Die tödliche "Abteilung für Wasserreinigung"

9. Dezember 2001, 10:01
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Die japanische Einheit 731 war ein von Militärs und Wissenschaftern geführtes Vernichtungslabor- im Zweiten Weltkrieg experimentierte sie an Hunderttausenden Chinesen mit Milzbrand, Pest und Cholera

Enttäuscht packten die Fotografen der sowjetischen Armee ihre Apparate ein, als sie im August 1945 in Pingfang ankamen. In dem Vorort der nordchinesischen Stadt Harbin war es den japanischen Truppen gelungen, vor dem Rückzug ihre Anlagen zu zerstören. Steinhaufen aufzunehmen lohne sich nicht, meinten die Russen. Dann bemerkten sie in den Ruinen Tausende Ratten, Hasen, Mäuse, dazu Affen, Kamele und andere Tiere. Außerdem fanden sie viele Menschenknochen.

Mit der Zeit kam heraus, dass Pingfang Schauplatz gigantischer Verbrechen war. Japaner gestanden in sowjetischer Gefangenschaft, dass die "Einheit 731" Biowaffen entwickelte, an Menschen und Tieren testete und in großen Mengen produzierte. Noch 1945 verhafteten US-Soldaten in Berlin den Wissenschaftsattaché Japans: Hojo Enyro gab zu, bis 1941 als Bakteriologe in Pingfang gearbeitet und danach vergeblich versucht zu haben, mit Nazi-Deutschland eine gemeinsame Biowaffenentwicklung aufzubauen.

Das Geheimnis ist bis heute nicht vollständig gelüftet. Im September beginnt in Tokio nach vier Jahren Anhörungen die letzte Runde eines Gerichtsverfahrens, das chinesische Opfer des Biokriegs gegen die japanische Regierung angestrengt haben. Gleichzeitig bemüht sich China, Pingfang gleichrangig mit Auschwitz und Hiroshima in die Liste des Weltkulturerbes einzuschreiben.

Im Juni wurde nach umfangreichen Ausgrabungen in Pingfang eine Gedenkstätte eröffnet. Japanische Bürgerinitiativen zahlten einen Teil der Kosten von rund 30 Millionen Mark. In dem ehemaligen Verwaltungsgebäude ist nun die "Beweis-Ausstellung der Verbrechen der Einheit 731 der Kaiserlichen Japanischen Armee" zu sehen. Ein Name wird in allen Räumen erwähnt: Shiro Ishii - der Vater der japanischen Biowaffen.

Ishii war vor dem Krieg Militärarzt in Tokio. Die Völkerbundskonvention zum Verbot chemischer und biologischer Waffen machte ihn 1925 auf diese heimtückischen Waffen aufmerksam. Nach einer mehrjährigen Studienreise durch Europa und Amerika überzeugte Ishii seine Vorgesetzten, dass Japan zum führenden Biowaffen-Land aufsteigen könne.

Wegen der Risiken verlegte Ishii seine "Abteilung für Seuchenprävention und Wasserreinigung" in die Mandschurei, als diese 1931 japanische Kolonie wurde. "Eine ideale Umgebung für wissenschaftliche Forschung", schwärmte ein Professor, der Ishii begleitete: "Kein Geldmangel und keine Störungen durch Bürokraten oder andere Laien."

In Pingfang errichteten chinesische Zwangsarbeiter in einer 120 Quadratkilometer großen "Sonderzone" an die 150 Gebäude: zum Beispiel ein Kraftwerk, Gefängnisse für 600 Insassen, Ställe, Gewächshäuser, Autopsiesäle, auch einen Flugplatz. Etwa ein Drittel der 15.000 Arbeiter starb an Misshandlungen und Unterernährung, medizinische Betreuung wurde verweigert: "Es gibt so viele Chinesen, es macht nichts, wenn ein paar sterben."

