Hardcovers mit Hochspannung

30. November 2001, 20:59
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Die interessantesten Krimis dieses Herbstes überzeugen mit Aktualität, Ironie und kosmopolitischer Breite

Zorn und Trauer

Yasmina Khadra, Ex-Offizier der algerischen Armee, der 2000 nach Paris ins Exil gegangen ist, hat wegen Drohungen eine herbstliche Lesereise abgesagt. Kein Wunder, gehört doch der Schriftsteller, der lange unter dem weiblichen Pseudonym veröffentlicht hat, zu den schärfsten Kritikern der korrupten Politik seines Landes. Und die islamischen Fundamentalisten haben schon gar keine Freude mit dem aufgeklärten Autor, der die Bärtigen in seinen Krimis mit ätzendem Spott zu überziehen pflegt.

Jetzt hat Khadra sein Alter Ego, Commissaire Llob ein letztes Mal gegen die Korruptionisten und Fanatiker Sturm laufen lassen. Und das Ende ist schrecklich, abrupt und endgültig. Wohl eine realistische Vision dessen, was dem Autor selbst passieren hätte können, wenn er in seiner Heimat geblieben wäre.

Khadras finstere Krimis beschreiben den Alltag in einem Land, in dem sich jeder verdächtig macht, der des Lesens kundig ist. Wie kann man in so einem Regime als Intellektueller überleben? Khadras Antwort ist eindeutig: gar nicht. Der verwickelte Fall, dem Llob auf der Spur ist, dient nur dazu, das ganze soziale Gefüge Algeriens, die Resignation der Bevölkerung, den Zorn und die Trauer der Verdammten zu spiegeln. Im nächsten Jahr wird ein weiterer Roman erscheinen. Wovon die Wölfe träumen schildert den Werdegang eines jungen Mannes, der im Namen des wahren Gottes zum Mörder wird. Aktueller kann Literatur nicht sein.
Yasmina Khadra, Herbst der Chimären. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. öS 218,-/EURO 15,84/ 148 Seiten. Haymon, Innsbruck 2001

Chilenischer Melancholiker

Privatdetektiv Heredia ist nicht unbedingt ein Optimist. Dazu besteht in Chile keinerlei Anlass. Wie schon in Engel und Einsame (Diogenes) stolpert Heredia auch diesmal wieder in eine Affäre, in die Politiker und Industrie gleichermaßen verwickelt sind. Einige große Konzerne haben eine Gaspipeline durch Argentinien und Chile geplant. Diese führt zwar durch geologisch unsicheres Gebiet, soll aber trotzdem mit minderen, billigeren Materialen gebaut werden.

Nicht nur Umweltaktivisten schwant es, dass hier wie üblich auf die Sicherheit des normalen Volkes gepfiffen wird, um sich die Taschen zu füllen. Heredia, ansonsten beileibe kein Ökofreak, geht das zu weit. Also mischt er sich ein. Einer allein gegen die Multis: Schlechte Karten hatte Heredia auch schon in Engel und Einsame, wo es um Waffenfabrikanten und ihre weit verzweigten, die Politik massiv beeinflussenden Geschäftsinteressen ging. Irgendwie überlebt der alternde Melancholiker, ein Kerl ohne Anhang und einem Kater namens Simenon. Er sieht zu, wie sein altes Wohnviertel in Santiago den Charme verliert und registriert, dass die Menschen trotz verbesserter Kommunikationsmittel immer einsamer werden. Eterovic entwickelt so ein gebrochenes Gegenbild zum machohaften Schläger: die Posen südamerikanischer Pistoleros sind ihm fremd.
Ramón Díaz Eterovic, Kater und Katzenjammer. Aus dem chilenischen Spanisch von Maralde Meyer-Minnemann, öS 291,-/EURO 21,15/ 338 Seiten. Diogenes, Zürich 2001

Sizilianisches Biotop

Camilleri überall: Er wird gefeiert, rezensiert, verfilmt und auf Teufel komm raus übersetzt. Selbst eingefleischten Fans des 76-jährigen sizilianischen Autors dürfte es inzwischen schwer fallen, bei den zahlreichen Veröffentlichungen auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Der Spätstarter unter den Krimischreibern - er hat den Großteil seines Lebens dem Theater gewidmet - ist aber auch alle Beachtung wert. Sein sizilianisches Phantasiestädtchen Vigata beherbergt einen unnachahmlichen Kosmos aus Gaunern und Exzentrikern.

