Warten auf Bob

30. November 2001, 20:22
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Bericht aus der ungewöhnlichen Werkstatt von Opern- und Theaterregisseur Robert Wilson

Symbolist und Reduktionist, Bild-, Bewegungs- und Lichtmagier lauten die Attribute, mit denen der Opern- und Theater-regisseur Robert Wilson versehen wird. Vergangenen Sonntag feierte seine Inszenierung von Wagners "Siegfried" im Zürcher Opernhaus Premiere. Cornelia Niedermeier besuchte Wilson in seinem Versuchslabor Watermill auf Long Island, wo er diese und andere Produktionen generiert.

Ein Kiesweg führt den Fremden den Hügel hinauf durch den Laubwald von Watermill. Oben erwartet ihn ein ernstes Empfangskomitee: Fünfzig Stühle stehen, in gravitätischer Leere, am Hang. Fünfzig Hauptdarsteller. Robert Wilson, der texanische Minimalist unter den Opern- und Theaterregisseuren, Schöpfer geheimnisvoll leuchtender Bühnenwelten und Herr aller Stühle, der Sammler und Erfinder der ausgefallensten Exemplare dieser statischen Vierbeiner, hat sie hier jeden Sommer postiert.

Weitere Besessene finden sich 100 Meter weiter, unter den weißen Zeltdächern der Arbeitsflächen: eine Kirchenbank von 1836, ein gelber John-Smith-Chair, Bühnenstühle einer Wilsonschen Ibsen-Inszenierung, der berühmte "Hamlet"- Stuhl, oder ein rostendes Exemplar, das seine Jugend im Pariser Jardin du Luxembourg hinbrachte, bevor es der texanische Liebhaber entwendete.

In wenigen Wochen werden erneut Lastwagen vorfahren in Watermill und die Stuhlwesen werden zurückreisen nach New York, in Wilsons 600-m-Loft, das neben seiner ständig anschwellenden Kunstsammlung wenig Wohnraum bietet. Viel Raum allerdings ist nicht nötig. Maximal zehn Nächte verbringt der Regisseur jährlich in New York. Den Rest des Jahres ist er auf Reisen - oder in Watermill. Zwei Monate lang, jeden Sommer. Auch im nächsten Jahr. Wenngleich der 11. September auch auf Watermill Spuren hinterlässt, unsichtbar für das bloße Auge: Die Spenden, von denen das eigenwillige Unternehmen nahezu ausschließlich getragen wird, fließen seither spärlicher. Der weitere Ausbau wird sich erneut verzögern . . . Dennoch: Robert Wilson schätzt und benötigt die sonnigen Tage auf Long Island als Ruhepol eines rastlosen Lebens. Wenn auch für den durchschnittlichen Besucher die Tage des Robert W. alles andere wirken als ausgerechnet still. Am späten Vormittag taucht er auf, um im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden zu sein, im Laufschritt um die Ecke des grauen Fabrikgebäudes gebogen, den Hang hinab in den Keller.

Der hat den Charme einer durchschnittlichen Großgarage. In die allerdings vier Schreibtische hineinimprovisiert wurden, auf deren Oberfläche sich Kabel drängen, Telefone, Faxgeräte, Computer, Blumenvasen und wieder Kunst. An den provisorisch verputzten Wänden eine Fotogalerie, Originale von Man Ray und Nadar, Fotografien von Bert Brecht und Helene Weigel, Marlene Dietrich und Merce Cunningham. Das Büro.

Seit dem frühen Morgen organisieren hier Wilsons Assistenten den Fortgang der Bauarbeiten und die Betreuung seiner künstlerischen Projekte. Faxe werden gesandt, Mails geschickt. Eine Stunde arbeitet er konzentriert. Oben, in den Arbeitszelten, warten unterdessen sechs hölzerne Arbeitstische und ungezählte Stühle auf Bob. Dort sollen im Lauf des Tages die verschiedenen Working-Groups sich versammeln, die Arbeitsgruppen zur Vorbereitung der unterschiedlichsten Wilson-Projekte.

