Quo vadis, Lateinunterricht?

30. November 2001, 19:04
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Der pädagogische Dauerbrenner in der STANDARD-Schuldiskussion

Wien - Medienkunde statt Lateinunterricht - das wünscht sich EU-Abgeordneter und Bestsellerautor Hans-Peter Martin. "Es geht darum, am Ende der Schulzeit einen lebenstauglichen, wertgefestigten Menschen zu haben", sagte er Donnerstagabend bei der STANDARD-Diskussion "Macht Latein noch Sinn?"

Auch Roswitha Fitzka- Puchberger, Initiatorin der Elterninitiative "Fremdsprachenoffensive", findet, dass in der Schule neue Schwerpunkte gesetzt werden sollten: Es könnte ein Fach "Europäische Kulturgeschichte" entwickelt werden.

Für sie hat der Lateinunterricht nämlich ein "grundsätzliches, strukturelles Problem". Fitzka-Puchberger: Meistens würden lediglich Grammatikregeln gepaukt, anstatt auch auf die Inhalte einzugehen. Die von Schülern und Lehrern übersetzten Texte seien dann schlussendlich "nur mehr ein Gestammel".

"Aha, ein interessanter Text!" Das habe sie sich gedacht, als sie selbst das erste Mal nach ihrer eigenen Schulzeit die alten Philosophen in guter Übersetzung gelesen habe. "Lassen Sie sich etwas einfallen", appellierte die Elternvertreterin an die anwesenden Fachlehrer. Eine Anregung, die AHS-Direktorin und Lateinlehrerin Eva Reichel aufzunehmen versprach.

Gleichzeitig verteidigte sie allerdings die klassischen Fächer. Dass Latein seit geraumer Zeit angegriffen werde, habe dem Fach gut getan. Dadurch habe es einen gewissen Zwang zur Modernisierung gegeben.

Latein sei das einzige Fach in der Schule, in dem Sprachbetrachtung und -struktur sowie Reflexion über Sprache gepflegt werde. Im Lateinunterricht werde den Schülern Geschichte "durch Geschichte erzählt". Reichel: "Es genügt schon, wenn die Kinder ein bisschen davon mitnehmen.

Rückendeckung bekam sie von ihrem Lehrerkollegen und Lateinbuchautor ("Ludus") Helfried Gschwandtner. Bei anderen Sprachen stehe das Kommunizieren im Vordergrund, hier müsse genau übersetzt und dann nachgedacht werden: "Latein ist ein Bildungsfach. Da kann man nicht einfach fragen: Was bringt's?"

Ein Unternehmer im Publikum wusste darauf dennoch eine Antwort: International sei eine klassische, humanistische Ausbildung immer mehr gefragt. "In Latein und Griechisch lernt man am besten denken und entscheiden."

Das erzeugte Widerspruch beim EU-Abgeordneten, der sich von "Latein-Junkies" umgeben sah: "Wenn es um erfolgreiches Wirtschaften geht, spielt Latein keine Rolle."

Aus der Zuhörerschaft gab es allerdings auch prinzipielle Kritik am Schulwesen: "Ich stelle mit Entsetzen fest, dass nur mehr Fastfood-Wissen vermittelt wird", sagte ein frustrierter Vater. "Wissen auf einem oberflächlichen Niveau, das nur dazu da ist, um es schnell zu reproduzieren. Da geht es zuerst ums Atommodell, dann kommt der Regenwurm, und nichts hängt zusammen."

Der Tenor der anwesenden Lehrer wiederum war: "Die Kinder können nicht mehr zuhören." Es mangle an strukturellem Denken.

Für Lateinbuchautor Gschwandtner liegt genau hier die größte Chance für Latein. International sei das Fach wieder im Vormarsch, um die Sprachkompetenz von Jugendlichen zu heben. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 1.12.2001)

Von Peter Mayr

Nächste STANDARD-Schuldiskussion: "Ethikunterricht statt Religion?" 6. 12., 19.30 Uhr, Palais Trauttmansdorff, Herrengasse 19-21, 1010 Wien

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