Die Angst vor dem GAU

3. Dezember 2001, 13:44
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In der politischen Diskussion um das Atomkraftwerk Temelin wird auch das Horrorszenario eines nuklearen Super-GAUS beschworen. Prof. Dr. Richard Pötter von der Universitätsklinik für Strahlentherapie und Strahlenbiologe Prof. Dr. Reinhard Kodym sprechen im Interview mit mymed.cc über die unsichtbare Bedrohung durch radioaktive Strahlung.

Das Interview führte Doris Simhofer

Mymed: Herr Professor Pötter, welche Gesundheitsgefahren gehen von einem Atomkraftwerk für die Menschen in seiner Nachbarschaft aus?

Pötter: Entsprechend den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, besteht sowohl in der näheren, wie auch in der weiteren Umgebung eines Atomkraftwerkes keine gesundheitliche Gefährdung durch Strahlen, soferne der Reaktor abgeschirmt ist und keine Radioaktivität austreten kann. Internationale Studien aus Deutschland und England haben ergeben, dass es in der Umgebung von Atomkraftwerken keine erhöhte Inzidenz für Leukämie gibt.

Mymed: Welche Erkenntnisse hat man aus dem Atomunfall von Tschernobyl gewonnen?

Pötter: Es waren keine wissenschaftlichen Rückschlüsse auf die radiogene Induktion von Leukämie möglich. In der Umgebung von Tschernobyl konnte im Gegensatz zu Hiroshima und Nagasaki keine deutlich erhöhte Rate nachgewiesen werden. Erkannt hat man hingegen, dass die Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs rund um Tschernobyl deutlich zunahmen, vor allem bei Kindern. Diese Krebsart ist zum Glück heilbar.

Mymed: Welche Symptome treten auf, wenn man einer gefährliche Strahlendosis ausgesetzt ist?

Kodym: Das Gefährliche daran ist, dass von einer Strahlendosis, die zu schwerer Krankheit oder zum Tod führen kann, zunächst subjektiv nichts zu bemerken ist. Etwas später setzt leichte Übelkeit ein, nach einigen Tagen klingen die Beschwerden wieder ab. Im Blut ist ein Abfall von Granulozyäten und Thrombozyten festzustellen, was im weiteren Verlauf zu Infektionen und zu Blutungen führen kann und möglicherweise sogar tödlich endet. Strahlen mit hoher Intensität, wie zum Beispiel eine zehnfache tödliche Dosis machen sich innerhalb von einer Stunde durch massive Übelkeit bemerkbar. Innerhalb kürzester Zeit kommt es zu Symptomen wie Verwirrtheit, zu schwerwiegenden Elekrolytentgleisungen und zum Tod. Es gibt nur wenige wissenschaftlich dokumentierte Fälle, bei denen Menschen einer so hohen Strahlenbelastung ausgesetzt waren.

Mymed: Wie kann man sich vor radioaktiver Strahlung im Ernstfall schützen?

Pötter: Da gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Erstens, einen möglichst großen Abstand zur Strahlenquelle zu halten, und zweitens, sich gegen die Strahlung mittels undurchlässiger Materialien wie Beton oder Blei abzuschirmen. Das "Quadrat-Abstandsgesetz" besagt, dass mit der doppelten Entfernung die Strahlung um ein Viertel sinkt. Werden bei einem Strahlenunfall jedoch radioaktive Stoffe wie z.B. Jod oder Caesium freigesetzt, können diese durch die Nahrungskette, durch die Luft oder durch Wasser in den Körper gelangen. Eine der Möglichkeiten, sich davor zu schützen, ist die rechtzeitige Einnahme von Jodtabletten.

Mymed: Wie schützen Jodtabletten?

Pötter: Jodtabletten gelten nach wie vor als Prophylaxe gegen den Einstrom radioaktiven Jods in die Schilddrüse, da das medikamentöse Jod die entsprechenden Plätze für den Einbau des Jod besetzt. Sie werden nach Verteilungsplänen im Ernstfall zunächst an Schulen und Kinder weitergegeben.

Mymed: Warum werden einer schwachen radioaktiven Strahlung auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit zugeschrieben?

Kodym: Leichte Radioaktivität hat offenbar keine signifikant negativen Folgen für die Gesundheit. Ob sie tatsächlich positive Wirkungen hat, ist wissenschaftlich noch nicht restlos abgeklärt. Man kann aber davon ausgehen, dass leichte Radioaktivität Immunzellen günstig beeinflussen kann. Eine minimale Strahlendosis wirkt möglicherweise stärkend. Natürliche Radioaktivität gehört zum Umfeld des Menschen. Die Zelle ist gewohnt, mit Radioaktivität umzugehen. Wenn Schäden entstehen, können diese in der Regel repariert werden. In der DNA und RNA sind Systeme, Eiweiße, die diese Reparaturen ermöglichen. In geringen Dosen kann man Radioaktivität deshalb als etwas ganz Natürliches bezeichnen.

Mymed: Reagiert jeder Mensch auf Strahlung gleich?

Kodym: Die Empfindlichkeit für Strahlung ist, geht man von einem Strahlenunfall aus, prinzipiell bei jedem Menschen gleich. Die Reaktionen auf eine Strahlentherapie können jedoch unterschiedlich sein. Manche vertragen die Therapie besser, manche schlechter.

Mymed: Welche Art von Strahlung ist die größte Bedrohung für die Gesundheit?

Kodym: In erster Linie die ionisierende Strahlung, also jene, die genug Energie hat, um ein Wassermolekül zu ionisieren. Darunter fallen auch die Strahlungen mit linearem Energietransfer, wie etwa Gammastrahlen, Röntgenstrahlen, Alpha-Strahlen oder Höhenstrahlung. Gemeinsam ist ihnen eine deutliche biologische Wirkung.

Mymed: Wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Richard Pötter
    foto: mymed.cc

    Richard Pötter

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