf selbst ist es egal ob es gemeinsam mit den anderen geschoren wird, nur der Schäfer vermeidet es, denn er will nicht, dass das schwarze Vlies sich ins Weiß mischt, weil er die reinweiße Wolle besser verkaufen kann.

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    murlasits
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