Fünfzehn Projekte standen in diesem Sommer auf dem Programm, sie sind das offizielle Herz der Watermill-Centers, das sich, laut Satzung, als "internationales, multidisziplinäres Institut für die Kreation und Entwicklung neuer Arbeiten in Theater, Musik, Film, Tanz und visuellen Künsten" versteht. Neuer Wilson-Arbeiten, wohlgemerkt. 2001 gilt es, diversen Operninszenierungen erste Konturen zu verleihen - für künftige Produktionen in Hamburg (St. Fran¸cois d'Assise von Messiaen im Jahr 2003), Zürich (Götterdämmerung und der nunmehr herausgebrachte Siegfried - siehe Seite 2), Brüssel (Aida) und Paris (Die Frau ohne Schatten) -, Land-Art-Projekten in Füssen und Kopenhagen, mehreren Ausstellungen, Tanztheater.

Über fünfzig junge Mitarbeiter, Schauspieler, Tänzer, Architekten aus aller Welt hat Wilson, wie in jedem Jahr, für zwei Monate nach Watermill geholt, um gemeinsam mit ihnen die künstlerischen Fundamente zu erstellen. Wenn es so weit ist. Wann das sein wird, weiß keiner, nicht einmal Wilson selbst. Fixe Strukturen sind ihm ein Gräuel.

Also ist Warten auf Bob eine der Hauptbeschäftigungen in Watermill. Nicht tatenlos allerdings. Auch hier sei Bob vor: Gartenarbeit, Bauarbeiten, Küchendienst zählen ebenso zu den Pflichten von Watermill wie die Reinigung der Toiletten in den Wasch-Containern. "Die beste Architektur ist keine Architektur", das Credo des Exarchitekten aus Waco, Texas, der sich nach Abschluss des Studiums entschloss, statt starrer Gebäude seine fließenden, atmenden, ephemeren Bühnenwelten zu erdenken, gilt auch für die Gestaltung des Tages.

Aufgabenfelder werden ebenso wenig definiert wie Räume in Watermill. Alles ist Moment, alles ist Improvisation. Wo gestern noch ein mehrere Hundert Menschen fassendes Zelt stand, stecken heute Schnüre die Originalmaße der Zürcher Opernbühne ab. Dazwischen schreitet der Regisseur, sinniert über die Räume für Götterdämmerung.

Vor nunmehr neun Jahren, 1992, erwarb die von Robert Wilson gegründete Byrd Hoffman Foundation das Gelände inmitten der Hamptons auf Long Island, dem Strandparadies des New Yorker Geldadels. Seither arbeitet er daran, das alte Fabrikgebäude, ein ehemaliges Forschungslabor der Western Union, in dem einst Zukunftsprojekte wie das Faxgerät ersonnen wurden, umzubauen. Jeden Sommer wird gebaut und gleichzeitig die Summer-Workshops abgehalten. Zwischen Schubkarren und Schutt platziert Wilson Statuen aus Bali oder Malaysia sowie die Arbeits-Inseln.

Wenig scheint vorangegangen zu sein in den letzten neun Jahren, noch immer dienen Container als Toiletten, eine Holzbaracke als Küche. Das mag am fehlenden Geld liegen. 15 Millionen Dollar veranschlagt "The Facility Five Year Plan Capital Needs", Wilsons finanzieller Fünf-Jahres-Plan für die Ausbaustufen A bis H. Dieser Summe hinterher inszeniert er für Höchstgagen rund um die Welt. Opernproduktionen am Fließband. Wobei sich stets Kunstobjekte obszön in des Künstlers Blickfeld schieben und nach Kauf verlangen.

