Die Saat (Text)

8. Jänner 2002, 17:12
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Einige Wochen nur und die Kämpfe begannen sich bis in die verwinkelten Täler durchzufressen.

Gespannte Aufregung erriff die Männer, Waffen kamen in Umlauf und Gerüchte. Alte Geschichten, längst unter dem Staub des Alltäglichen unsichtbar geworden, wurden neu entdeckt, hervorgezogen, sorgfältig gereinigt und poliert an den Abenden, die sich in diesem Frühling weit in die Nächte hinein ausdehnten. Hellglänzende Schilde kamen in Umlauf, unter der Hand und doch - ein Strudel, der jeden erfasste, der ihm nahe kam. Die Frauen übernahmen die Arbeiten der Männer, die aber verschwanden einer nach dem anderen und die Frauen versuchten, die Burschen zu halten, die Söhne, aber auch das gelang nicht immer.

Mit dem Weggang der Männer kroch der Krieg bis in die Dörfer, richtete sich auf und stürmte los mit bestialischem Geschrei. Straßen, Plätze und Häuser wurden zu tödlichen Fallen, die Reste der Familien flüchteten in die Wälder und die wenigen Männer, die Frauen und Kinder richteten sich ein, so gut es ging. Berichte, die durch unvermutet auftauchende Versprengte zu ihnen gelangten, waren voll von Gräueln und anfangs wickelten die Mütter fest in die Schlafdecken ein, damit sie nicht mithören konnten. Aber die Gleichgültigkeit der Erwachsenen wuchs mit den Entbehrungen, dem Hunger und der hereinbrechenden Kälte. An manchen Tagen waren die Kinder die einzigen, die noch fragten: "Wann gehen wir heim? Wo ist der Vater, wenn er tot ist? Werden wir wieder in die Schule gehen?"

Als die Nachricht von der Waffenruhe kam, wurde sie mit Misstrauen aufgenommen, zu oft schon waren solche Hoffnungsschimmer nur die Vorboten eines neuen Verhängnisses gewesen. Die Appelle aus dem Radioempfänger, diese schnarrenden Stimmen aus der fernen Hauptstadt, aus welcher Welt kamen die? Aber als drei der alten Männer ins Heimatdorf hinunterstiegen und mit der Nachricht zurückkamen, die soldaten seien abgezogen, es sei Ruhe eingekehrt, begannen die Frauen das Kochgeschirr mit Sand und Schnee glänzend zu reiben, das Werkzeug zusammenzutragen und die feuchten Kleider in die Decken zu schnüren. Die Männer holten mit den Buben die Packpferde, die wenigen Kühe, die Ziegen und Schafe und werkelten an den Traktoren herum, aber nur einer ließ sich flott machen.

Was die drei Kundschafter nicht gesagt hatten, errieten die alten Frauen, die mit den Erschöpften um den Feuerplatz saßen, ihnen die Suppe nachschöpften und die kleinen Kinder während des Aufbruchs beaufsichtigten. Die anderen sahen es dann, als sie nach dem beschwerlichen Marsch aus dem Wald herausstapften und auf die Schafweiden herunterstiegen: Das gesamte Dorf, alle Häuser, waren zerstört. Von der Kirche stand noch der Turm und auf der Schutthalde rundum stiegen an einigen Stellen dünne Rauchfäden auf. Die Dorfstraße, welche die ersten der Rückkehrer nun erreichten, war durch Mauerbrocken fast unpassierbar geworden, in wild aufgerissenen Gräben hatte sich Schmelzwasser gesammelt. Der Traktor konnte nicht weiter. Mühsam bahnten sich Tiere und Menschen ihren Weg. Das Dreieckschild mit zwei laufenden Kindern stand windschief, aber völlig unversehrt am Straßenrand, von der Schule aber ragte nur mehr die Vorderfront mit den acht rechteckigen Fensterlöchern auf. Erde und Asche vermischte sich in den Pfützen.
Der Zug aus Tieren, Menschen und Leiterwagen verkürzte sich, je weiter er vorstieß. An jedem Gehöft bog ein kleines Häufchen ab, bis alle Bewegungen unter Bäumen und zwischen Trümmern verschwunden war.