Ein Biotop, in dem sich sein Commissario Salvo Montalbano wie ein Haifisch im Wasser bewegt. Diesmal gibt der Tod eines jungen Mannes Rätsel auf, und als gleich darauf ein altes Ehepaar, das im selben Haus lebte, verschwindet, versucht Montalbano (dessen Name auf die Verehrung des Autors für den spanischen Schriftsteller - Kollegen Vázquez Montalbán verweist), zwischen den beiden Fällen eine Verbindung herzustellen. Die beiden Alten, die sehr bescheiden und zurückgezogen lebten, besaßen interessanter weise nicht unbeträchtliche Geldkonten. Wofür wurden sie bezahlt? Und von wem? Nicht ganz unerwartet mischt sich ein mächtiger Pate in die Ermittlungen ein und Montalbano tritt in einen delikaten Dialog ein, der aus bloßen Andeutungen zu bestehen scheint.

Camilleri schwelgt wie immer in gastronomischen Details, Dialektausdrücken, die im Anhang erklärt werden, und der Schilderung der süditalienischen Landschaften und Befindlichkeiten. Commissario Montalbano selbst macht sich inzwischen Gedanken über seine Pensionierung und überlegt, Krimis zu schreiben. Allerdings: "Krimis gelten bei manchen Kritikern und manchen Intellektuellen, oder Leuten, die gern welche wären, als minderwertiges Genre, in seriösen Büchern über die Literaturgeschichte werden sie ja nicht mal erwähnt." "Das kann dir doch scheißegal sein", erwidert ihm sein Untergebener. Genau. Andrea Camilleri, Das Spiel des Patricharchen. Aus dem Italienischen von Christiane v. Bechtolsheim. öS 263,-/EURO 19,11/ 312 Seiten. edition Lübbe, Bergisch-Gladbach 2001

Vermisst in London

Mitten in London verliert ein Mann von einem Augenblick auf den anderen das Gedächtnis. Er kann die Landessprache, weiß aber nicht einmal mehr seinen Namen. Er schließt sich, ziellos umherirrend, einem Begräbnis an, bei dem er feststellt, dass es sich um die Trauerfeier für einen Ex-Geheimdienstler handelt.. Der Rest der diskreten Trauergäste hält ihn für einen Kollegen. Er findet Unterschlupf bei einem von ihnen, nimmt ein paar Gelegenheitsjobs an und versucht, dem Geheimnis seiner Totalamnesie auf die Spur zu kommen.

Inzwischen setzt seine Frau, die mit dem Mann auf Urlaub nach London geflogen ist, alles daran, ihn wieder zu finden. Aus den zwei Perspektiven des orientierungslosen Mannes und der besorgten Ehefrau wird so ein spannender Psychothriller erzählt.

Aber der skandinavische Autor führt den Leser aufs Glatteis. Die Dinge sind nicht so wie sie scheinen: Man erfährt, dass der Mann ohne Gedächtnis kurz zuvor in einem Mordprozess freigesprochen wurde. So liegt die Vermutung nahe, dass der namenlose Verirrte trotz Freispruchs große Schuld auf sich geladen hat und seine Psyche mit Amnesie reagiert.

Doch es kommt ganz anders... Skagens Stärke besteht darin, die Panik eines plötzlich aus Raum und Zeit Gefallenen überaus beklemmend zu schildern. Ein Kabinettstück der Introspektion, finster und detailversessen.

Fredrik Skagen, Schwarz vor Augen. Aus dem Norwegischen von Knut Krüger. öS 285,-/EURO 20,71/ 319 Seiten. Diana Verlag, München, Zürich 2001.