Noch heute hält er bei Ausbaustufe A. Und freut sich der Arbeitszelte, deren luftige Flexibilität (nicht-definierte Räume. Wieder fällt das Zauberwort) ihn entzückt. Weniger allerdings Richard Gluckman, den New Yorker Architekten des Watermill- Umbaus. Also begibt sich Wilson sommers artig auf Gelderwerb uramerikanischer Art. Fund-Raising-Tour durch die Hamptons. Best Friend den schwerreichen Nachbarn. Weshalb die Mittagsstunde nach der Büro-Zeit heute wieder nicht, wie vorgesehen, den Workshops gehört. Sondern Katharina. Denn Katharina wartet mit gezückter Video-Kamera auf ein Interview. Katharina heißt mit Nachnamen Otto - ganz recht, wie der Billig-Versand - und ist Hobby-Filmerin. Seit drei Jahren filmt sie Bob. Irgendwann, so erzählt sie, soll das Material einem Fernsehsender übermittelt werden. Die nächste Stunde also ist Katharina reserviert. Werden Fragen beantwortet nach Kindheit, Mutter - "a cold bitch" - Kunst. 45 Minuten später ein Aufschrei: wie dumm, Katharina hatte vergessen, einen Film einzulegen. Neustart des Interviews.

Mit Gummistiefeln und Arbeitshandschuhen bewaffnet, rollt unterdessen Maria einen Schubkarren durchs Gelände. Marias schwarzer Jeep schiebt sich täglich über die Hügelkuppe von Watermill, 4-5 Stunden lang hilft sie bei der Gartenarbeit. Sie sei "Ambassador of Watermill", Fürsprecherin des Projekts bei den eingesessenen Hamptonians, so Maria über Maria. Wie jeder hier eine höchst individuelle Erklärung für die eigene Funktion und die von Watermill hat, so sieht sie die Fabrik als "open place", in dem einst Long Islands Kinder und Rentner Nachhilfestunden in Kunst belegen werden. Interessante Variante. Im Garten hilft sie, um abzunehmen. Ihre Freundinnen besuchen Aerobic-Stunden. Sie zieht es zur Kunst. Maria Pessino-Rothwell ist Erbin des Bacardi-Konzerns.

Was die Wilson-Factory auf Watermill nun tatsächlich ist, sein wird oder sein soll, scheint ebenso wenig fixierbar wie des Regisseurs fluktuierende Räume. Vielleicht ist Watermill aber gerade das: einer von Robert Wilsons undefinierten Orten. Think Tank, unruhiger Ruhepol, Lebens-Baustelle, Begegnungsort junger Kreativer. "Vielleicht ist es diese Atmosphäre, die den besonderen Reiz hier ausmacht", beschreibt die junge schottische Bildhauerin Tassy Thompson, die seit vier Jahren den Sommer hindurch auf Watermill arbeitet, ihre Sicht des Ortes.

Das permanente Gewusel der Menschen auf dem Gelände komme ihr vor "wie ein lebendes Breughel-Gemälde. Wir alle sind ein Stück Papier und jeden Morgen kommt Bob und zeichnet neue Muster." Man arbeite miteinander, lerne voneinander. Eigentlich sei sie in diesem Jahr zur Vorbereitung eines Land-Art-Projects in Füssen eingeladen, des "Ludwig-Projekts". Noch warte man aber, dass Bob die Gruppe einberufe.

Statt dessen habe sie Baggerfahren gelernt, Tanztechniken beim morgendlichen Training mit den professionellen Tänzern. In einer Woche wird sie zu zurückkehren nach Edinburgh, um mit Straßenkindern zu arbeiten und Drogensüchtigen. Ob das Ludwig-Projekt dann gestartet ist, ist ungewiss. Und unwesentlich.

Andere kehren nicht in ihre frühere Umgebung zurück. Christian Wassmann, der 26-jährige Schweizer Architekt, arbeitet seit fünf Jahren mit Wilson, gestaltet Ausstellungräume und Modelle für Bühnenbilder. Mittlerweile lebt er das ganze Jahr über in New York, hat eine feste Stelle im angesehen Architektur-Büro von Stuart Hall.

