Respekt vor Menschenrechten ist keine Frage der "Kulturen"

30. November 2001, 20:02
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Warum in der Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 11. September und deren Folgewirkungen Samuel Huntingtons These vom "Clash of Civilisations" in die Irre führt.

Vor zehn Jahren behauptete Samuel Huntington, dass die Konflikte der Weltpolitik nach dem Ende des Kalten Kriegs primär kulturell bedingt seien und prognostizierte einen "clash of civilizations", basierend auf der Unvereinbarkeit von fünf oder sechs Kulturkreisen, die zwar koexistieren jedoch niemals, in Ermangelung gemeinsamer Werte, konvergieren könnten.

Diese Argumentation impliziert in bezug auf die Ereignisse des 11. September zwei Schlussfolgerungen. Erstens: Die Terrorangriffe und die von den USA angeführten Gegenschläge sind Ausdruck des Kulturkampfs zwischen dem Islam und dem Westen. Zweitens: Die universellen Menschenrechte sind nur eine Hervorbringung der europäischen Kultur und daher in Gesellschaften, denen diese Traditionen fremd sind, nicht anwendbar.

Meiner Meinung nach irrt Huntington in beiden Punkten. Sir Vidiadhar S. Naipaul, der vor kurzem den Nobelpreis für Literatur erhielt, schrieb einmal einen Artikel unter dem Titel "Our Universal Civilization". Wie treffend. Naipaul ist indischer Abstammung und in Trinidad aufgewachsen. Er erklärte in diesem Text, nicht nur dass die westlichen Werte zu allen Kulturen passen, sondern auch dass er seine literarischen Leistungen genau jener Universalität verdanke, die entsteht, wenn man Huntingtons vermeintliche kulturelle Grenzen überschreitet.

Universalität ist auch in einem weiteren Sinn des Wortes anwendbar, da die treibende Urkraft der Menschheit und der Weltpolitik nicht die kulturelle Vielfalt, sondern die alle betreffende Modernisierung ist, die sich als liberale Demokratie und soziale Marktwirtschaft institutionell manifestiert. Der gegenwärtige Konflikt ist keineswegs Ausdruck eines Kulturkampfs im Sinne einer Auseinandersetzung zwischen zwei gleichrangigen Kulturzonen; er ist vielmehr symptomatisch für eine nach rückwärts gerichtete Handeln jener, die sich von der Modernisierung - und damit auch von deren ethischer Komponente, der Respektierung der Menschenrechte - bedroht fühlen.

Im Grunde basiert(e) jedes Recht auf einer von drei Autoritäten: Gott, Mensch oder Natur. Die Auffassung von Gott bzw. der Religion als Urquelle jeden Rechts, wird im Westen seit der Aufklärung abgelehnt. John Locke eröffnet seine große philosophische Abhandlung Two Treatises of Government mit einem langen Traktat gegen Robert Filmers Verteidigung des Königsrechts von Gottes Gnaden. Mit anderen Worten, die säkulare Rechtsauffassung des Westens entspringt in den Anfängen der liberalen Tradition.

Genau hier verläuft offenbar auch heute die entscheidende Trennlinie zwischen dem Islam und dem Westen, da viele Muslime den säkularen Staat ablehnen. Bevor wir jedoch daraus einen unaufhaltsamen "Clash of Civilisations" ableiten, sollten wir darüber nachdenken, wieso der säkulare Liberalismus sich zuerst im Westen durchgesetzt hat. Es ist kein Zufall, dass liberale Ideen im 16. und 17. Jahrhundert auftauchten, als die blutigen Auseinandersetzungen christlicher Religionsgruppen in Europa zeigten, wie aussichtslos es ist, einen religiösen Konsens als Basis für weltliche Herrschaftsstrukturen zu finden.

Dass Hobbes, Locke und Montesquieu u.a. angesichts des Horrors des Dreißigjährigen Krieges die Forderung erhoben, Kirche und Staat zu trennen, geschah auch und nicht zuletzt im Interesse eines zivilen Friedens.

