Vamos Cilantro!

14. März 2002, 11:38
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Bis vor kurzem kannte ihn hierzulande eigentlich kaum wer so wirklich, und von den wenigen, denen er schon begegnet war, konnte man ziemlich exakt sagen, dass ihn die Hälfte ziemlich schrecklich fand.

Außerdem machte das Gerücht die Runde, dass ihn Frauen sowieso zum Kotzen fänden, und das ist normalerweise ja nicht unbedingt der beste aller Karrierestarts. Dann aber kam die scharfe, thailändische Suppe, vietnamesische Küche wurde zaghaft verkostet und die Sardinen waren schließlich auch hierzulande frisch genug, um sie mit Freude braten zu können, so wie die Portugiesen das tun. Und was man dazu aber eben ganz dringend braucht, ist der grüne Koriander, der so ganz ähnlich wie Petersilie aussieht, aber so ganz anders schmeckt. Nämlich ­ hmm, schwer zu sagen ­ irgendwie würziger, exotischer, asiatischer, arabischer, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Nun gibt es am Wiener Naschmarkt einen wunderbaren Stand, der nicht nur für seine hervorragende Auswahl alter Apfelsorten und die Vielzahl der gebotenen Salate bekannt ist, sondern unter Insidern eben auch dafür, dass hier der Wanzendill, vulgo Koriander, zu bekommen ist. Um zehn Schilling erhielt man da immer einen Bund, den man nicht mal aufbrauchen hätte können, wenn man einen Spinat draus gekocht hätte. Aber das änderte sich in den letzten Monaten ohnehin, da wurden die abgegebenen Mengen nämlich schon sehr viel homöopathischer, die Nachfrage schien das Angebot bereits zu überflügeln. Bis es letzten Samstag überhaupt schon so weit war, dass das aromatische Kraut überhaupt nur mehr unter der Budel und für Stammkunden freigegeben wurde, weshalb ein großes Wehklagen anhob bei denen, die leer ausgingen.

Was ist los? Haben wir Koriander-Ferstspiele? He, in den Punsch müsst Ihr Gewürznelken und Zimt tun, nicht den Cilantro. Lasst Experimente mit Koriander-Kipferln sein, und, nein, geraucht bringts das Coriandrum sativum auch überhaupt nicht, glaubt mir. Ich sehe jedenfalls schlimme Zeiten auf uns zukommen: In finsteren Ecken wird mit gefälschtem oder mit Kerbel verschnittenem Cilantro gedealt werden, eine scharfe Thai-Suppe wird man ohne Koriander oder mit Koriander zum vierfachen Preis bekommen können, und wirklich übel wird's dann überhaupt erst, wenn irgendwelchen amerikanischen Wissenschafter entdecken, dass man auf Koriander jung, gesund und unglaublich sexy wird. Bitte nicht! Stoppt den unaufhaltsamen Aufstieg des Cilantro! Oder verteilt zumindest Bezugsscheine.
Von
Florian Holzer
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