In der ersten großen biologischen Kampfstoffanlage der Welt untersuchten Wissenschafter, wie sich Pest, Cholera, Milzbrand, Typhus, Tetanus, Pocken und andere Krankheiten für den Krieg nutzen lassen. Die Forscher infizierten gezielt nicht nur Tiere, sondern auch Menschen und sezierten sie, oft noch lebendig.

Die Einheit 731 forschte auch für andere Teile der Armee. Die Luftwaffe ließ mit Vakuum und Druck experimentieren: Wann fliegen Menschen die Augen raus? Auf einem Freigelände wurden chemische Waffen getestet, etwa Häftlinge mit Senfgas-Granaten beschossen. Zur Vorbereitung des Kriegs mit der Sowjetunion dienten Erfrierungsversuche: Bei minus 20 Grad wurden Versuchspersonen mit Wasser besprüht. Ob Stromschläge, Überdosen von Röntgenstrahlen, Verbrennen oder Verhungernlassen: Es gibt keine Mordmethode, die nicht ausprobiert worden wäre.

Die meisten Opfer waren Chinesen, die von der Kempeitai, der japanischen Gestapo, verhaftet wurden. Wenn die Wissenschafter Sonderwünsche hatten, zum Beispiel Schwangere oder Jugendliche untersuchen wollten, wurden diese auf den Straßen von Harbin eingefangen. Ob die Einheit 731 auch mit westlichen Kriegsgefangenen experimentierte, ist umstritten.

Wie viele Tote es dabei gab, wird sich nie genau feststellen lassen. Die Gefangenen wurden nicht mit Namen erfasst, sondern mit Nummern von 101 bis 1500 versehen. Wenn Nummer 1500 nach spätestens sechs Monaten tot war, fing die Zählung wieder bei 101 an. Die Japaner nannten ihre Gefangenen "marutas", Holzklötze. Pro Tag wurden ein bis zwei davon "verbraucht", was eine Zahl von mindestens 3000 Ermordeten ergibt.

Insgesamt töteten die japanischen Biowaffen an die 300.000 Menschen. Von Pingfang aus wurden in Südostasien große "Feldversuche" koordiniert. Jede japanische Division hatte eine eigene "Abteilung für Seuchenbekämpfung und Wasserreinigung", zusammen rund 20.000 Biokrieger. Flugzeuge warfen Porzellanbomben mit Pestflöhen ab. In Nanjing verteilten die Eroberer Schokolade mit Milzbrandbakterien. Anderswo legten sie Kuchen mit Typhuserregern aus und vergiftete Schreibstifte.

Militärs schätzen Biowaffen, weil der Gegner den Angriff erst bemerkt, wenn es für eine Verteidigung zu spät ist. Ein Nachteil ist allerdings, dass Bakterien zwischen Freund und Feind nicht unterscheiden. Zwar wurden in Pingfang Impfstoffe für die eigenen Soldaten hergestellt, dennoch überrannten 1942 japanische Truppen unvorbereitet verseuchtes Gebiet - 1700 Japaner starben an Cholera, Typhus und Ruhr.

In Pingfang waren ein Viertel der ungefähr 2000 Japaner Wissenschafter. Zur Ausbildung wurden auch einige Tausend Medizinstudenten durchgeschleust. Wo sonst hätten sie Vivisektionen an Menschen machen können? Aufmerksam beobachteten die Forscher den Todeskampf in den Gaskammern, notierten zum Beispiel, dass sich eine Mutter über ihr Kind geworfen habe, um es zu schützen, natürlich vergeblich. Nach Feierabend gingen die Wissenschafter in den Swimmingpool der Anlage, in die Bibliothek oder den Tempel. Kulturell Interessierte gründeten eine Theatergruppe. Zu den Auschwitz-Ärzten gebe es "interessante Parallelen", meint der Historiker Yuki Tanaka: "Es waren ganz gewöhnliche Menschen."

