Regenerationskunst der Hydra soll Medizin helfen

4. Dezember 2001, 20:01
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Hoffnung auf neuen Weg zu Stammzellen

Darmstadt/Wien - Die Hydra, der jeder abgeschlagene Kopf wieder nachwächst, ist nicht nur ein Schrecken der alten Mythen, sondern auch ein Hoffnungsträger der neuen Medizin: Dem kleinen Polypen könnte man abschauen, wie man embryonale Stammzellen bzw. Eigentransplantate gewinnt, ohne den umstrittenen Weg des Klonens gehen zu müssen. "Die regenerativen Fähigkeiten der Hydra sind faszinierend", berichtet Biologe Thomas Holstein von der TU Darmstadt dem STANDARD: "Wenn man sie in Einzelzellen zerlegt, entstehen daraus in 24 bis 28 Stunden intakte Organismen."

"Permanenter Embryo"

Ähnliche Künste beherrschen viele Tiere, von Plattwürmern bis zu Salamandern: Sie können entweder den gesamten Organismus oder zumindest verlorene Glieder nachwachsen lassen. Diese Exoten sind auch schon lange Gegenstand der Grundlagenforschung, rücken aber erst jetzt ins öffentliche Interesse, da sie sich mit embryonalen Stammzellen regenerieren.

Diese gewinnen sie entweder durch Verjüngung differenzierter Zellen - so machen es die Würmer - oder sie halten die Stammzellen dauernd im Vorrat wie die Hydra. Sie ist in ihrem Mittelteil ein "permanenter Embryo", der unablässig Stammzellen produziert. Die wandern dann entweder zum Fuß oder nach oben zur Körperöffnung und differenzieren sich dabei aus.

"Die große Herausforderung der regenerativen Medizin liegt darin, das Regenerationspotenzial auch in Säugetiere hinein zu bringen", berichtet Holstein, "beziehungsweise es in ihnen wieder zu wecken." Denn die Gene etwa der Hydra sind im Lauf der Evolution nicht verloren gegangen, sie haben sich auch in Säugetieren erhalten und spielen dort eine zentrale Rolle in der Embryonalentwicklung. Holstein selbst hat ein Gen identifiziert, das beim Säugerembryo wie bei der Hydra für die richtige Ausbildung der Körperachse sorgt.

"Auf molekularer Ebene sind die Systeme eng verwandt", erklärt Holstein, und in einem ihrer Embryonalstadien sehen Säugetiere der Hydra auch so ähnlich, dass schon der Biologe Ernst Haeckel im 19. Jahrhundert beide miteinander verglichen hat.

Aber nach der Embryonalentwicklung geht Säugetieren diese Genaktivität verloren. Versuche, sie wieder zu mobilisieren, hatten bisher wenig Erfolg. Nur bestimmte Labormäuse können es aus unerfindlichen Gründen: Schneidet man ihnen den Schwanz ab oder sticht man ihnen ein Loch ins Ohr, erneuert sich das Gewebe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.12.2001)

Von Jürgen Langenbach
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