Die Dorfleute begruben die Leichen, die sie in den zerschossenen Häusern und auf den Weiden fanden, - eigene Leute, fremde Soldaten - und räumten den ärgsten Schutt weg. Manches Haus und Vorratslager fanden sie halbwegs unversehrt vor, was beim ersten Anblick nicht zu erwarten gewesen war. Nach ein paar Tagen hörte der Winterregen auf, die Menschen krochen aus den Ruinen und begannen, halbeingestürzte Häuser abzustützen und vereinzelt wieder aufzumauern. Ein Großteil der Männer fand sich in diesen Tagen ein, allein oder in kleinen Gruppen tauchten sie auf und brachten Nachricht von denen, die nicht mehr zurückkommen würden. Der Bürgermeister organisierte Bauholz und Hilfe von außen traf ein, spärlich zwar, aber sehr bedeutsam für die Stimmung der Dorfbewohner, man war nicht vergessen von der Welt, es ging wieder aufwärts, es gab viel zu tun.

Die Ängste und Schrecken der letzten Monate versickerten mit dem Morast des geschmolzenen Schnees. Überall wurde gesägt, gehämmert, die Menschen bewegten sich schnell und zielgerichtet, Rufe stiegen von hier und dort in die Luft und legten ein Netz der Geschäftigkeit über die Wohnstätten. Mit der Wiederaufbauhilfe kamen fremde Männer, Maurer und Landarbeiter aus den verlorenen Landstrichen dieses Krieges und wieder wurden die Abende lang, die Zukunft wurde verteilt, die Karten neu gemischt, es wurde viel getrunken und die fremden Lieder immer wieder gesungen, bis sie so vertraut waren wie die eigenen Melodien.

Viele alte Menschen starben in diesem Frühling und auch einige kleine Kinder. Zu diesem Begräbnissen kamen nur der Pfarrer und die engsten Angehörigen. Waren Todesfälle früher schwerwiegende Ereignisse gewesen, bei denen das Leben der Verstorbenen Schicht um Schicht abgetragen und geordnet wieder aufgebaut wurde, so hatte jetzt keiner Zeit, lange bei den Toten zu sitzen, zu beten und flüsternd die Wechselfälle dieses Lebens zu besprechen und mögliche Todesursachen zu erwägen. Auch die Gebeine der im Massengrab Verscharrten lagen kreuz und quer geworfen in der Erde und nicht feinsäuberlich geschichtet im Beinhaus wie die in Friedenszeiten Begrabenen.

Die Kinder erlebten in diesem Frühling und Sommer eine herrlich unbeschwerte Zeit voll von wilden Abenteuern, es gab keine Schule, jeder Tag war neu. Sie führten ein Freibeuterleben zwischen den Ruinen und in den Wäldern, wo sie Munition und Waffen fanden und den Erwachsenen gegenüber ihre gefährlichen Spiele verheimlichten. Niemand kümmerte sich groß darum, was sie den ganzen Tag trieben. Die Mütter schickten die Kinder manchmal aus, um Vogeleier zu suchen, wilden Knoblauch, Fenchel und anderes Wildgemüse, denn Lebensmittel waren knapp in diesem Frühjahr. Besonders geschickte Buben lernten wieder, Fallen zu stellen, fingen Rebhühner und Wildkaninchen und streiften zu diesen Anlässen weit umher.

Eines Morgens war im Dorf ein seltsames Jaulen zu vernehmen. Es dauerte an. Gleichmäßig dünn zitterten die Töne durch die Luft. Einige Mädchen und Buben taten sich zusammen, um dieser Irritation nachzugehen. Sie liefen quer über die Viehweiden, kletterten über die Steinmauern und verschwanden im Wald. Ein schmaler, fast schon zugewachsener Pfad führte aufwärts zu einer Lichtung. Das durchdringende Jaulen kam von da her. Ein paar eingedrückte Schafställe standen zwischen dichtem Gebüsch und zeigten die Nähe eines bewohnten Platzes an. Noch nie waren sie dort gewesen und doch war die Stelle gar nicht weit vom Dorf entfert.