Der Islam steht nun vor einem ähnlichen Dilemma. Bestrebungen, Politik und Religion zu vereinen, spalten die Muslime ebenso wie das seinerzeit bei den Christen in Europa der Fall war. Unsere Politiker haben daher Recht, wenn sie immer wieder betonen, dass es sich nicht um einen Konflikt mit dem Islam handelt - einer extrem heterogenen Religion, die autoritäre Glaubensauslegungen nicht akzeptiert. Für Intoleranz und Fundamentalismus mögen sich zwar einige Muslime entscheiden, der Islam aber setzte sich seit jeher mit der Frage des Laizismus und den Werten religiöser Toleranz auseinander, wie die anhaltenden Reformbestrebungen im theokratischen Iran belegen.

Die zweite Quelle von Rechten - im Sinne der positivistischen Auffassung, wonach Recht ist, was immer eine Gesellschaft über gewisse konstitutionelle Einrichtungen zum Recht erklärt - garantiert ebenso wenig liberale Strömungen, sondern mündet in kulturellen Relativismus. Wenn, wie Huntington impliziert, die Rechte, die wir im Westen einfordern, allein auf die politische Krise des europäischen Christentums nach Luthers Reformation zurückzuführen sind, was kann andere Gesellschaften davon abhalten, diese Rechte unter Berufung auf ihre jeweils eigenen Traditionen abzulehnen?

Bleibt schließlich noch die dritte Quelle von Rechten - die Natur: Die Sprache des Naturrechts - vor allem im Amerika des 18. Jahrhunderts überzeugend weiterentwickelt - prägt in der Tat nach wie vor unseren ethischen Diskurs. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass Rasse, Ethnie, soziale Herkunft, Geschlecht nicht essentielle Merkmale der Menschen sind, dann sagen wir damit offensichtlich, dass es ein Substrat des "Menschseins" gibt, das uns allen das Recht auf gleichen Schutz vor Übergriffen anderer Gruppen oder Staaten zugesteht.

Und diese Überzeugung verbietet uns auch, bestimmte Gruppen der Gesellschaft aus kulturellen Gründen zu diskriminieren oder zu unterdrücken, wie zum Beispiel Frauen. Darüber hinaus beweist die Errichtung demokratischer Institutionen in Gesellschaften mit nichteuropäischen Traditionen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dass wir im Westen mit dieser Überzeugung nicht alleine stehen.

Wenn die Menschenrechte aber tatsächlich universell sind, sollten wir ihre Umsetzung dann nicht zu jeder Zeit und überall auf der Welt fordern? - Aristoteles stellt in seiner Nikomachischen Ethik fest, dass es Naturgesetze der Gerechtigkeit gibt, ihre Anwendung jedoch Flexibilität und Besonnenheit voraussetze. Und diese Einsicht hat auch heute noch Gültigkeit: Wir müssen zwischen der Theorie universeller Menschenrechte und der Praxis ihrer weltweiten Durchsetzung unterscheiden, da unsere Auffassung von Menschlichkeit und Recht in verschiedenen sozialen Strukturen jeweils unterschiedlich interpretiert und wahrgenommen wird.

In vielen traditionellen Zivilisationen, wo die Möglichkeiten einer eigenen Lebensplanung beschränkt sind, stößt das individualistische Rechtsverständnis des Westens auf großen Widerstand. Wahr ist, dass es vom Modernisierungsprozess nicht abgekoppelt werden kann. Andernfalls würde man den Wagen vor das Pferd spannen. Unsere Verpflichtung, dieses gemeinsame Ideal und die Einlösung solcher Rechtsgarantien zu unterstützen, ist ein Teil des Fortschritts, von dem andere Elemente, die eine moderne Gesellschaft ausmachen - wie Demokratie und soziale Gerechtigkeit -, nicht wegzudenken sind.

Francis Fukuyama* - DER STANDARD, Print, Sa./So., 1./2.12.2001)

Der Autor des weltweit diskutierten Buches "Das Ende der Geschichte" (erschienen 1992) lehrt Sozialwissenschaft an der Johns-Hopkins-University, Baltimore, Maryland, USA.

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