Von Wilson habe er gelernt, mit gleich bleibender Konzentration an mehreren Projekten parallel zu arbeiten, erklärt Wassmann. Früh schon habe ihm Bob, der Vielbeschäftigte, die eigenverantwortliche Ausführung mancher seiner Ausstellungen übertragen. Ein Vertrauen, das Selbstbewusstsein und Erfahrung einträgt, wie viele hier bestätigen.

Wieder andere werden dennoch nicht nach Watermill zurück kehren. Nicht jedem behagt die von östlicher Philosophie inspirierte Unterordnung unter den Willen des omnipräsenten Meisters, oder die Verpflichtung zur Toilettenreinigung. Künstler-KZ, Arbeitslager - auch diese Definitionen von Watermill kursieren im Gelände. Meist vor dem Essen. Serviert Ismail Ahmad, der malayische Koch-Star, der in diesem Sommer für die Verköstigung der Fünfzig gebeten wurde, seine Artefakte kulinarischer Art, herrscht Stille an den üppig mit Blumen geschmückten Tischen. Für Momente scheint Wilsons Konzept der Integration von Kunst ins Leben verdauend bejaht.

Gegen 17 Uhr das unerwartete Signal: eine Arbeitsgruppe, der sogenannte "Aventis-Workshop" wird einberufen. Auch so ein schwer definierbares Projekt. Sicher ist nur der Geldgeber, der Pharma-Konzern Aventis. Vor zwei Jahren trat die Aventis-Stiftung an Wilson heran, man wolle ein Projekt finanzieren, das das Leben im 21. Jahrhundert spiegele. Kein Problem. Prompt wurde 1999 eine Studiengruppe internationaler Wissenschaftler einberufen, in Watermill zu debattieren.

2000, einen Sommer später, hatte das ganze ein neues Gesicht: nun sollte ein gewisser Jean-Claude von Italy ein Stück verfassen: The Return of the Flood lautete der ebenso kryptische wie vielversprechende Arbeitstitel. Paul Simon, ein Freund Wilsons, solle den Soundtrack komponieren. Uraufgeführt werden sollte The Return of the Flood bei den Salzburger Festspielen 2003, wo Jürgen Flimm im kommenden Jahr die Schauspiel-Leitung übernimmt, ein langjähriger Freund Robert Wilsons und in seiner Zeit als Intendant des Hamburger Thalia-Theaters Mitinitiator erfolgreicher Projekte wie des international umjubelten Musicals Black Rider.

Ort und Zeitpunkt der Aufführung heißen auch in diesem Sommer noch Salzburg 2003. Nur das Aventis-Projekt ist ein anderes: Die Versuchung des Hl. Antonius von Gustave Flaubert, wird dem verblüfften Manager des Konzerns erklärt, eigne sich hervorragend, die Probleme der Zukunft zu beschreiben. Die Suche, die Sinnkrise. Die Musik solle Lou Reed komponieren. Man denke an einen Gospel.

Der Workshop beginnt. Zwanzig Menschen sitzen um einen Tisch. Produktions-Dramaturg Felix trägt Geschichte und Inhalt des Flaubert-Textes vor. Wilson greift zum Bleistift. Kurze Anweisungen: Noch einmal den Inhalt, Felix. Szene für Szene bitte. Was interessiert, sind Daten: Anzahl der Personen, Dauer der Szene. Die Grundstimmung - möglichst auf ein Wort verkürzt ("give me the subtext. One word, please.").

Die Information muss genügen. Lesen wird Wilson das Stück vermutlich nie. Er verlässt sich auf seine Intuition und seine Dramaturgen. Auf die Kraft der poetischen Sprache im interpretationsoffenen Raum. Unbegreiflich ist ihm, dem Künstler des Abstrakten, Unerklärbaren, der reinen Form, die Sucht der Europäer nach Begründung.

Wilson zeichnet, skizziert Räume. Schnell schießt der Bleistift übers Papier. Andächtige Stille, unterbrochen vom regelmäßigen Surren des motorisierten Spitzers, in den er den Stift taucht wie den Pinsel ins Wasserglas. Ein Blatt, ein Raum je Szene. Nach einer Stunde ist der Workshop beendet. Sieben Bilder sind gezeichnet. Akt eins nimmt optische Gestalt an.