Als die schnellsten der Laufenden die Lichtung erreichten, sahen sie es: Ein kleiner weißer Hund saß vor einem Steinhaufen auf den Hinterbeinen - den Kopf nach oben hin verdreht - und jaulte. Das Haus zeigte keine Spuren von Zerstörung, aber alle Fenster und auch die Eingangstüren waren zugemauert. Als die Meute der Kinder herankam, hörte der Hund mit seinen langgezogenen Tönen auf und begann wie wild in Richtung der Kinderschar zu kläffen. Er bewegte sich nicht von seinem Platz fort. Das Haus war rundum mit Brennnesseln und anderem Unkraut umwachsen, kein Pfad ausgetreten, es wohnte offensichtlich niemand drinnen. Was machte bloß das verrückte Hundsvieh hier?

Ein Junge nahm einen Stein und warf ihn nach dem Tier, andere taten es ihm nach. Vor den gezielten Würfen wich der Hund wohl zurück, verzog sich mit eingezogenem Hintergestell zwischen die Brombeerhecken, schlich aber wieder auf seinen alten Platz, sobald die Kinder sich ein Stück zurückzogen. Immer wieder wurde das Hündchen auch getroffen, ein spitzes Aufjaulen zeigte das an. Ein stämmiger Bub mit Segelohren stapfte schließlich entschlossen durch den Brennnesselwald und schleuderte einen großen Steinbrocken, der voll traf. Schon schien das Tier erledigt. Aber es kam wieder auf die Beine und begann wütend zu kläffen, wich den Tritten der Buben aus und versuchte ihn von hinten an die nackten Waden zu fahren. Der Kleine rettete sich mit ein paar Sprüngen.

Nun kam Bewegung in die Schar, die Kinder rissen Äste von den Bäumen und gingen damit von allen Seiten langsam auf das angeschlagene Tier los, sein Fell franste schon an zwei Stellen rot aus. Das Hündchen knurrte jetzt und sträubte alle mageren Nackenhaare, fuhr dann aber in die Dornen hinein und kam nicht mehr zum Vorschein. Die Kinder warteten eine Weile in gebannter Wut und begannen schließlich wild in das Gestrüpp hineinzustechen, aber kein Laut war mehr zu hören. War der Köter endlich hin? Die Buben warfen noch wahllos ein paar große Steine in das braune Gestrüpp, aber nichts rührte sich mehr. "Zünden wir's an!" rief ein großes Mädchen mit einem langen, dünnen Zopf, aber keiner hatte ein Feuerzeug dabei. Nach einer Weile trabten alle missmutig nach Hause.

Am nächsten Morgen war das Jaulen schon am frühen Morgen wieder zu hören und die verschworene Schar traf wie von selbst zusammen und machte sich auf den Weg zur Waldlichtung. Das weiße Hündchen saß wieder auf seinem Platz vor einem vermauerten Fenster und heulte. Als es die Kinder herankommen sah, legte es sich auf den Boden und winselte die Mauer an.

"Da!" - ein Mädchen zeigte aufgeregt nach oben - "da bewegt sich was!" Und wirklich, ein Stein in der Mauer wackelte, nun war auch ein Scharren vernehmbar. Schließlich fiel ein Brocken heraus und kollerte in das Grün. Das Scharren hielt an und ein Stein nach dem anderen polterte aus dem vermauerten Fensterviereck. Erstarrt standen die Kinder im Halbkreis da. Der weiße Hund hatte aufgehört zu winseln, mit ganz auf den Boden gekrümmten Vorderleib kroch er näher und schlug heftig mit der buschigen Rute auf den Boden. Unmittelbar vor der Wand setzte er sich wieder auf die Hinterhand, die herausfallenden Steine vertrieben ihn nicht. Er saß still und aufmerksam, nur seine Rute zuckte.