Maulheld aus Neapel

Pino Pentecoste ist Privatdetektiv in Neapel, hat eine große Klappe und sonst recht wenig. Vor allem keine Ahnung, warum er von einer zwielichtigen Figur gebeten wird, jetzt und sofort einen Lastwagen abzuholen und zu einem bestimmten Ort zu bringen.

Der potentielle Klient behauptet, das nicht selbst tun zu können da er von wem auch immer "überwacht" werde. Später erfährt Pino, dass in dem Lastwagen ein teures Rennpferd gewesen sein muss. In der Folge mischen sich mehrere Interessenten ein und bringen den gar nicht heldenhaften Pino innerhalb von 24 Stunden in Teufels Küche.

Es ist eine völlig aberwitzige Geschichte, die sich hauptsächlich in den Büroräumen des Detektivs abspielt, so, als ob es draußen die quirlige chaotische, lebendige Stadt Neapel gar nicht gäbe.

Hauptsächlich werden Pistolen geklaut und unendlich viel gelabert. Pino verstrickt sich in eine Art Hahnenkampf und seine Freundin, die phantastisch sinnliche Hure Mariella, welche sich mit Pino lautstark und hemmungslos zu vergnügen pflegt, hat schon recht, wenn sie feststellt "ihr spinnt".

Ferrandinos Detektiv ist die himmelschreiende Karikatur seiner meist so omnipotenten Kollegen. Nicht nur, dass es ihm nie gelingt, seine Waffe rechtzeitig zu zücken, auf dem Höhepunkt der Spannung ereilt ihn auch noch Durchfall...

Das Nachwort von Andrea Camilleri weist darauf hin, dass in dem schmalen Band das selten gewordene Kabinettstück der "Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung" exerziert wird - und Spaß macht es obendrein.

Giuseppe Ferrandino, Respekt. Aus dem Italienischen von Max Looser. öS 248,-/ EURO 18,02/ 134 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2001

Ein weites Land

Der nachdenkliche, sensible Navajo-Polizist Jim Chee darf bei den Fans von Hillermans Ethno-Krimis als bekannt vorausgesetzt werden, ebenso ein Teil der restlichen Reservats-Exekutive im malerischen Four-Corners-Gebiet, wo die Welt zwar weit, aber auch nicht immer heil ist. Denn diesmal verschwinden brutale Bankräuber im Gewirr der Canyons spurlos und die Reservatspolizei befürchtet nicht zu unrecht, dass ihr diesmal wieder das FBI "zu Hilfe" kommen könnte.

Die Einheimischen sind noch traumatisiert von einer gräulich - stümperhaften Großfahndung, die die Spaßtruppe in den Sand gesetzt hat. Und so können sich Hillermans Protagonisten einmal so richtig genüsslich über die Idioten aus der beargwöhnten Stadt auslassen, ein harscher Anti-Washington-Impetus, der in der amerikanischen Provinz weit verbreitet ist.

Hillermans Krimis aus dem Indianerreservat sind die Antagonisten zur hektischen urbanen Zivilisation. Er macht uns mit indianischer Lebensweisheit vertraut, mit Sitten und Kunst, mit dem feinen Geflecht der Stammeszugehörigkeiten, den alten Feindschaften zwischen Ute und Navajo, mit den Identitätsproblemen in einer gespaltenen Welt. Seine Natur-Räume sind riesig und leer und wenn es da mal ein paar Reifenspuren gibt, erzählen sie gleich eine komplizierte Geschichte. Aufmerksamkeit, Respekt und Ruhe sind bestimmende Komponenten dieser ungewöhnlichen Geschichten aus einer kargen, menschenfeindlichen Welt, der es dennoch an Charme nicht mangelt. Tony Hillerman, Dachsjagd. Deutsch von Fried Eickhoff, öS 284,-/EURO 20,64/ 256 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2001 EURO 18,68/ 310 Seiten. Ullstein Verlag, Berlin, München 2001

( Von Ingeborg Sperl - DER STANDARD, Album, Sa./So., 1./2.12.2001)

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