Irak: Offene Fragen - von Gudrun Harrer

30. November 2001, 19:31
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George Bush hat mit seinem eher leicht hingesagten "Das wird er - Saddam Hussein - schon sehen" eine Spekulationswelle darüber ausgelöst, ob er als Präsident den von seinem Vater 1991 offen gelassenen "Job" in Bagdad zu Ende führen wird. Die Europäer raten in der Mehrzahl ab, mit dem Hinweis, dass ein US-Angriff auf den Irak das sichere Aus für die weltweite Antiterrorallianz bedeuten würde. Da die Iraker im arabischen und islamischen Narrativ ungeachtet der Rolle Saddams kollektiv als Opfer der US-Hegemonialpolitik in der Region gesehen werden, wäre tatsächlich mit großer Unruhe auf den Straßen zu rechnen. Dass sich die betroffenen Regierungen aber mehr als populistisch unbedingt notwendig für ihren ungeliebten Bruder am Tigris einsetzen würden, ist zu bezweifeln. Alle wären froh, wenn der Irak wieder berechenbar würde.

Die Probleme sind also andere. Da ist zuerst die militärische Seite: Auch wenn man davon ausgeht, dass die reguläre irakische Armee schwach ist, bleiben Saddam seine Republikanischen Garden und andere bestens ausgerüstete, relativ gut motivierte Privatmilizen, deren einziger Existenzgrund der Schutz des Regimes ist. Falls er sie denn hat, könnte Saddam - wenn er weiß, dass diesmal er das Ziel des Angriffs ist - auch B- und C-Waffen einsetzen, anders als während des Golfkriegs, als er nach Nukleardrohungen der Amerikaner davon Abstand nahm.

Vor allem aber sind da genau die Probleme, wegen denen Saddam damals an der Macht belassen wurde: Wer nach ihm kann den Irak - Kurden im Norden, Sunniten im Zentrum, Schiiten im Süden - zusammenhalten? Wie reagiert man diesmal, wenn sich die Iraker gegen ihr Regime erheben? Wo steht in diesem Szenario Iran? Wie löst Washington nach dem Wegfall der Bedrohung durch Saddam das Dilemma seiner Militärpräsenz in Kuwait und Saudi-Arabien? Ohne Antworten auf diese Fragen im Gepäck sollte man nicht in den Krieg ziehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.12./2.12.2001)

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