Unmittelbar anschließend Workshop zwei: Götterdämmerung. Wieder versammeln sich zehn Mitarbeiter um einen Tisch. Wieder Erklärungen, höchste Konzentration. Wieder surrt der Bleistift-Spitzer, entstehen Quadrate auf dem Papier. Dazwischen ein hässliches Knacksen: Mary, die hysterische Journalistin des Christian Science Monitor, seit Tagen mit Atemmasken in einen einsamen Kampf gegen den Watermill-Staub verstrickt, hatte ihr Gewicht unterschätzt und sich auf einem der zarten Sammlungsvierbeiner zusammengefaltet.

Das versehrte Stuhlwesen wird umgehend in die Werkstatt getragen, wo helfende Hände sich seiner annehmen. Seine stillen Artgenossen geleiten den Gast zum eisernen Ausgangstor. Schweigende Zeugen eines jährlich wiederkehrenden Rituals. Im Herbst erwartet sie New York. Zehn Monate lang heißt es dann wieder: Warten auf Bob. Und Watermill. []

Vor nunmehr neun Jahren, 1992, erwarb die von Robert Wilson gegründete Byrd Hoffman Foundation das Gelände inmitten der Hamptons auf Long Island, dem Strandparadies des New Yorker Geldadels. Seither arbeitet er daran, das alte Fabriksgebäude, ein ehemaliges Forschungslabor der Western Union, in dem einst Zukunftsprojekte wie das Faxgerät ersonnen wurden, umzubauen. Jeden Sommer wird gebaut, gleichzeitig werden die Summer-Workshops abgehalten. Zwischen Schubkarren und Schutt platziert Wilson Statuen aus Bali oder Malaysia sowie die Arbeits-Inseln.

Wenig scheint vorangegangen zu sein in den letzten neun Jahren, noch immer dienen Container als Toiletten, eine Holzbaracke als Küche. An Geld herrschte in Watermill schon vor dem 11. September notorischer Mangel. 15 Millionen Dollar veranschlagt "The Facility Five Year Plan Capital Needs", Wilsons finanzieller Fünfjahresplan für die Ausbaustufen A bis H. Dieser Summe hinterher inszeniert er für Höchstgagen rund um die Welt. Opernproduktionen am Fließband. Wobei sich stets Kunstobjekte obszön in des Künstlers Blickfeld schieben und nach Kauf verlangen.

Noch heute hält er bei Ausbaustufe A. Und freut sich der Arbeitszelte, deren luftige Flexibilität (nicht definierte Räume - wieder fällt das Zauberwort) ihn entzückt. Weniger allerdings Richard Gluckman, den New Yorker Architekten des Watermill-Umbaus. Also begibt sich Wilson sommers artig auf Gelderwerb uramerikanischer Art. Fund-Raising-Tour durch die Hamptons. Best Friend den schwerreichen Nachbarn. Weshalb die Mittagsstunde nach der Bürozeit heute wieder nicht, wie vorgesehen, den Workshops gehört. Sondern Katharina. Denn Katharina wartet mit gezückter Videokamera auf ein Interview. Katharina heißt mit Nachnamen Otto - ganz recht, wie das Versandhaus - und ist Hobbyfilmerin. Seit drei Jahren filmt sie Bob. Irgendwann, so erzählt sie, soll das Material einem TV-Sender übermittelt werden. Die nächste Stunde also ist ihr reserviert. Werden Fragen beantwortet nach Kindheit, Mutter ("a cold bitch"), Kunst. Zum Schluss plötzlich ein Aufschrei: Wie dumm, Katharina hatte vergessen, eine Kassette einzulegen. Neustart des Interviews.

