Sturz aus dem Himmel der Niedertracht

30. November 2001, 19:34
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Horváth? Josefstadt! Hackl inszeniert Nestroy

Ronald Pohl

Wien - Heimliches Geld, heimliche Liebe ist unter den späten, galligen Nestroy-Possen auch noch die tintenschwärzeste. Denn wenn jede Epoche ihr eigenes Medium der Nachrichtenübertragung hat, jede Begierde ihre Technik, jede Währung ihren festen Zinssatz, so haben die Ärmsten der Armen: nicht einmal eine eigene Stimme.

Die Ärmsten sind in der Regel weiblich. Sie verfügen über keine Schulbildung, verdingen sich als Köchin oder Stopf-Mamsell; wenn sie ihrem Liebsten, der im Alpen-Umland zufällig auf Montage weilt, in aller Heimlichkeit ein Brieflein stellen wollen, müssen sie sich in das Hinterzimmer einer Gemüsefrau bequemen, als wären sie in der Hoffnung und müssten sich um ihre Last erleichtern.

Dort, in diesem Fegefeuer der Halböffentlichkeit, nimmt ein wahrer Ausbund an Niedertracht, ein kugelrunder Mandarin mit Tintenfass und Trinkgeldgier, das schamvoll gestammelte Diktat mit einem Lämmergrinsen auf.

Otto Schenk - wir sind schließlich im Theater in der Josefstadt - legt den Dickkopf mürb trocken an: ganz kalt und klamm und großvaterverrotzt. "Ein' Stil haben die Weibsbilder, dass man verzweifeln könnt'!", knurrt, federkratzend, diese bürgerliche Brandruine der Sittlichkeit, die das Recht auf Diskretion zum Kauf feilbietet, aber mit einem Sturz des Tintenfasses genüsslich böse bricht.
Etwa bis hierhin schwingt sich Karlheinz Hackls Inszenierung, die mit Horváth als dem Staranwalt der Kleinen Leute kokettiert, zu nichts Falschem auf. Sie zielt, von der Niedertracht angezogen, in die Tiefe der Gemeinheit mitten hinein.

Sie steuert sogar einen unentdeckten, bunt gescheckten, lau erhitzten Erdmittelpunkt an: dort, wo Nestroy die Liebe in kleine Münze umschmilzt, das Blut und die Säfte aber zu einer Sepia-Pfütze zusammenrührt. Denn die Medien tauscht er in Heimliches Geld . . . wie toll. Stürzt die durcheinander Liebenden in das Chaos der Anlageberatung, hetzt sie, der trügerischen Aussicht auf Gelder wegen, in das trübe Becken der erotischen Spekulation.

Es ist schwärzeste Alchemie; und am Schluss, den Hackl dann Cosy-weich abschwächt, bleibt eine bitter betrogene Witwe (Bigi Fischer) über, die in ihrer ondulierten Haarpracht zu Eis erstarrt. Irgendwann ab Mitte des ersten Aktes findet diese tintenzerlaufene Nachtandacht, mit der man dem Jahresjubilar das schönste Geschenk kostengünstig bereitet, ihr allzu gemütvolles Ende.

Sprachunfähig

Denn eben noch hatte Ursula Strauss die um das Brief-Stellen einkommende Köchin Leni in ein mürbes, nudellanges Elend fein empor gejammert. Herbert Föttinger betritt nun als Rächer der sprachlich Verderbten die Bühne (Rolf Langenfass) und pustet, ein frohgemuter Sturm und Zwang, den Geist aus Nestroys Sätzen. Dabei zwinkert Föttinger als Kupferwortschmied Kasimir und schmeichelt, als würde er die Schirmherrschaft über den "Verein der Privaten Förderer des Theaters in der Josefstadt" zum ersten Advent mit übernehmen wollen: gratis, versteht sich.

Nichts geht mehr. Der Geldleiher (Alexander Waechter) näselt, der gute, dumpfe "Altg'sell'" (Thaddäus Pod-gorski) schmeißt die Pointen. Und Schenk, vor dem man eben noch den finsteren Teppich der Nacht holdselig ausgebreitet sah, eine Leiter, die hinaufführt zu den Sternen der Wahrhaftigkeit, wo die Raffgier und der Menschenhass wie Lichtlein prangen, plumpst zurück aufs Altenteil.

Er zerrt an seiner Gestalt des Dickkopf noch ein wenig umständlich herum. Lüpft das Nervenkleid. Ein geliehener Großvater, doch kein Sophist des Gelderwerbs, und kein Mephisto der Zwangsverhältnisse. Ein herber, böser Himmels-Absturz.
In den Applaus mischten sich einige Solidaritätsbekundungen für Herrn Hackl. Das wird ihn gefreut haben.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 1./2.12.2001)
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