Stein für Stein brach aus der Wand, es war jetzt schon ein Loch entstanden, durch das ein Kind hätte durchschlüpfen können. Aus dieser Öffnung kam nun eine Hand zum Vorschein, ein nackter Arm streckte sich bis zum Ellbogen heraus und noch ein zweiter.

Die Kinder verstande die Geste. Das große Mädchen nahm das Hündchen auf, hob es hoch und legte es in die ausgestreckten Arme, die gleich darauf wieder in der Öffnung verschwand.

Gespannt verfolgten die Kinder, was nun weiter geschehen würde. Sie hörten ein leises Winseln und den beruhigenden Singsang einer dunklen menschlichen Stimme. Wer war das? Die Kinder begannen zu schreien, der stämmige Junge zuerst: "Hallo, wer ist hier drin?" "Hallo, wer ist hier drin?" Dann verstummte er auf ein Handzeichen des Mädchens mit dem langen Zopf und alle horchten. Es kam keine Antwort, der Singsang wurde langsamer und hörte dann ganz auf. Die Öffnung blieb stumm und vergrößerte sich nicht mehr. Die Linder rückten nun Schritt für Schritt näher heran und einer der Buben versuchte, zum Fenster hochzuklettern.

Da erschien wieder eine Hand, sie hielt einen Stein. Der Junge sprang zurück, der Stein wurde in der Öffnung verkeilt und ein nächster Stein folgte. Langsam und sorgfältig schichtete die Hand Stein auf Stein, bis die Wand stand wie vorher. Nur die verstreut herumliegenden nach außen gefallenen Brocken zeugten davon, dass hier eben noch ein Durchbruch gewesen war.

Die Kinder rückten zusammen, sahen sich an und drei von ihnen legten ein Ohr an die Steinwand udn ein Mädchen flüsterte: "Ich glaub, da summt es wieder."

Die Kinder hatten nicht bemerkt, dass ein alter Mann mit einem Bündel Holz auf dem Rücken aus dem Wald getreten war und aus einiger Entfernung zusah. Er kam näher. Die Kinder liefen zu ihm, redeten auf ihn ein und wollten ihn an der Hand zum Haus hinziehen. Er aber machte sich daran, seinen Weg fortzusetzen. Die Kinder wollten ihn nicht gehen lassen. Sie vertraten ihm den Weg, hängten sich an sein Holzbündel. Da wurde der Alte wütend und hieb mit seinem Stock um sich: "Ihr Brut, ihr teuflische. Der Mensch da drin hat gesehen und nicht vergessen. Lasst ihn und geht nach Haus." Nun blieben die Kinder zurück und sahen dem Weggehenden nach.

Zu Hause erzählten sie ihren Müttern und Vätern, was sie gesehen hatten und baten sie, doch zum Haus hinaufzugehen und den Eingeschlossenen zu befreien. Aber sie erreichten nichts. Einige Mütter begannen zu weinen und der Schrecken kam wieder in ihr Gesicht zurück. Da war es unmöglich, weiter zu drängen. Manche Väter wurden unwirsch, meinten, die Kinder hätten da oben nichts verloren und drohten Strafen an. Andere wiederum hörten überhaupt nicht, als wären sie plötzlich taub geworden, gingen seitwärts und waren nicht mehr erreichbar. Der stämmige Kleine mit den Segelohren machte eine verstörende Erfahrung: der Vater sah wütend durch ihn hindurch und als er nicht ablassen wollte, schleuderte er ihn im Vorbeigehen an die Wand. Das fremde Gesicht des Vaters vergaß der Junge nicht.

Eine Zeitlang sprachen die Kinder noch untereinander von dem vermauerten Haus, vermieden aber den Platz in ihren Spielen, weihten auch niemanden in das Geheimnis ein. Und dann begruben sie ihre Erinnerung - viele Jahre lang.
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    murlasits
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