Mit Gummistiefeln und Arbeitshandschuhen bewaffnet, rollt unterdessen Maria einen Schubkarren durchs Gelände. Marias schwarzer Jeep schiebt sich täglich über die Hügelkuppe von Watermill, vier bis fünf Stunden lang hilft sie bei der Gartenarbeit. Sie sei "Ambassador of Watermill", Fürsprecherin des Projekts bei den eingesessenen Hamptonians, so Maria über Maria. Wie jeder hier eine höchst individuelle Erklärung für die eigene Funktion und die von Watermill hat, so sieht sie die Fabrik als "open place", in dem einst Long Islands Kinder und Rentner Nachhilfestunden in Kunst belegen werden. Interessante Variante. Im Garten hilft sie um abzunehmen. Ihre Freundinnen besuchen Aerobic-Stunden. Sie zieht es zur Kunst. Maria Pessino-Rothwell ist Erbin des Bacardi-Konzerns.

Was die Wilson-Factory auf Watermill nun tatsächlich ist, sein wird oder sein soll, scheint ebenso wenig fixierbar wie des Regisseurs fluktuierende Räume. Vielleicht ist Watermill aber gerade das: einer von Robert Wilsons undefinierten Orten. Think-Tank, unruhiger Ruhepol, Lebens-Baustelle, Begegnungsort junger Kreativer. "Vielleicht ist es diese Atmosphäre, die den besonderen Reiz hier ausmacht", beschreibt die junge schottische Bildhauerin Tassy Thompson, die seit vier Jahren den Sommer hindurch auf Watermill arbeitet, ihre Sicht des Ortes. Das permanente Gewusel der Menschen auf dem Gelände komme ihr vor "wie ein lebendes Breughel-Gemälde. Wir alle sind ein Stück Papier und jeden Morgen kommt Bob und zeichnet neue Muster." Man arbeite miteinander, lerne voneinander. Eigentlich sei sie zur Vorbereitung eines Land-Art-Projekts in Füssen eingeladen, des "Ludwig-Projekts". Noch warte man aber, dass Bob die Gruppe einberufe.

Stattdessen habe sie Baggerfahren gelernt, Tanztechniken beim morgendlichen Training mit den professionellen Tänzern. In einer Woche wird sie zurückkehren nach Edinburgh, um mit Straßenkindern zu arbeiten und Drogensüchtigen. Ob das Ludwig-Projekt dann gestartet ist, ist ungewiss. Und unwesentlich.

Andere kehren nicht in ihre frühere Umgebung zurück. Christian Wassmann, der 26-jährige Schweizer Architekt, arbeitet seit fünf Jahren mit Wilson, gestaltet Ausstellungräume und Modelle für Bühnenbilder. Mittlerweile lebt er das ganze Jahr über in New York, hat eine feste Stelle im angesehen Architekturbüro von Stuart Hall.

Von Wilson habe er gelernt, mit gleich bleibender Konzentration an mehreren Projekten parallel zu arbeiten, erklärt Wassmann. Früh schon habe ihm Bob, der Vielbeschäftigte, die eigenverantwortliche Ausführung mancher seiner Ausstellungen übertragen. Ein Vertrauen, das Selbstbewusstsein und Erfahrung einträgt, wie viele hier bestätigen.

Wieder andere werden dennoch nicht nach Watermill zurückkehren. Nicht jedem behagt die von östlicher Philosophie inspirierte Unterordnung unter den Willen des omnipräsenten Meisters, oder die Verpflichtung zur Toilettenreinigung. Künstler-KZ, Arbeitslager - auch diese Definitionen von Watermill kursieren im Gelände.

Gegen 17 Uhr das unerwartete Signal: eine Arbeitsgruppe, der so genannte "Aventis-Workshop" wird einberufen. Auch so ein schwer definierbares Projekt. Sicher ist nur der Geldgeber, der Pharmakonzern Aventis. Vor zwei Jahren trat die Aventis-Stiftung an Wilson heran, man wolle ein Projekt finanzieren, das das Leben im 21. Jahrhundert spiegle. Kein Problem. Prompt wurde 1999 eine Studiengruppe internationaler Wissenschafter einberufen, in Watermill zu debattieren.

