"Mahlzeit" und andere Petitessen

30. November 2001, 20:39
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Was sich zwischen Dirigenten und Orchestern abspielt

Unerschöpfliches Thema Künstleranekdoten. Als einmal die Gendarmerie den in Blut und Gedärmen watenden Hermann Nitsch sah, fragte sie: "Wer hat das getan?" Darauf der Maler stoisch: "Das weiß niemand."

In der Musik verhält es sich ein wenig anders. Bei Mozart geht es weniger um das "Was" als um das "Wie". Doch so harmonietrunken wie die hehre Welt der Klassik von außen scheinen mag, ist sie lange nicht.

Nicht zufällig nennt Rupert Schöttle seine Hommage an den nörgelnden Orchestermusiker "Spötter im Frack" - und nimmt dabei Bezug auf sein erstes Opus, das den "Göttern im Frack" gewidmet war, um die es freilich auch weiterhin geht.

Zu lesen sind altbekannte Anekdoten wie jene von Hans Knappertsbusch, dem intensives Proben zuwider war. "Ich kenne den Saal, Sie kennen das Stück, Mahlzeit meine Herren." Es finden sich aber auch Geschichten, die man in unterschiedlichen Fassungen kannte, jetzt aber quasi "authentisch" nachlesen kann.

Etwa die Boshaftigkeiten eines Karl Böhm, der vor allem junge Musiker bis aufs Blut traktieren konnte. Stellenweise liest sich das Kapitel über Böhm wie eine Abrechnung.

Erzählt wird zumeist aus der Perspektive der Wiener Philharmoniker. Herbert von Karajan kommt dabei ganz gut weg. Hier verständigte man sich auch auf der Ebene von Männerwitzen: "Für einen Mann ist es eine Schande", herrschte dieser einen Musiker nach verunglücktem Einsatz an, "zu früh zu kommen."

Suchten die Musiker bei Böhm die Flucht vor den Tiraden, so flohen sie bei Leonard Bernstein mitunter vor dessen Umarmungen. Bernsteins Vertrauen zum Orchester ging dennoch so weit, dass er während einer Probe die Zahnprothese herausnahm.

Spannend wird das Buch allerdings da, wo unterschiedliche Probentechniken verhandelt werden, manche Petitesse aus Plattenaufnahmen erzählt wird (John Eliot Gardiner bekommt da sein Fett ab) oder auf das Verhältnis Karajan-Bernstein eingegangen wird. Wie Karajan bei einer Aufführung von Gustav Mahlers Neunter seinen Antipoden Bernstein auszutricksen versuchte, ist ein Musterbeispiel an Machtausübung und Machtbehauptung.

Dass es unter den Musikern mitunter erschreckend kindisch zugeht, wird indes nur jene überraschen, die noch nie eine philharmonische Probe erlebt haben.

Fazit: Ohne Spötter keine Götter. Und umgekehrt.

( Von Wolfgang Schaufler - DER STANDARD, Album, Sa./So., 1./2.12.2001)

Rupert Schöttle, Spötter im Frack. Mit einem Vorwort von Nikolaus Harnoncourt. öS 348,-/EURO 25,-/138 Seiten. Bibliophile Edition, Wien 2001. Auslieferung: Pichler Medienverband.
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