Zu den Gemeinsamkeiten mit den Nazi-Wissenschaftern gehören wohl auch die Vertuschungsversuche nach Kriegsende. Am 8. August 1945 töteten die Japaner in Pingfang die letzten Versuchspersonen und Zwangsarbeiter und sprengten die Gebäude. Die Versuchstiere ließen sie laufen, was noch Jahre später zu Pestepidemien mit etwa 30.000 Todesopfern führte. Ishii und andere Leiter der Einheit flogen nach Japan. Der Rest des Personals kam per Bahn und Schiff hinterher und tauchte auch unter.

Zunächst fürchtete Ishii eine Anklage als Kriegsverbrecher. Sein Heimatdorf veranstaltete ein Scheinbegräbnis für ihn. Als er dann vom US-Geheimdienst aufgespürt wurde, gewährte jedoch der US-Oberbefehlshaber in Japan, General MacArthur, ihm und seinen Mitarbeitern im Tausch gegen die Forschungsergebnisse Straffreiheit. "Es muss alles getan werden, damit dieses Material nicht in fremde Hände gerät", heißt es in einem US-Bericht. Bei einem öffentlichen Prozess könnten die Sowjets an die Resultate kommen.

In der Sowjetunion wurden 1949 zwölf Veteranen der Einheit 731 vor Gericht gestellt. Die Geständnisse wurden von den westlichen Regierungen als "kommunistische Propaganda" abgetan. Auffallend ist, dass der Prozess im abgelegenen Chabarowsk stattfand und nur milde Strafen verhängt wurden. Die Japaner wurden anschließend in Labors bei Moskau beschäftigt und durften 1956 in ihre Heimat zurückkehren.

Die Veteranen der Einheit 731 machten unbehelligt Karriere. Leutnant Shunichi Suzuki etwa wurde Gouverneur von Tokio, Ishiis rechte Hand Ryoichi Naito gründete mit Kollegen die Pharmafirma "Green Cross". Hisato Yoshimura, der Leiter des Frostlabors, wurde Berater der japanischen Antarktis-Expedition, später Präsident der Frauenuniversität in Kobe. Wissenschaftliche Zeitschriften veröffentlichten Pingfang-Daten zunächst als Werte von "Affen", später sprachen sie ganz offen von "frischen menschlichen Gehirnen".

Bevor Ishii 1959 starb, sagte er: "Es war in Ordnung, dass wir in der Einheit 731 wertvolles menschliches Material haben konnten, um die Nation zu retten." Auf einem Friedhof in Tokio wurde 1981 über einem Knochen Ishiis ein Denkmal für die Einheit 731 errichtet. Die Veteranen treffen sich bis heute jedes Jahr. Zuweilen geben sie Interviews: Ja, man habe experimentiert, aber die Versuchspersonen seien bezahlt worden. Ja, auch mit Müttern und Kleinkindern, aber nur mit freiwilligen. Im Übrigen seien die Väter der Kinder wahrscheinlich Spione gewesen.

Interessanterweise schwiegen dazu lange die chinesischen Regierungen. Taiwan und die Volksrepublik waren auf gute Wirtschaftsbeziehungen zu Japan und günstige Kredite angewiesen; angesichts eigener Verbrechen wollten sie von einer Aufarbeitung der jüngeren Geschichte nichts wissen. Das änderte sich erst seit dem 40-Jahr-Jubiläum des Kriegsendes: Zeitzeugen wurden befragt; die 1985 in Nanjing und Beijing eröffneten "Museen des antijapanischen Widerstands" gehen auch auf Pingfang ein.

Auch in Japan sickerte immer mehr über die Einheit 731 durch. Von den ehemaligen Anführern kam nie ein Beitrag zur Aufklärung. Einige ihrer Untergebenen veröffentlichten jedoch Kriegserinnerungen oder reisten nach China, um auszusagen. Masakuni Kurumizawa etwa gestand Vivisektionen, Yoshiaki Daihaya bezeugte, als Pilot über 50.000 Ratten nach Pingfang gebracht zu haben.