2000, einen Sommer später, hatte das Ganze ein neues Gesicht: Nun sollte ein gewisser Jean-Claude von Italy ein Stück verfassen: The Return of the Flood lautete der ebenso kryptische wie viel versprechende Arbeitstitel. Paul Simon, ein Freund Wilsons, solle den Soundtrack komponieren. Uraufgeführt werden sollte The Return of the Flood bei den Salzburger Festspielen 2003, wo Jürgen Flimm im kommenden Jahr die Schauspielleitung übernimmt, ein langjähriger Freund Robert Wilsons und in seiner Zeit als Intendant des Hamburger Thalia-Theaters Mitinitiator erfolgreicher Projekte wie des umjubelten Musicals Black Rider.

Ort und Zeitpunkt der Aufführung heißen auch in diesem Sommer noch Salzburg 2003. Nur das Aventis-Projekt ist ein anderes: Die Versuchung des Hl. Antonius von Gustave Flaubert, wird dem verblüfften Manager des Konzerns erklärt, eigne sich hervorragend, die Probleme der Zukunft zu beschreiben. Die Suche, die Sinnkrise. Die Musik solle Lou Reed komponieren, mit dem gemeinsam Robert Wilson eben den von Edgar Allan Poe inspirierten Song-Zyklus POEtry herausbrachte (der noch bis 8. Dezember an der Brooklyn Academy of Music zu hören und zu sehen ist).

Der Workshop beginnt. Zwanzig Menschen sitzen um einen Tisch. Produktionsdramaturg Felix Schnieder-Henninger trägt Geschichte und Inhalt des Flaubert-Textes vor. Wilson greift zum Bleistift. Kurze Anweisungen: Noch einmal den Inhalt, Felix. Szene für Szene bitte. Was interessiert, sind Daten - Anzahl der Personen, Dauer der Szene. Die Grundstimmung - möglichst auf ein Wort verkürzt ("give me the subtext. One word, please.").

Die Information muss genügen. Lesen wird Wilson das Stück vermutlich nie. Er verlässt sich auf seine Intuition und seine Dramaturgen. Auf die Kraft der poetischen Sprache im interpretationsoffenen Raum. Unbegreiflich ist ihm, dem Künstler des Abstrakten, Unerklärbaren, der reinen Form, die Sucht der Europäer nach Begründung.

Wilson zeichnet, skizziert Räume. Schnell schießt der Bleistift übers Papier. Andächtige Stille, unterbrochen vom regelmäßigen Surren des motorisierten Spitzers, in den er den Stift taucht wie den Pinsel ins Wasserglas. Ein Blatt, ein Raum je Szene. Nach einer Stunde ist der Workshop beendet. Sieben Bilder sind gezeichnet. Akt eins nimmt optische Gestalt an.

Unmittelbar anschließend Workshop zwei: Götterdämmerung. Wieder versammeln sich zehn Mitarbeiter um einen Tisch. Wieder Erklärungen, höchste Konzentration. Wieder surrt der Bleistiftspitzer, entstehen Quadrate auf dem Papier. Dazwischen ein hässliches Knacksen: Mary, die hysterische Journalistin des Christian Science Monitor, seit Tagen mit Atemmasken in einen einsamen Kampf gegen den Watermill-Staub verstrickt, hatte ihr Gewicht unterschätzt und sich auf einem der zarten Sammlungsvierbeiner zusammengefaltet.

Das versehrte Stuhlwesen wird umgehend in die Werkstatt getragen, wo helfende Hände sich seiner annehmen. Seine stillen Artgenossen geleiten den Gast zum eisernen Ausgangstor. Schweigende Zeugen eines jährlich wiederkehrenden Rituals. Im Herbst erwartet sie New York. Zehn Monate lang heißt es dann wieder: Warten auf Bob. Und Watermill. (DER STANDARD, Album, Sa./So., 1./2.12.2001)

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