Die japanische Regierung räumte 1982 erstmals die Existenz der Einheit 731 ein, machte aber keine Angaben zu ihren Aktivitäten. Sie hält ihre Akten dazu unter Verschluss. Trotzdem tauchen immer wieder Dokumente auf: Im September letzten Jahres entdeckte ein Historiker 900 Seiten mit Aufzeichnungen zu Pestversuchen.

Die USA hoben die Geheimhaltung für Dokumente der Einheit 731 ab 1976 auf. Bis heute ist jedoch eine Reihe Fragen ungeklärt, etwa inwieweit das japanische Kaiserhaus informiert war. Der Bruder des Kaisers, Prinz Mikasa, und sein Vetter, Prinz Takeda, haben sich jedenfalls bei Besuchen in Pingfang fotografieren lassen. Ebenfalls umstritten ist, ob die USA 1950 im Korea-Krieg mit Beratung von 731-Veteranen Biowaffen einsetzten.

Chinesen wurden lange von ihrer Regierung gehindert, von Japan Schadenersatz zu fordern. 1997 konnten erstmals 108 Überlebende japanischer Biowaffenangriffe und Angehörige von Pingfang-Opfern beim Distriktgericht in Tokio Klage einreichen, von Japan Entschuldigung und Entschädigung fordern. Nach zwei langen Prozessrunden mit 24 Anhörungen von Zeugen und Wissenschaftern entschied das Gericht, es könne noch kein Urteil fällen, da es "nicht genügend Beweise" gebe.

Auf die letzte Anhörungsrunde haben sich die mittlerweile 180 Kläger gründlich vorbereitet. Sie sind überzeugt, rund 2100 Morde nachweisen zu können. Das neue Museum in Pingfang soll ihre Klage unterstützen. Es verzichtet weitgehend auf patriotische Parolen, sondern präsentiert sachlich rund 1200 Relikte, die letztes Jahr gefunden wurden: Gasmasken, Spritzen, Reagenzgläser, Porzellanbomben, Hochdruckboiler, Betontanks der Frostexperimente, chirurgische Instrumente, dazu Aufzeichnungen von Milzbrandstudien.

Ob das Gericht in Tokio im März ein Urteil im Sinn der Chinesen fällen wird, ist ungewiss. Schließlich soll an Japans Schulen ein Geschichtsbuch eingeführt werden, das die Einheit 731 verschweigt und den Krieg als "Befreiung Asiens von der Kolonialherrschaft" darstellt. Die Kläger wollen aber auf keinen Fall locker lassen. "Wir sind sehr empört über die japanische Regierung", sagt die 70-jährige He Yingzhen, die angibt, bei einem Biobombenangriff sechs Angehörige verloren zu haben. "So lange ich lebe, werde ich nicht aufgeben. Und danach wird mein Enkel weiter für Gerechtigkeit kämpfen." (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 7./8./9. 12. 2001)

Die japanische Einheit 731 war ein von Militärs und Wissenschaftern geführtes Vernichtungslabor. Im Zweiten Weltkrieg experimentierte sie an Hunderttausenden Chinesen mit Milzbrand, Pest und Cholera. Danach wurde jahrzehntelang geschwiegen oder verharmlost. Erst jetzt erinnert ein Museum an die Kriegsverbrechen.

Von Martin Ebner

Martin Ebner ist Sowjetologe und freier Journalist. Zurzeit nimmt er am Aufbauprogramm ,Japanische Sprache und Kultur' der Universitäten Tübingen und Kioto teil. Im Sommer hat er als Stipendiat der deutschen Krupp-Stiftung und Praktikant der Zeitung Shanghai Daily zu japanischen Kriegsverbrechen in China recherchiert.
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